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WHEELCHAIR SPORTS CAMP – Oh Imperfecta

2026 (Alternative Tentacles Records) - Stil: Experimental Hip-Hop / Punk Rap

Mit ´Oh Imperfecta´ legen WHEELCHAIR SPORTS CAMP das bislang konzentrierteste und zugleich wildeste Werk ihrer Laufbahn vor. Die Gruppe aus Denver hat sich nie sauber zwischen Hip-Hop, Punk, Performance-Kunst und politischer Aktion eingereiht, doch genau diese Rastlosigkeit macht das Album so interessant. Frontfrau Kalyn Rose Heffernan führt durch sechzehn Stücke voller beißendem Humor, persönlicher Wut und grotesker Alltagsbeobachtungen, während Greggy am Schlagzeug den Laden mit rumpelnder Punk-Energie zusammenhält. Was dabei entsteht, klingt nach Kellerclub, Protestmarsch und verschwitzter Blockparty zugleich.

Der Titel ´Oh Imperfecta´ trägt dabei mehr Gewicht, als es zunächst scheint. Kalyn Rose Heffernan verarbeitet hier ihre eigene Osteogenesis imperfecta, jene Glasknochenkrankheit, die ihr Leben seit der Geburt prägt. Gleichzeitig erzählt das Album vom Versuch, den eigenen Perfektionismus endlich abzulegen. Viele der Songs lagen über Jahre auf alten Festplatten, halbfertig, immer wieder überarbeitet. Erst als die Band begann, bewusst roher zu arbeiten, platzte der Knoten. Ausgerechnet ´Eat Meat!´ wurde zum Wendepunkt. Kalyn Rose Heffernan setzte sich erstmals seit der Schulzeit wieder selbst ans Schlagzeug und beschloss, lieber einen kaputten, lärmenden Punk-Song aufzunehmen als noch weitere Jahre an perfekten Rap-Arrangements zu feilen. Diese Befreiung hört man der Platte in jeder Minute an.

Schon ´Make It Make Sense´ geht frontal rein. Scharfkantiger Rap trifft auf hektische Punk-Gitarren, während Jello Biafra mit seiner giftigen Stimme politische Parolen und groteske Kommentare in die Strophen schleudert. Dazu kommt Radio Pete, der einst den Namen DEAD KENNEDYS mitprägte und hier erstmals überhaupt mit Jello Biafra gemeinsam aufnimmt. Der Song feuert gegen amerikanische Prioritäten zwischen Militärbudget und Obdachlosigkeit, klingt dabei wie ein aufgekratzter Straßenzug kurz vor Mitternacht und hält das Tempo brutal hoch.

´Eat Meat!´ dagegen knallt wie ein billiger Hardcore-Sampler aus den frühen Achtzigern, bloß mit satirischem Rap-Gift im Zentrum. Die Drums scheppern bewusst schief und Kalyn Rose Heffernan spuckt ihre Zeilen mit dieser Mischung aus Selbstironie und genervter Angriffslust aus jeder Silbe. Mit ´Yess I’m A Mess´ liefert die Gruppe ihren wohl eingängigsten Song ab. Bevor die Nummer in einen schmutzigen Electro-Punk kippt, legt sie einen James-Bond-artigen Glamour über den Beat – und der Refrain bleibt sofort hängen. Diese Fähigkeit, Chaos und Ohrwurm zusammenzubringen, beherrscht derzeit kaum jemand so selbstverständlich wie WHEELCHAIR SPORTS CAMP.

´Slumber Party´ mit Amy Goodman gehört zu den seltsamsten und stärksten Momenten der Platte. Die legendäre Stimme von DEMOCRACY NOW! taucht mitten in einem scheinbar lockeren Übernachtungsparty-Szenario auf. Aus kindlicher Pyjamaparty wird ein bitterer Kommentar über politische Müdigkeit, Medienlärm und soziale Gewalt. Gerade weil der Song nie in platte Parolen verfällt, ist er so überzeugend. Auch ´Denim´ sitzt perfekt, ein schwer groovender Hip-Hop-Track. RAREBYRD$ ergänzt den Track mit lässiger Präsenz, während Kalyn Rose Heffernan den Song mit trockenem Witz und erstaunlich pointierten Bildern zusammenhält.

´Dead´ gerät schließlich zur großen Punk-Explosion des Albums. Olivia Jean legt scharf riffende Gitarren unter den Song, Jello Biafra keift sich mit herrlicher Übertreibung durch die Nummer und WHEELCHAIR SPORTS CAMP verwandeln das Stück in einen halb chaotischen, halb hymnischen Abriss zwischen Garage Rock, Art Punk und Rap-Exzess.

Zwischen den eigentlichen Songs tauchen immer wieder die inzwischen legendären Mama-K-Interludes auf. Telefonmitschnitte mit Kalyn Rose Heffernans Mutter sorgen für absurde, intime und oft urkomische Momente. Dadurch bekommt die Platte etwas angenehm Unberechenbares. Man hat ständig das Gefühl, mitten im Alltag dieser Band zu landen, irgendwo zwischen Familienchaos, politischen Aktionen, Kunstinstallation und Tourbuswahnsinn.

Diese permanente Verbindung aus Kunst und Aktivismus zieht sich ohnehin durch das gesamte Projekt. Kalyn Rose Heffernan kandidierte 2019 als Bürgermeisterin von Denver, organisierte Proteste gegen Sozialkürzungen und ließ sich für Aktionen der Behindertenrechtsgruppe ADAPT sogar verhaften. Selbst ihre Kritik an den Verkehrsbetrieben von Denver floss indirekt in die Haltung dieses Albums ein. WHEELCHAIR SPORTS CAMP arbeiten nie mit sauber getrennten Rollenbildern zwischen Musikerin, Aktivistin oder Performance-Künstlerin. Alles läuft gleichzeitig ineinander.

Hinzu kommt die enge Verbindung zur Kunstszene von Denver. Einige Stücke entstanden ursprünglich für die Installation „Wheelchair Space Kitchen“ im Meow Wolf Denver, einem surrealen Kunstlabyrinth, das perfekt zur Ästhetik der Band passt. Dort baute Kalyn Rose Heffernan eine Küche exakt auf ihre Körpergröße um, sodass plötzlich alle anderen Besucher zu groß und unbeholfen wirkten. Diese spielerische Umkehr gesellschaftlicher Perspektiven findet sich auch musikalisch überall auf dem Album wieder.

Produziert wurde das Material über viele Jahre hinweg gemeinsam mit wechselnden Freunden, Gästen und Weggefährten. Kimya Dawson, Junia-T, Olivia Jean und Jello Biafra fügen sich erstaunlich organisch ein, ohne den Charakter der Band zu verwässern. Statt geschniegelt klingender Gastauftritte entstehen echte Zusammenstöße aus Punk, Indie Rock, Conscious Rap und schräger Performance-Energie.

Audiophil betrachtet besitzt die 2026er Vinyl-Ausgabe einen angenehm direkten Klang. “Alternative Tentacles” spendieren dem Album jene physische Präsenz, die dieses Material braucht: laut, unbequem, voller Ecken und dabei erstaunlich warm im Klangbild. ´Oh Imperfecta´ wirkt dadurch weniger wie ein gewöhnliches Rap-Album als wie ein fiebriger Mitschnitt aus Kunstaktion, Protestkundgebung und Underground-Clubnacht.

(8 Punkte)

https://www.facebook.com/wheelchairsportscamp

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