
THE SHORE / LEA QUI – Flower Days / L’assiette Vide
2026 (Sireena Records) - Stil: Melancholischer Ambient-Pop / Minimalistischer Lo-Fi-Chanson
Manchmal erzählt eine Sieben-Zoll-Single mehr über die Vitalität einer Szene als manches Albumformat. ´Flower Days / L’assiette Vide´ tut es. Zwei Stücke, zwei Künstlerwelten, knapp acht Minuten Musik. Dennoch entsteht ein erstaunlich geschlossenes Bild des kreativen Kosmos rund um Tom »The Perc« Redecker.
Die Veröffentlichung erscheint 2026 auf “Sireena Records” als streng limitierte 7-Inch-Auflage mit lediglich 200 nummerierten Exemplaren. Statt einer klassischen A- und B-Seite spricht das Label augenzwinkernd von einer A- und AA-Seite. Das passt zur Grundidee dieser Single, denn hier gibt es keinen Hauptact und keinen Lückenfüller.
Den Auftakt übernimmt THE SHORE, das neue Studioprojekt von Tom Redecker und Carlo van Putten. Beide verbindet eine jahrzehntelange Geschichte, die bis in die Zeit von “Strange Ways Records” zurückreicht. Erstaunlich eigentlich, dass erst jetzt eine gemeinsame Veröffentlichung entsteht.
´Flower Days´ bewegt sich zwischen Ambient Pop, Wave und elektronisch grundierter Songwriter-Musik. Carlo van Putten setzt seinen charakteristischen Bariton gezielt ein. Die Stimme steht klar im Zentrum des Arrangements. Dahinter legt Tom Redecker ein Gerüst aus elektronischen Texturen, rhythmischen Schleifen und weit gezogenen Keyboardflächen.
Besonderes Gewicht erhält der Titel durch die Mitwirkung von Volker Kahrs († 2008). Der ehemalige GROBSCHNITT-Keyboarder ist über eine historische Archivaufnahme präsent. Seine Tastenspuren verleihen dem Stück zusätzliche Tiefe und sorgen für jene warme analoge Färbung, die viele moderne Produktionen nur simulieren. Das Ergebnis wirkt weder retro noch nostalgisch konstruiert. ´Flower Days´ klingt vielmehr wie eine Begegnung verschiedener Generationen deutscher Independent-Musik.
Die AA-Seite gehört Lea Qui, vielen älteren Indie-Hörern noch als Lea Saby bekannt. Mit ihrer früheren Band LINDA POTATOES spielte sie bereits in den Neunzigerjahren im legendären CBGB in New York. Statt auf große Gesten setzt ´L’assiette Vide´ jedoch konsequent auf Reduktion.
Eine akustische Gitarrenfigur bildet das Fundament. Darüber singt Lea Qui auf Französisch mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Übersetzung überflüssig macht. Die Melodieführung orientiert sich eher an modernem Indie-Folk als am klassischen Chanson. Xylophon-Akzente, dezente Percussion und die präzise Schlagzeugarbeit von Marlon Klein sorgen für Bewegung innerhalb des bewusst schlank gehaltenen Arrangements.
Gerade diese Einfachheit macht den Reiz des Stücks aus. Wo viele LoFi-Produktionen ihre Rohheit demonstrativ ausstellen, bleibt ´L’assiette Vide´ sorgfältig konstruiert. Die Produktion wirkt intim, ohne skizzenhaft zu erscheinen.

Interessant ist vor allem die Verbindung beider Titel. Obwohl sie stilistisch unterschiedliche Richtungen einschlagen, tragen sie unverkennbar die Handschrift ihres gemeinsamen Umfelds. Tom Redeckers Gespür für Rhythmus, Klangfarben und ungewöhnliche Arrangements zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veröffentlichung.
Als eigenständige Single funktioniert ´Flower Days / L’assiette Vide´ hervorragend. Gleichzeitig erfüllt sie ihre zweite Aufgabe: Sie macht neugierig auf das angekündigte Debütalbum von THE SHORE. Wenn diese Single als Standortbestimmung gedacht war, dann ist sie gelungen. Prägnant, eigenständig und frei von jeder Routine.



