MeilensteineVergessene Juwelen

ANGELES DEL INFIERNO – Pacto Con El Diablo

1984/2023 (Warner Music Spain, S.L.) - Stil: Heavy Metal

Als „WEA“ die Band unter Vertrag nahm, war der Pakt längst besiegelt. Das Album, das ÁNGELES DEL INFIERNO zur Legende machen sollte, lag bereits fertig auf Band, bevor ein einziger Konzernmanager mitreden konnte.

Wer verstehen will, warum ´Pacto Con El Diablo´ bis heute wie ein Hauch von Schwefel über der spanischen Metalszene hängt, muss zurück nach Lasarte-Oria, vor die Tore von San Sebastián. Dort hoben Gitarrist Robert Álvarez und Bassist Santi Rubio 1978 die Band aus der Taufe. Robert Álvarez hatte zuvor zehn Jahre in der Schweiz gelebt und dort mit THE FLOOD gespielt, er brachte also reichlich Erfahrung mit ins Baskenland. Mit Manu García an der Rhythmusgitarre und Iñaki Munita am Schlagzeug stand nach einigen Umbesetzungen das Gerüst. Was noch fehlte, war die Stimme. Anfang 1982 trat Juan Gallardo ans Mikrofon, und erst mit ihm bekam die Band den Namen, unter dem sie Geschichte schreiben sollte.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Im November 1982 stand die junge Truppe im „Palacio de los Deportes“ von Bilbao im Vorprogramm von MOTÖRHEAD. Im April 1983 heizte sie im „Velódromo de Anoeta“ für SAXON ein, auch für AC/DC eröffnete sie, und im selben Jahr spielte sie beim „Festival Mazarrock“. Man muss sich das vorstellen. Eine Handvoll junger Musiker aus einer baskischen Kleinstadt teilt sich die Bühne mit den Großen des Genres, vor Hallen voller Kutten und Nietengürtel. Ab diesem Moment kümmerte sich Manager Jesús Caja um ihre Geschicke.

Im Januar 1984 zog die Band in die „Estudios Mediterráneo“ auf Ibiza. Als Produktion ist „Claxon prd“ verzeichnet, aufgenommen haben Mark Dodson, Brad Davis und Dennis Herman. Mit Mark Dodson stand dabei ein Brite an den Reglern, der für JUDAS PRIEST arbeitete und später Alben von ANTHRAX und SUICIDAL TENDENCIES produzierte. Der Band blieb er verbunden, denn auch an ihrer Werkschau ´Lo Mejor De Los Angeles Del Infierno´ von 1987 wirkte er mit. In den Danksagungen tauchen die drei Toningenieure mit Spitznamen auf, Dennis Herman wird dort gar zum König der Nächte Ibizas gekrönt. Man ahnt, dass die Nächte auf dieser Insel lang waren. Erst danach unterschrieb die Band bei „WEA“, und am 1. Oktober 1984 kam ´Pacto Con El Diablo´ in die Läden. Noch im selben Jahr erschien das Album auch in Mexiko und den USA.

In diesen Tagen hatten BARÓN ROJO und OBÚS bereits mit ihren Debüts den Boden bereitet. Diese Lehrmeister hört man bei ÁNGELES DEL INFIERNO sofort heraus. Das ist Heavy Metal englischer Prägung, roh und hungrig, getragen von Lead- und Rhythmusgitarre. Doch gesungen wird auf Spanisch, und das verändert alles. Die Sprache gibt den Refrains eine Glut, die kein importiertes Vorbild liefern konnte.

´Maldito Sea Tu Nombre´ reißt die Tür auf. Juan Gallardo schleudert einen Fluch gegen eine allmächtige, gnadenlose Macht, die seit Anbeginn das Böse in die Welt trägt und der er doch in seinen Träumen immer wieder verfällt. Seine Stimme schraubt sich dabei in schwindelerregende Höhen, und spätestens beim Refrain weiß man, warum dieser Song zu den bekanntesten der Band gehört. ´Rocker´ ist mit knapp drei Minuten das kürzeste Stück und erzählt von einem gelangweilten Jugendlichen auf seinem Bett, bis aus der Fernsehsendung Tocata ein Song erklingt und ihm durch Mark und Bein fährt. Wer Mitte der Achtziger in Spanien jung war, dürfte sich darin wiedererkennen.

´Unidos Por El Rock´ gehört dem Publikum. Robert Álvarez schrieb hier eine Liebeserklärung an die Fans mit ihren gereckten Fäusten, ihren unsichtbaren Gitarren und den Feuerzeugflammen im Dunkel der Halle. In ´Esclavos De La Noche´ heulen Motoren durch eine einsame Gasse, Sirenen jagen hinterher, und die Flucht dauert, bis der Morgen graut. Die erste Seite endet mit ´Sombras En La Oscuridad´, dem mit gut fünf Minuten längsten Stück der Platte. Hier bricht Finsternis über die Welt herein, eine fremde Kraft ergreift Besitz vom Erzähler, und am Ende erfüllt sich eine düstere Prophezeiung.

Seite zwei beginnt mit ´El Principio Del Fin´, und plötzlich wird es politisch. Mächtige planen über alle Köpfe hinweg die Vernichtung und spielen dabei mit dem Leben der anderen wie mit einer Handelsware. Dunkle Reiter ziehen durch eine Landschaft aus Angst und Untergang. Wer 1984 die Abendnachrichten verfolgte, verstand diese Bilder ohne Übersetzung. ´Condenados A Vivir´ schlägt in dieselbe Kerbe und rechnet mit jenen ab, die lügen, kontrollieren und jeden bestrafen, der aufbegehrt.

Danach übernehmen die gefährlichen Frauen. In ´Sangre´, das Robert Álvarez gemeinsam mit Manu García schrieb, erzählt Juan Gallardo von einer Frau, die Männer wie Spielfiguren behandelt und am Ende selbst zur Ware wird. ´No Juegues Con Fuego´ warnt eine andere Herzensbrecherin vor dem Spiel mit dem Feuer und schickt sie am Ende kurzerhand zum Teufel. Der hat dann auch das letzte Wort. Im Titelsong ruft jemand um Mitternacht den Namen des Höllenfürsten, bekommt alles versprochen, wonach er sich sehnt, und dann wird die Rechnung präsentiert. Ein besseres Schlusskapitel hätte sich diese Platte nicht wünschen können.

Neben BARÓN ROJO und OBÚS zählen ÁNGELES DEL INFIERNO seither zu den großen Namen des spanischsprachigen Heavy Metal der Achtziger, und ´Pacto Con El Diablo´ ist der Grundstein dieses Rufs. Natürlich klingt die Platte nach ihrer Zeit. Doch in diesen zehn Songs steckt eine Energie, die man nicht nachproduzieren kann. Sie gehört jungen Musikern, die spüren, dass ihre Stunde gekommen ist.

Die letzte Pressung von 2023 erschien bei „Warner Music Spain, S.L.“ und wurde in Deutschland gefertigt. Die zehn Songs stehen in der originalen Reihenfolge, das Coverdesign von Rufino Vigil ist ebenso an Bord wie die Credits samt Danksagungen an das Studioteam auf Ibiza, und eine bedruckte Innenhülle liegt bei. Hinweise auf ein neues Mastering gibt es keine, ebenso wenig Bonusmaterial oder Liner Notes. ´Pacto Con El Diablo´ tönt auch heute noch nach 1984. Der Sound von damals ist die Unsterblichkeit von heute.

Klassiker.

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