
LAURA NYRO – Live In San Francisco
2026 (Madfish) - Stil: Singer-Songwriter Soul
Es gibt Live-Aufnahmen, die sich als Fixpunkt der Diskografie entpuppen. ´Live In San Francisco, 28th April 1994´ von Laura Nyro gehört genau in diese Reihe. Erst 2026 erstmals auf Vinyl erschienen, zeigt sich, warum dieser Mitschnitt als Fixpunkt gilt und eine Geschlossenheit entfaltet, die den Moment einer Künstlerin festhält, die ihr Werk vollständig in sich trägt.
Die Aufnahme entstand im “New Orleans Room” des “Fairmont Hotels” in San Francisco, drei Jahre vor ihrem Tod. Laura Nyro spielt den gesamten Abend allein am Klavier, ohne Band und ohne zusätzliche Instrumentierung. Das Klavier trägt Harmonie, Rhythmus und Struktur zugleich, die Songs bleiben eng an ihrer kompositorischen Grundlage. Die drei Sängerinnen Diane Wilson, Dian Sorrell und Diane Garisto treten nicht als klassischer Chor hinzu. Sie bilden eine organische Erweiterung des Gesangs, setzen punktuelle Harmonien und orientieren sich eher an Gospel- und Doo-Wop-Traditionen als an arrangierten Chorsätzen. Sie stützen das Ganze.
Das dargebotene Repertoire wird somit auf seine Substanz zurückgeführt. Bekannte Stücke stehen neben späteren und weniger geläufigen Kompositionen, ohne dass eine Rangordnung entsteht. Laura Nyros im Alter gereifte Stimme bewegt sich überwiegend in mittlerer Tonlage. So entsteht ein ruhiger, kontrollierter Vortrag.

Die Setlist spannt einen Bogen über zentrale Stationen im Werk von Laura Nyro, ohne sich einer chronologischen Ordnung zu unterwerfen. ´Dedicated To The One I Love´ eröffnet den Abend in konzentrierter Zurückhaltung. Das Klavier setzt sparsam ein, die Stimme steht früh im Mittelpunkt. ´A Woman Of The World´ hat einen stärker betonten Anschlag am Klavier und ist rhythmisch klarer geführt.
´Save The Country´, entstanden 1968 im Umfeld der politischen Erschütterungen nach den Morden an Martin Luther King Jr. und Robert F. Kennedy, ist freier angelegt, die Klavierphrasen sind weiter ausgespielt. In dieser Live-Version bleibt der Song eng an seiner ursprünglichen Aussage und trägt sein Postulat ohne jede Umdeutung vor. Auch ´And When I Die´ gehört zu diesen frühen Schlüsselwerken. Bereits mit 17 Jahren geschrieben und später durch BLOOD, SWEAT & TEARS bekannt geworden, wirkt die Komposition hier stärker auf den Text fokussiert.
´Emmie´ nimmt eine deutlich intimere Form an. Der Song, eine Hommage an ihre eigene Weiblichkeit und ihre Mutter Gilda, lebt von der direkten Präsenz ihrer Stimme. ´To A Child´ verweist auf ihre Rolle als Mutter ihres Sohnes Gil Bianchini und auf ihren bewussten Rückzug aus dem Musikbetrieb in den 1980er Jahren, als sie ihr Leben abseits der Bühne neu ordnete.
Einen Kontrast dazu bildet ´Lite A Flame´, das ihren ausgeprägten Tierschutzgedanken offen formuliert. Die Haltung dahinter zieht sich durch ihr Spätwerk. In ähnlicher Konsequenz steht ´Wild World´, das den Umgang mit Pelz und industrieller Tierverwertung ohne Umschweife anklagt. ´Oh Yeah Maybe Baby´ greift den Doo-Wop ihrer frühen musikalischen Prägung auf und überführt ihn in eine reine Klavierfassung. ´The Wind´ bewegt sich im Umfeld eines alten Standards und reduziert das Material auf eine sehr ruhige Form.
Stärker symbolisch geprägt sind ´The Descent Of Luna Rosie´ und ´Louise’s Church´. Beide Stücke lösen sich deutlich von klassischen Songstrukturen und arbeiten mit freien Klavierbewegungen, in denen Mondbilder, Weiblichkeit und künstlerische Selbstverortung thematisiert werden. ´Broken Rainbow´ schließlich basiert auf dem gleichnamigen Film über die Zwangsumsiedlung der Navajo und bleibt musikalisch bewusst unaufgeregt.

Die Doppel-LP bringt dieses Material erstmals in dieser Form auf Schallplatte. Auf 2 LPs ausgelegt, verteilt sie die rund 80 Minuten Spielzeit auf vier Seiten und erhält so die Balance der Aufnahme. Die Pressung auf klarem Vinyl über “Madfish Records” scheint stabil und hochwertig, was bei dieser reduzierten Besetzung wichtig ist.
Darüber hinaus festigt sich der Status dieser Aufnahme als eine der zentralen Live-Dokumente im Werk von Laura Nyro. ´Live In San Francisco, 28th April 1994´ gilt längst als Geheimtipp-Klassiker und zugleich als spätes Schlüsselwerk. Im Vergleich zu frühen Live-Mitschnitten tritt hier eine deutlich souveränere, abgeschlossene Form zutage.
Gleichzeitig zeigt das Album exemplarisch, wie die Kompositionen von Laura Nyro am Klavier funktionieren können. Stücke, die in anderer Form zu großen Interpretationen anderer Künstler wurden, sind hier auf ihre kompositorische Substanz reduziert und entfalten hieraus ihre Wirkung. Damit steht diese Aufnahme auch als Referenz innerhalb der Songwriter-Tradition, vergleichbar mit späten Werken anderer prägender Künstler ihrer Generation.



