
MY MORNING JACKET – Z
2005/2026 (Mobile Fidelity Sound Lab) - Stil: Psychedelic Indie Rock
Im Herbst 2005 lag eine eigentümliche Spannung über der amerikanischen Indie-Szene. Die erste große Welle des Alternative Rock war längst Geschichte. Der Garagenrock-Boom um THE STROKES und THE WHITE STRIPES dominierte die Schlagzeilen. ARCADE FIRE hatten mit ´Funeral´ die Herzen einer neuen Generation geöffnet. WILCO hatten mit ´Yankee Hotel Foxtrot´ gezeigt, wie weit sich Rockmusik ausreizen ließ, ohne ihre Seele zu verlieren. Und irgendwo zwischen Psychedelic Rock, Southern Soul, Americana und kosmischem Pop existierte eine Band aus Louisville, Kentucky, die bis dahin zwar von Kritikern verehrt wurde, aber noch immer als Geheimtipp galt: MY MORNING JACKET.
Drei hervorragende Alben hatten sie bereits veröffentlicht. Drei Alben voller Hall, voller Nebel, voller geheimnisvoller Schönheit. Doch niemand war auf das vorbereitet, was im Oktober 2005 erscheinen sollte: ´Z´. Ein einzelner Buchstabe. Ein Album, das die Karriere der Band für immer verändern würde. Und heute, mehr als zwanzig Jahre später, wirkt dieses Werk größer denn je.
Die Geschichte von ´Z´ beginnt paradoxerweise in einer Phase tiefster Unsicherheit. Nach dem gefeierten Vorgänger ´It Still Moves´ verlor die Band zwei zentrale Mitglieder. Gitarrist Johnny Quaid und Keyboarder Danny Cash verließen die Gruppe. Frontmann Jim James war erschöpft. Mehr noch. Er war überzeugt, dass die Band am Ende angekommen war. Erst Jahre später sprach Jim James offen darüber, wie schwer ihn Depressionen belasteten. Zwei enge Freunde hatten sich das Leben genommen. Alkohol spielte eine immer größere Rolle. Zukunftspläne existierten kaum noch.
Der Albumtitel entstand genau aus diesem Gefühl. ´Z´ sollte das Ende markieren. Der letzte Buchstabe. Das letzte Kapitel. Das letzte Album. Ironischerweise wurde genau dieses vermeintliche Schlusswort zum Neubeginn. Fast filmreif wirkt die Geschichte der neuen Besetzung. Jim James ließ sich nur widerwillig zu Vorspielen überreden. Dann öffnete sich die Tür. Herein kamen Carl Broemel und Bo Koster. Die ersten beiden Kandidaten. Und die perfekten Kandidaten. Bis heute gehören beide zur Band. Manchmal schreibt das Leben bessere Drehbücher als jede Rock-Biografie.
Bis dahin hatte Jim James sämtliche MY MORNING JACKET-Alben selbst produziert. Aus Überzeugung. Aus Stolz. Aus Kontrolle. Für ´Z´ wagte die Band erstmals einen radikalen Schritt. John Leckie wurde engagiert. Ein Produzent mit einer Vita, die von PINK FLOYD über XTC bis RADIOHEAD reicht. Ein Mann, der einst sogar als Tape Operator an George Harrisons ´All Things Must Pass´ beteiligt gewesen war. John Leckie brachte etwas mit, das die Band dringend brauchte: Ein zusätzliches Ohr. Eine neue Perspektive. Vor allem aber entfernte er einen Bestandteil, der bis dahin fast zum Markenzeichen geworden war, nämlich den allgegenwärtigen Hall. Frühere MY MORNING JACKET-Aufnahmen klangen oft, als würden sie durch Nebelwände schweben. ´Z´ öffnete die Fenster. Plötzlich standen die Instrumente klar im Raum. Der Sound bekam Luft. Tiefe. Kontur. Die Songs wurden kompakter. Fokussierter. Direkter. Und genau dadurch größer.

Schon die ersten Sekunden von ´Wordless Chorus´ machen klar, dass hier etwas Außergewöhnliches geschieht. Ein geliehener Juno-Synthesizer. Ein spontaner Moment. Eine Melodie. Jim James hatte bis dahin nie ein hochwertiges Keyboard besessen. Ein Freund von VHS OR BETA lieh ihm das Instrument. Der Song floss praktisch unmittelbar aus ihm heraus. Und was für ein Auftakt. Die Synthesizer schweben wie Polarlichter durch die Lautsprecher. Jim James singt nicht. Er schwebt. Sein Falsett wirkt körperlos und zugleich unglaublich präsent. Der Titel klingt wie eine Mischung aus THE FLAMING LIPS, MERCURY REV und einer alternativen Version der BEACH BOYS im Weltall. Noch heute gehört der Song zu den überwältigendsten Album-Openern der 2000er Jahre.
Der eigentliche Triumph von ´Z´ liegt jedoch in seiner Aufgeschlossenheit. Das Album verweigert sich jeder Schublade. ´It Beats For You´ besitzt die nervöse Spannung eines fiebrigen Mitternachtstraums, weckt Erinnerungen zwischen PINK FLOYD und RADIOHEAD und endet mit einer Pfeif-Einlage durch Andrew Bird. ´Gideon´ wächst von einer hypnotischen Meditation zu einer monumentalen Rock-Hymne heran. Wenn Jim James gegen Ende die Zeile „Listen!“ hinausschleudert, wirkt es weniger wie eine Songzeile als wie eine Beschwörung. Viele Bands spielen laut. MY MORNING JACKET erzeugen Größe. Das ist etwas völlig anderes. Dem folgt mit ´What A Wonderful Man´ ein irrwitziger Sprint aus Piano-Rock, Soul und Garage-Energie. Als hätten Neil Young, die BEACH BOYS und HÜSKER DÜ beschlossen, gemeinsam einen Adrenalinschub aufzunehmen.
Jede große Band besitzt einen Wendepunkt. Für MY MORNING JACKET heißt dieser Moment ´Off The Record´. Der Song beginnt mit einem Groove, der irgendwo zwischen THE CLASH, Dub-Reggae und psychedelischem Pop pendelt. Die Geschichte dahinter ist typisch für ´Z´. Schlagzeuger Patrick Hallahan experimentierte mit einer analogen Roland-Drum-Machine aus den Siebzigern. Der Beat wurde durch einen Gitarrenverstärker gejagt. Die Band begann zu jammen. Aus dieser Session entstand einer der wichtigsten Songs ihrer Karriere. Eine hypnotische Rhythmik leitet den Song, getragen von einer Melodie, die sich unaufhaltsam festsetzt, bevor sich im letzten Drittel eine langsame, psychedelische Explosion entfaltet. Hier öffneten sich MY MORNING JACKET erstmals einem deutlich größeren Publikum. Viele Fans nennen diesen Song bis heute den eigentlichen Game-Changer der Bandgeschichte. Nicht ohne Grund.
Die weitere Reise führt durch verschiedene Landschaften des amerikanischen Rock. ´Into The Woods´ klingt wie ein seltsames Jahrmarkt-Karussell nach Mitternacht. Verstörend. Schön. Traumhaft. ´Anytime´ liefert pure Euphorie. Power-Pop in seiner mitreißendsten Form. Wer diesen Song hört, versteht sofort, weshalb die Band später riesige Festivalbühnen erobern konnte. Dann kommt ´Lay Low´. Und plötzlich beginnt echte Gitarrenmagie. Langsam baut sich der Song auf. Immer weiter. Immer höher. Bis Carl Broemel und Jim James ein Gitarrenduell starten, das längst Kultstatus besitzt. THIN LIZZY. THE ALLMAN BROTHERS BAND. LYNYRD SKYNYRD. Alle diese Geister schweben über diesem Finale. Doch der Song wirkt niemals nostalgisch. Er klingt zeitlos. Modern. Lebendig. Viele Fans betrachten dieses Outro bis heute als eines der größten Gitarrensoli der 2000er Jahre. Mit gutem Grund.
´Knot Comes Loose´ wirkt danach wie ein schwebender Nachhall, Americana in Zeitlupe, ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit vor dem finalen Absturz. Und dann kommt ´Dondante´. Acht Minuten. Eine Ewigkeit. Ein Abschiedsbrief. Ein Gebet. Eine Trauerrede. Der Song entstand als Reaktion auf den Tod von Jim James’ Jugendfreund Aaron Todovich. Alles beginnt zerbrechlich. Fast flüsternd. Langsam wächst daraus etwas Gewaltiges. Eine Klangkathedrale. Ein emotionaler Sturm. Ein Finale, das Herz und Verstand gleichermaßen erschüttert. Live erreicht dieser Song beinahe mythische Dimensionen. Zwölf Minuten. Fünfzehn Minuten. Manchmal länger. Carl Broemel greift zum Saxophon. Jim James verliert sich in ekstatischen Gitarrenlinien. Das Publikum steht wie gebannt. Nicht viele Bands besitzen einen Song dieser Größenordnung. MY MORNING JACKET besitzen ihn.

Der Erfolg von ´Z´ war enorm. Die Kritiker überschlugen sich. “Rolling Stone” nahm das Album später in seine Liste der 500 größten Alben aller Zeiten auf. Andere sprachen vom ´OK Computer´ der Band. Doch die eigentliche Bedeutung lässt sich nicht in Zahlen messen. ´Z´ machte aus einer respektierten Indie-Band eine Institution. Es war das Album, das die Tür zu Festival-Headliner-Slots, Arena-Tourneen und weltweiter Anerkennung öffnete. Ohne ´Z wären spätere Werke wie ´Evil Urges´ oder ´Circuital´ vermutlich nie in dieser Form möglich gewesen.
Und heute gibt es Reissues. Und es gibt audiophile Offenbarungen. Die 2026 erschienene “UltraDisc One-Step”-Edition von “Mobile Fidelity Sound Lab” gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Limitiert auf lediglich 2.500 nummerierte Exemplare. Gepresst auf zwei 180g-LPs mit 45 RPM. Direkt von den originalen analogen Masterbändern im One-Step-Verfahren gemastert.
Schon die Verpackung vermittelt Ausnahmecharakter. Der stabile Schuber. Die hochwertigen Drucke. Die luxuriöse Präsentation. Doch die wahre Sensation beginnt erst, wenn die Nadel die Einlaufrille berührt. Die Klangbühne öffnet sich spektakulär. Jim James’ Stimme steht greifbar zwischen den Lautsprechern. Die Synthesizer von ´Wordless Chorus´ schweben scheinbar meterweit durch den Raum. Vor allem aber profitiert John Leckies Produktion von der enormen Transparenz dieser Pressung. Jede Gitarrenschicht. Alles erscheint plastischer. Größer. Natürlicher.
Viele Sammler besitzen mehrere Versionen dieses Albums. Nicht wenige betrachten diese Ausgabe bereits als die definitive Pressung. Und nach wenigen Minuten wird klar, warum.
Große Alben altern nicht. Sie verändern lediglich ihre Perspektive. ´Z´ klingt heute nicht wie ein Produkt des Jahres 2005. Es klingt wie ein Werk außerhalb seiner Zeit. Wie ´Funeral´. Wie ´Yankee Hotel Foxtrot´. Wie ´The Soft Bulletin´. Ein Album, das seine eigene Welt erschaffen hat.
Die eigentliche Magie von ´Z´ liegt vielleicht darin, dass es aus einer Phase tiefster Unsicherheit entstand. Aus Angst. Aus Trauer. Aus Zweifeln. Und daraus etwas erschuf, das bis heute Hoffnung ausstrahlt.
Wenn die letzten Töne von ´Dondante´ verklingen, bleibt dieses seltene Gefühl zurück, das nur ganz wenige Platten erzeugen können. Das Gefühl, einen Ort besucht zu haben. Eine andere Welt. Eine Welt voller Farben, Hallräume, Sternenhimmel und Möglichkeiten. Eine Welt, in der MY MORNING JACKET für nahezu sechzig Minuten die Schwerkraft außer Kraft setzen. Und genau deshalb gehört ´Z´ zu den großen amerikanischen Rockalben des 21. Jahrhunderts.



