
WILLIE NELSON – Country Music
2010/2026 (Rounder Records/Hightone Records) - Stil: Country, Pre-Bluegrass
Willie Nelson versucht auf ´Country Music´ erst gar nicht, seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Er kehrt vielmehr zu jener Musik zurück, die lange existierte, bevor Nashville zum industriellen Begriff wurde. Die Lieder auf diesem 2010 erschienenen Album stammen aus einer Zeit, als Country, Folk, Gospel und frühe String-Band-Musik noch keine sauber getrennten Genres waren. Produzent T Bone Burnett greift diesen historischen Kontext auf und macht ihn zum eigentlichen Konzept der Platte.
Die Idee entstand denkbar unspektakulär während einer gemeinsamen Golfrunde in Kalifornien. Dort beschlossen T Bone Burnett und Willie Nelson, endlich ein Album aufzunehmen, das ausschließlich aus den Liedern bestehen sollte, mit denen Willi Nelson als Kind aufgewachsen war. Innerhalb von nur vier Tagen wurde das komplette Album in Nashville nahezu live eingespielt. Die meisten Gesangsspuren entstanden bereits im ersten oder zweiten Take.
T Bone Burnett verzichtet bei der Produktion vollständig auf modernen Country-Glanz. Keine überdimensionierten Schlagzeugaufnahmen, keine synthetischen Flächen, keine auf Perfektion polierten Arrangements. Stattdessen bestimmen Darmsaiten, Holz und Luft den Klang. Willie Nelsons Nylonsaitengitarre steht im Zentrum jeder Aufnahme. Um sie gruppieren sich Dennis Crouchs warmer Kontrabass, Riley Baugus’ trocken klingendes Banjo, Ronnie McCourys Mandoline, Stuart Duncans Fiddle sowie Mickey Raphaels charakteristische Mundharmonika. Jeder Musiker spielt mit beeindruckender Disziplin. Niemand versucht, sich in den Vordergrund zu drängen. Das Ensemble folgt konsequent dem Song.

Dass viele Beobachter das Album zunächst als Bluegrass bezeichneten, korrigierte T Bone Burnett selbst mit einem bemerkenswerten Satz. Für ihn sei dies kein Bluegrass, sondern “Pre-Bluegrass”. Tatsächlich greift ´Country Music´ auf musikalische Traditionen zurück, die älter sind als das Genre selbst. Old-Time-Folk, frühe Country-Balladen, Appalachen-Musik und ländliche Gospel-Traditionen fließen organisch ineinander. Dementsprechend wirkt das Album zeitlos.
Die stilistische Vielfalt entsteht schlichtweg durch unterschiedliche historische Wurzeln. Die Honky-Tonk-Stücke behalten ihren lockeren Shuffle und jene leichte Melancholie, die Ernest Tubb oder Ray Price geprägt haben. Willie Nelson singt sie mit seiner unverwechselbaren Phrasierung leicht hinter dem Beat, wodurch selbst bekannte Klassiker eine persönliche Handschrift erhalten. Besonders deutlich wird dies bei ´Seaman’s Blues´, ´You Done Me Wrong´ oder der eleganten Neuinterpretation von ´Drinking Champagne´, deren entspannte Jazz-Anklänge an Willi Nelsons legendäres ´Stardust´ erinnern.
Den zweiten großen Schwerpunkt bilden die Folk- und String-Band-Einflüsse. Hier dominieren Mandoline, Banjo und Fiddle. Die Arrangements bleiben bewusst schlank und leben von rhythmischer Präzision statt instrumentaler Virtuosität. ´Dark As A Dungeon´ erhält durch Stuart Duncans melancholische Geigenlinien eine beinahe keltische Färbung, während ´Freight Train Boogie´ mit seinem federnden Rhythmus und den schnellen Mandolinenfiguren die Energie traditioneller String-Bands einfängt. Auch ´Ocean Of Diamonds´ und ´Pistol Packin’ Mama´ bewahren ihren ursprünglichen Charakter zwischen Western Swing und frühem Bluegrass.
Besonders eindrucksvoll gelingen die Balladen. Hazel Housers ´My Baby’s Gone´ oder der Country-Klassiker ´Satisfied Mind´ verzichten auf jedes sentimentale Übermaß. Russell Pahls Pedal Steel setzt nur wenige, sorgfältig platzierte Akzente. Stuart Duncans Fiddle antwortet darauf mit sparsamen Gegenmelodien. Im Mittelpunkt bleibt Willie Nelsons Stimme. Sie besitzt längst nicht mehr die jugendliche Geschmeidigkeit früher Jahrzehnte, dafür aber eine Brüchigkeit, die jeder Zeile zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht. Wenn Willi Nelson über Verlust, Vergänglichkeit oder Zufriedenheit singt, klingt das nicht interpretiert, sondern erlebt.
Eine weitere Säule des Albums bilden die traditionellen Gospel- und Spiritual-Stücke. T Bone Burnett reduziert diese Aufnahmen auf ihre elementaren Bestandteile. Riley Baugus’ altes Banjo erzeugt auf ´Satan Your Kingdom Must Come Down´ eine dunkle, beinahe archaische Spannung. Buddy Millers Harmoniegesang verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Auch ´I Am A Pilgrim´, Hank Williams’ ´House Of Gold´ und das abschließende ´Nobody’s Fault But Mine´ verzichten auf jede Form kirchlicher Monumentalität. Statt Chorwänden oder Orgeln dominiert eine stille Andacht, die tief in der amerikanischen Volksmusik verwurzelt ist.
Dass ´Man With The Blues´ den Auftakt bildet, besitzt dabei eine besondere Symbolkraft. Es handelt sich um den ersten Song, den Willie Nelson Ende der 1950er Jahre überhaupt schrieb. Mehr als fünf Jahrzehnte später eröffnet er mit genau diesem Titel ein Album, das sich den musikalischen Ursprüngen widmet. Dadurch schließt sich der Kreis.

Innerhalb der umfangreichen Diskografie nimmt ´Country Music´ eine besondere Stellung ein. Es zählt weder zu den kommerziell erfolgreichsten Veröffentlichungen noch zu den großen stilprägenden Meilensteinen wie ´Red Headed Stranger´ oder ´Stardust´. Sein Rang ergibt sich vielmehr aus seiner künstlerischen Konsequenz. Willi Nelson interpretiert hier keine Pop-Standards und schreibt kein modernes Country-Album. Er dokumentiert die Musik, aus der seine gesamte Karriere hervorgegangen ist. Aus diesem Grund wurde das Werk nahezu einhellig gelobt und für den Grammy als Bestes Americana-Album nominiert.
Die 2026 erschienene Neuauflage über „Hightone Records” und “Craft Recordings“ unterstreicht diesen Stellenwert eindrucksvoll. Das Doppel-LP-Format bietet den weit auseinanderliegenden Rillen deutlich mehr Platz für Dynamik.
„Craft Recordings“ genießt seit Jahren einen hervorragenden Ruf für hochwertige Pressungen mit geringem Grundrauschen und sauberer Zentrierung – Eigenschaften, von denen dieses Album besonders profitiert. Wer ausschließlich den bestmöglichen Klang sucht, fährt mit der schwarzen Standardpressung wohl geringfügig sicherer als mit den farbigen Sammlereditionen.
´Country Music´ ist kein lautes Album. Es spricht leise und vertraut vollständig auf die Kraft jahrhundertealter Songs. Willie Nelson beweist, dass musikalische Wahrhaftigkeit keine Frage von Lautstärke oder Produktionsbudget ist. Gemeinsam mit T Bone Burnett entstand eines der überzeugendsten Spätwerke seiner Karriere – ein Album, das erinnert und dabei den ursprünglichen Geist amerikanischer Countrymusik in bemerkenswerter Klarheit bewahrt.
(9,5 Punkte)



