
Als Alice Cooper 2008 ´Along Came A Spider´ veröffentlichte, sah das Album wie eine späte Rückkehr zu jener großen Konzeptalbum-Tradition aus, die seine Karriere seit den Siebzigern geprägt hatte. Während viele Veteranen des klassischen Hard Rock damals längst auf sichere Nostalgie setzten, präsentierte Alice Cooper plötzlich eine düstere Serienmörder-Geschichte voller Psychospielchen, schmieriger Großstadtstimmung, Glam Rock-Theater und moderner Metal-Kälte. Hinter dem grotesken Horror-Konzept steckte allerdings weit mehr als bloßer Shock Rock. ´Along Came A Spider´ entwickelte sich zu einem der spannendsten und zugleich unterschätztesten Werke seiner späten Karriere.
Die Geschichte kreist um den psychopathischen Killer „Spider“, der seine Opfer einspinnt und ihnen jeweils ein Bein nimmt, um daraus symbolisch seine eigene Spinne zu erschaffen. Die Polizei tappt im Dunkeln, während Spider seine Taten beinahe wie Briefe an die Ermittler inszeniert. Erst gegen Ende beginnt die Figur emotional zu zerbrechen, weil sie sich ausgerechnet in das achte Opfer verliebt. Der eigentliche Paukenschlag folgt allerdings erst im Epilog: Eine Stimme spricht plötzlich Steven an – jene legendäre Figur aus ´Welcome To My Nightmare´ von 1975. Damit verbindet Alice Cooper beide Alben zu einem einzigen Albtraum-Kosmos. Für langjährige Fans war diese Enthüllung ein Volltreffer.
Die Entstehung des Albums verlief deutlich komplizierter als ursprünglich geplant. Eigentlich sollte die Platte bereits 2007 erscheinen, doch Terminprobleme mit den Produzenten Danny Saber und Greg Hampton sowie Tourverpflichtungen verschoben die Veröffentlichung um fast ein Jahr. Danny Saber brachte seine Erfahrungen aus Alternative Rock, Industrial und Electronica ein, während Greg Hampton die klassische Hard Rock-Seite absicherte. Diese Mischung hört man dem Album auch permanent an. Zwischen schweren Gitarrenriffs tauchen elektronische Spielereien, Drum-Loops und moderne Effektflächen auf, die dem Sound eine kühlere, zeitgemäßere Schärfe verleihen.
Schon der Opener ´Prologue / I Know Where You Live´ eröffnet das Album wie ein Horrorfilm. Dumpfe Gitarren, metallische Rhythmik und Alice Coopers kalte Erzählstimme ziehen den Hörer sofort in Spiders Gedankenwelt hinein. Der Song erinnert phasenweise an die düsteren Industrial-Ausflüge von ´Brutal Planet´, bleibt dabei aber deutlich eingängiger und kompakter.
´Vengeance Is Mine´ schiebt danach ein schweres Riff-Monster hinterher. Slash steuert ein aggressives Solo voller schneidender Hard Rock-Licks bei. Alice Cooper bezeichnet ihn später scherzhaft als seinen „Ersatz-Gitarristen“, weil er GUNS N’ ROSES bereits 1984 auf deren erste Tour mitgenommen hatte. Der Song selbst walzt schleppend durch die Boxen und entwickelt genau jene schmierige Großstadt-Härte, die perfekt zu diesem Serienkiller-Konzept passt.
Mit ´Wake The Dead´ schaltet das Album plötzlich in einen dreckigen Glam Rock-Modus. Ozzy Osbourne schrieb am Song mit und steuerte zusätzlich Mundharmonika bei, während Alice Cooper mit sarkastischem Grinsen durch den Song führt. Am etwas künstlichen Schlagzeug-Sound und den Drum-Machine-Elementen scheiden sich allerdings die Geister.
´Catch Me If You Can´ verbindet eingängigen Modern Rock mit hektischer Verfolgungsjagd-Energie. Verzerrte Gitarren und elektronische Effekte treiben den Song permanent vorwärts, während Spider sich selbst als „arachnophoben Psychopathen“ beschreibt – eine herrlich absurde Idee für einen Killer, der sich selbst als Spinne inszeniert.
Danach entwickelt sich das Album stärker in Richtung klassischen Alice Cooper-Glam-Rock. ´(In Touch With) Your Feminine Side´ spielt ironisch mit seinem Titel und verbindet funky Gitarrenlicks mit bissigem Theater-Rock. Keri Kelli und Jason Hook sorgen dabei für den kantigen Gitarrensound, während Alice Cooper hörbar Spaß an der schwarzen Ironie des Textes hat.
´Wrapped In Silk´ wirkt wie eine verdorbene David Bowie-Hommage. Funk-Rhythmus, schleifende Gitarren und eine beinahe sleazige Stimmung erinnern deutlich an ´Fame´, allerdings deutlich düsterer und giftiger. Der Song zeigt sehr gut, wie stark Danny Sabers Einfluss auf diese Platte war.
Einen echten Überraschungsmoment liefert ´Killed By Love´. Plötzlich verwandelt sich das Konzeptalbum in eine melancholische Beatles-Ballade. Alice Cooper phrasiert stellenweise bewusst wie John Lennon, während die Harmonien stark an ´Don’t Let Me Down´ erinnern.
Mit ´I’m Hungry´ geht die Platte zurück zu rohem Garage Rock. Whitey Kirst liefert bissige Gitarrenarbeit, während Alice Cooper den Song fast wie einen räudigen Siebziger-Rocker singt. Der dreckige Charakter erinnert phasenweise sogar an die frühe ALICE COOPER GROUP.
´The One That Got Away´ bringt danach mehr melodischen Hard Rock ins Spiel. Denn am Songwriting war tatsächlich Jani Lane von WARRANT beteiligt. Das erklärt auch den leicht hymnischen Einschlag des Refrains.
Emotional wird es allerdings mit ´Salvation´. Ein ruhiges Klavier eröffnet die Ballade, bevor sie sich langsam zu einer großen dramatischen Rock-Hymne entwickelt. Hier beginnt Spider erstmals echte Reue zu zeigen. Die Killerfigur verliert ihre Kontrolle. Alice Cooper singt überraschend verletzlich und erinnert phasenweise an seine großen Balladen der späten Siebziger.
Der finale Titel ´I Am The Spider / Epilogue´ führt schließlich direkt in den Wahnsinn zurück. Repetitive Gitarren, düstere Spoken-Word-Passagen und schleichende Horrorfilm-Atmosphäre münden in jene berühmte Steven-Enthüllung, die das komplette Album rückwirkend neu einordnet. Gerade dieser Schluss macht ´Along Came A Spider´ zu einem der stärksten Storytelling-Alben seiner Spätphase.
Musikalisch arbeitete Alice Cooper hier mit einer regelrechten Gitarristen-Armee. Neben Slash wirkten Keri Kelli, Jason Hook, Whitey Kirst, Danny Saber und Greg Hampton an den Sessions mit. Eric Singer spielte den Großteil der Drums ein, auch wenn an mehreren Stellen Drum-Computer und programmierte Percussion eingesetzt wurden. Manche empfinden die Produktion deshalb als etwas trocken oder steril. Gleichzeitig verleiht gerade diese Mischung aus modernem Metal-Sound, Glam Rock-Theater und Industrial-Schmutz dem Album seinen eigenen Charakter.
Kommerziell wurde ´Along Came A Spider´ zum erfolgreichsten Alice Cooper-Studioalbum in den USA seit ´Hey Stoopid´. Trotzdem blieb die Platte lange ein Geheimfavorit innerhalb seiner Diskografie. Vielleicht weil sie sperriger funktioniert als viele seiner klassischen Siebziger-Werke und mehrere Durchläufe benötigt, bis alle versteckten Details, Hintergrunddialoge und Story-Fragmente greifen.
2026 erscheint das Album als umfangreiche Expanded Edition erneut auf Vinyl und CD. Besonders interessant ist dabei die neu gemasterte CD-Version, die die teils kritisierte Originalproduktion hörbar verbessert. Zusätzlich enthält die Edition die bekannten Bonusstücke ´Shadow Of Yourself´, ´I’ll Still Be There´ sowie eine reduzierte Akustikfassung von ´Salvation´. Die Doppel-LP erscheint im Gatefold, während die CD klassisch im Jewelcase ausgeliefert wird und erstmals Artwork nutzt, das ursprünglich für die limitierte Vinyl-Erstpressung von 2008 vorgesehen war.
´Along Came A Spider´ bleibt eines der mutigsten Alice Cooper-Alben der 2000er-Jahre. Ein düsteres Konzeptwerk zwischen Horrorfilm, Glam-Theater, Modern Metal und schwarzem Humor, getragen von starken Hooks, grotesken Bildern und einem Alice Cooper, der hörbar Lust daran hatte, seine alten Albträume noch einmal aufzuschlagen.



