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JACKIE McLEAN – Vertigo

1980/2026 (Blue Note Records) - Stil: Jazz

Siebzehn Jahre lag dieses Band im Archiv, ebenso viele Jahre, wie der Schlagzeuger alt war, der darauf trommelte.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Am 11. Februar 1963 versammelt Jackie McLean im Studio von Rudy Van Gelder eine Band, bei der Jazzfreunden heute die Knie weich werden. Donald Byrd an der Trompete, Herbie Hancock am Klavier, Butch Warren am Bass, und hinter dem Schlagzeug sitzt ein Teenager namens Tony Williams, gerade siebzehn Jahre jung. Herbie Hancock und Tony Williams sollten wenig später im zweiten großen Quintett von Miles Davis Geschichte schreiben. Und was macht „Blue Note“-Chef Alfred Lion mit dieser Session? Er legt sie auf Eis.

Warum, darüber lässt sich trefflich rätseln, belegt ist es nicht. Fest steht, dass Jackie McLean nur zwei Monate später ´One Step Beyond´ einspielte, jenes Album, das bis heute als einer der großen Aufbrüche seiner Laufbahn gilt. Die frühere Session verschwand in den Schränken des Labels. Erst 1980 holten „Blue Note“ sie im Rahmen der LT-Serie ans Licht.

Damit es für eine volle Platte reichte, gesellte sich ein Stück aus einer anderen Zeit dazu. ´Formidable´ aus der Feder von Walter Davis Jr. entstand am 2. Mai 1959 für das Album ´New Soil´, fand dort aber keinen Platz mehr. Donald Byrd war schon damals an der Seite von Jackie McLean, dazu Walter Davis Jr. selbst am Klavier, Paul Chambers am Bass und Pete LaRoca am Schlagzeug. So begegnen sich auf einer einzigen Platte zwei Momentaufnahmen, getrennt durch vier Jahre, in denen sich im Jazz eine ganze Welt verändert hat.

Aus dieser Zerrissenheit bezieht die Platte ihren Zauber. ´Vertigo´ ist kein geschlossenes Statement, es ist ein Blick in die Werkstatt eines Musikers, der mit einem Bein im Hard Bop steht und mit dem anderen schon den Boden einer neuen Zeit abtastet. Die Spannweite reicht von federndem Post Bop bis zum ganz langsamen Blues, mit einem Abstecher in den Funk, und diese Band wechselt erstaunlich mühelos zwischen den Stimmungen.

Die erste Seite öffnet mit ´Marney´, und schon die Credits halten eine Überraschung bereit. Neben Donald Byrd ist dort Bernard Herrmann als Komponist verzeichnet, jener Mann, der die Filmmusik zu Hitchcocks „Vertigo“ schrieb. ´Dusty Foot´, ebenfalls von Donald Byrd, biegt danach in eine ganz andere Richtung ab. Plötzlich groovt es, erdig und lässig, ein Stück, das ebenso gut in einem verrauchten Club um zwei Uhr nachts laufen könnte. Die Seite endet mit ´Formidable´, und hier springt die Platte vier Jahre zurück in den klassischen Hard Bop der späten Fünfziger, swingend und selbstbewusst.

Die zweite Seite gehört zunächst dem Titelstück, mit gut acht Minuten das längste der Platte und aus der Feder von Jackie McLean selbst. ´Vertigo´ trägt seinen Namen zu Recht, hier gerät der Boden ins Wanken. Post Bop mit offenen Rändern, suchend und nervös, ein Stück, das erahnen lässt, wohin Jackie McLean wenige Wochen später aufbrechen sollte. Und dahinter dieser Siebzehnjährige am Schlagzeug, der den Takt nicht einfach hält, sondern das Geschehen mit einer Wachheit kommentiert, die man einem Teenager kaum zutraut. ´Cheers´, ebenfalls eine Komposition des Bandleaders, lockert danach den Griff, bevor ´Yams´ von Herbie Hancock die Platte beschließt. Ein langsamer Blues, nächtlich und gelassen, der die Band von ihrer ruhigsten Seite zeigt.

Wer mit Jackie McLean vor allem die radikalen Würfe der frühen Sechziger verbindet, entdeckt hier einen Musiker, der Zweifel und Neugier zulässt und zwischen Groove und Abgrund pendelt. ´Vertigo´ ist kein Meilenstein im klassischen Sinn. Es ist etwas Selteneres, eine Momentaufnahme jenes kurzen Augenblicks, in dem etwas Großes bevorsteht.

Die „Tone Poet“-Reihe entstand aus der Bewunderung von „Blue Note“-Präsident Don Was für die audiophilen Neuauflagen von „Music Matters“. Kuratiert wird sie von Joe Harley, dem Tone Poet selbst, und ´Vertigo´ fügt sich nahtlos in diese Sammlung ein. Kevin Gray hat das Album bei Cohearent Audio direkt von den originalen analogen Masterbändern gemastert, durchgehend analog und in Stereo. Gepresst wurde auf 180g schwerem Vinyl bei „Record Technology Inc.“ in Kalifornien, verpackt in ein schweres Klappcover im Tip-on-Verfahren mit wattierter Innenhülle. Die Tracklist folgt der Original-LP von 1980 mit fünf Stücken der Session von 1963 und ´Formidable´ aus dem Jahr 1959. Wer Rudy Van Gelders Aufnahmen auf einer guten Anlage erleben möchte, findet kaum eine würdigere Form.

Kult.

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