
Nach über 36 Jahren auf der Weltbühne, acht Grammy-Nominierungen und einer Diskografie, die das Genre des klavierbetonten, bekenntnishaften Songwritings entscheidend geprägt hat, könnte man meinen, Tori Amos hätte alles gesagt. Mit ihrem 18. Studioalbum ´In Times Of Dragons´ zeigt sie jedoch, dass ihre künstlerische Kraft nicht nachlässt. Erst kürzlich mit dem „Inspirational Artist Award“ geehrt und von Künstlerinnen wie Halsey als prägende Inspiration benannt, legt sie ein politisch und persönlich aufgeladenes Doppelalbum vor, das sich über 76 Minuten wie eine große, kontinuierliche Geschichte durch Erinnerung und Gegenwart entfaltet, ohne dass die Spannung abfällt.
Im Mittelpunkt steht eine Fabel mit persönlichen Bezügen, in der eine Protagonistin aus einem kontrollierenden Machtverhältnis flieht. Dieses Umfeld wird durch den „Lizard Demon“-Ehemann verkörpert, der gleichsam als Allegorie für autoritäre, von Gier geprägte Kräfte gelesen werden kann, die demokratische Strukturen unter Druck setzen und systematisch unterlaufen. Diese Figur wirkt wie eine kalte, beobachtende Instanz, die Hierarchie und Schweigen erzwingt und jede abweichende Stimme sofort in Zweifel zieht.

´In Times Of Dragons´ beginnt mit ´Shush´, einem düsteren Piano-Protestsong, dessen nackter Klavieranschlag die kalte Atmosphäre von Kontrolle und Einschüchterung trägt. Der Song wirkt wie ein Widerstand gegen jene Kräfte, die Wahrheiten unterdrücken und Menschen zum Schweigen bringen wollen, während die Erzählerin längst erkannt hat, was um sie herum geschieht („He calls me Cassandra and says ‘cause no one will believe your prophecies.’“).
Der Titeltrack ´In Times Of Dragons´ weitet diese Bedrohung zu einer cineastischen Art-Pop-Hymne aus. Die orchestrale Größe des Songs begleitet eine Welt im Zerfall, in der die „Lizard Kings“ als Sinnbild für Macht, Gier und systematischen Abbau erscheinen („The scale of dismantling, years in the making, by these lizard kings. Will we survive?“).
Mit ´Provincetown´ beginnt die Eigenverantwortung. Der mystische Folk-Pop trägt eine Roadmovie-Stimmung in sich, als würde die Protagonistin durch nächtliche Landschaften und alternative Gemeinschaften ziehen, immer auf der Suche nach einem Ort der Sicherheit und Verbindung („Go on girl, grab the life line, then build a bridge for those left behind.“).
´St. Teresa´ zieht sich dagegen in sich selbst zurück. Die spirituelle Piano-Ballade kreist um das „Interior Castle“ als inneren Raum der Heilung und Selbstfindung, weniger religiös als vielmehr als Suche nach einer eigenen Kraftquelle verstanden, einer inneren Urkraft („In your interior castle, your seven seven mansions, kissed by God.“).
Mit ´Gasoline Girls´ schlägt das Album plötzlich in einen kurzen, treibenden Rocksong um. Motorräder, Verfolgung und Bewegung verschmelzen hier zu einer Fluchtfantasie, in der Gemeinschaft Schutz bedeutet und Mobilität zur Überlebensstrategie wird („Stalked by henchmen of that lizard scum… Snap the throttle, feel the torque pull.“).
Die reduzierte ´Ode To Minnesota´ funktioniert anschließend fast wie ein klassischer Protest-Folk-Song. Ohne große Ausschmückung richtet Tori Amos den Blick auf Solidarität und Verbündete in einer feindseligen Zeit („’Cause you got our back as a friend.“).
´Fanny Faudrey´ blickt zurück in frühere Generationen weiblichen Widerstands. Der barocke Folk-Pop verbindet Exil, Zuflucht und feministische Selbstbehauptung zu einer kleinen historischen Erzählung über Menschen, die trotz gesellschaftlicher Ausgrenzung weiter ihren Weg gingen („Fanny, you feminist… just keep teachin’ me.“).
Mit ´Veins´ erreicht das Album einen seiner emotional intensivsten Momente. Das dichte Klavier-Arrangement begleitet einen Dialog über genetische Belastungen, Weitergabe von Schmerz und die Angst davor, alte Wunden an die nächste Generation weiterzureichen („But can a gift be born out of poison… it’s already running in my veins.“).
´Strawberry Moon´ wirkt danach wie ein schwebender Traumzustand. Zwischen Mondbildern, Erinnerungen und Selbstzweifeln entfaltet sich ein melancholischer Dream-Pop als Beichte an das Universum. Dabei wächst die Erkenntnis über die Verbindung zur Urkraft („I am confessing… Dark Force, I am confessing.“).
´Song Of Sorrow´ öffnet den Blick weiter und verbindet Sehnsucht, Erinnerung und Heilung zu einer epischen Piano-Ballade über tausende von Jahren und Inkarnationen, die sich durch Beziehungen und Biografien ziehen („You’ve sung to me for thousands of years… you’re becoming your own woman and whole again.“).
In ´Flood´ wird Liebe schließlich als etwas dargestellt, das Grenzen auflöst und zwei Menschen ineinander spiegeln lässt. Der fließende Art-Pop des Songs übersetzt dieses Motiv direkt in Musik („So in this mirror to mirror, for the world, we can see infinity.“).
´Pyrite´ taucht das Album anschließend in dunklere Farben. Zwischen Tarotbildern, okkulter Symbolik und urbanen Schattenwelten entwickelt der mystische Dark-Pop eine Atmosphäre permanenter Gefahr und Bewegung („Pyrite burns in me… Go with God, but get there fast.“).
Mit ´Tempest´ wird die Spannung körperlich spürbar. Nervöse Rhythmen und hektische Dynamik spiegeln beim großen Umbruch Angstzustände, Kontrollverlust und den Wunsch nach Flucht wider („Tempest dragging me down… I must get to Indian country.“).
´Angelshark´ wirkt dagegen fast hypnotisch. Der Song beschreibt den Rückzug in Schutzorte und die Unsichtbarkeit als Überlebensstrategie, getragen von einer dunklen, schwebenden Atmosphäre („Like an angelshark, we sometimes must hide to survive in the dark.“).
In ´Blue Lotus´ verbindet Tori Amos Hexenprozess-Motive, Narbenbilder und spirituelle Symbolik zu einer düster-schönen Piano-Elegie, in der Schmerz langsam in Widerstandskraft umschlägt („Burning one thousand souls, rising up over their steeples.“).
´Stronger Together´ bringt danach Wärme und Offenheit zurück ins Album. Die Empowerment-Hymne stellt Zusammenhalt, gegenseitige Sicherheit und generationsübergreifende Stärke in den Mittelpunkt („It’s okay, live your truth, that’s how it is together.“).
Das Finale ´23 Peaks´ führt schließlich alle Themen des Albums zusammen. Zwischen Rückzug, Heilung und mythologischer Verwandlung akzeptiert die Hauptfigur endgültig ihre neue Identität, während die Musik immer monumentaler wird („You’ll become… you’ll become a dragon queen.“).

Die wiederkehrenden Drachen-, Echsen- und Verwandlungsmotive wirken dabei nicht nur wie Fantasy-Symbolik, sondern wie Bilder für einen weltweiten Übergangszustand, in dem alte Machtstrukturen zerfallen und neue Formen von Identität entstehen. Songs wie ´Shush´, ´Veins´ oder ´23 Peaks´ lesen sich dadurch wie Stationen eines Erwachens. Die „Lizard Kings“ erscheinen dabei weniger als konkrete Figuren denn als Kryptogramm für autoritäre Systeme, Manipulation und gesellschaftlichen Druck, während die Drachen-Metaphorik für Widerstand, Transformation und innere Stärke steht. Besonders das Finale ´23 Peaks´ verschiebt diese Symbolik endgültig ins Mythische: Die Verwandlung zur „Dragon Queen“ wirkt nicht wie eine Flucht aus der Realität, sondern wie die Akzeptanz einer neuen Form von Selbstbestimmung in einer Welt, die sich sichtbar im Umbruch befindet.
Musikalisch kehrt Tori Amos auf ´In Times Of Dragons´ zu einer organischen Bandstruktur zurück. Das Klavier bildet zwar weiterhin das Zentrum, doch Cembalo, Harpsichord und atmosphärische Synthesizer legen sich wie zusätzliche Erzählebenen über die Songs. Matt Chamberlain und Jon Evans halten dieses Gefüge mit einem Schlagzeug- und Bassspiel zusammen. Natashya „Tash“ Hawley tritt dabei nicht nur als Co-Autorin in Erscheinung, sondern wirkt wie eine zweite emotionale Perspektive innerhalb der Erzählung, während John Philip Shenale die einzelnen Klangschichten mit seinen Arrangements zu einem großen, zusammenhängenden Albumfluss verbindet.
Gerade deshalb finden sich in ´In Times Of Dragons´ vermehrt Schlüsselmomente aus Tori Amos’ eigener Diskografie wieder. Die komplexen Pianofiguren und die fast okkulte Atmosphäre von ´Fanny Faudrey´ wecken deutliche Erinnerungen an ´Boys For Pele´, während das Roadmovie-Gefühl von ´Provincetown´, ´Gasoline Girls´ oder ´23 Peaks´ an die amerikanische Reiseerzählung von ´Scarlet’s Walk´ anschließt. Auch die Verbindung aus Naturmystik und politischer Wut knüpft an ´Native Invader´ an, wird hier aber wesentlich radikaler und konsequenter ausgespielt.
Auch das visuelle Konzept folgt dieser Atmosphäre. Gemeinsam mit der Fotografin Kasia Wozniak und der Stylistin Karen Binns entsteht ein Artwork, das durch analoge Großformatfotografie im RA-4-Verfahren eine fast zeitlose Bildsprache entwickelt. Tori Amos erscheint darin weniger wie eine klassische Popfigur als wie eine skulpturale Erscheinung zwischen Gegenwart, Mythos und Erinnerung. Die Silhouette der „Drachenkönigin“ wirkt dabei wie ein Übergangszustand, in dem körperliche Form, Verwandlung und symbolische Überhöhung ineinander übergehen.
´In Times Of Dragons´ darf somit als eines der stärksten und geschlossensten Werke ihrer späteren Karriere begrüßt werden, weil Tori Amos wieder zu jener erzählerischen Schärfe zurückfindet, die einige ihrer frühen Alben ausgezeichnet hat. Gleichzeitig verleiht ihr heutiger Stimmumfang den Songs eine neue Erdung, der perfekt zu den dunklen Themen aus Macht, Angst, Erinnerung und Selbstbehauptung passt. Hinzu kommt die konzeptuelle Geschlossenheit des Albums: Die Verbindung aus privater Fluchtgeschichte, politischer Allegorie und mythologischer Überhöhung wirkt nie wie bloße Symbolik, sondern wie ein zusammenhängendes Narrativ, das den Zustand der Gegenwart in eine große, fast apokalyptische Fabel übersetzt. Auch die Produktion trägt dazu bei. Es erwächst ein Klangbild, das klassische Eleganz mit alternativem Piano-Rock verbindet und dem Album stellenweise eine fast filmische Größe gibt.
Am Ende bleibt ein Album, das politische Realität, persönliche Erfahrung und mythologische Bilder nicht voneinander trennt, sondern alles in denselben Strom hineinzieht. ´In Times Of Dragons´ funktioniert dadurch wie ein geschlossener Erfahrungshorizont aus Erinnerung, Angst, Widerstand und Selbstbehauptung. Aus diesem dichten Gefüge löst sich am Ende eine Figur, die nicht länger nur auf äußeren Druck reagiert, sondern beginnt, ihre innere Quelle freizulegen und ihre eigene Form von Souveränität zu behaupten.
(9 Punkte)



