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YES – Aurora 

2026 (InsideOutMusic/Sony Music) - Stil: Prog Rock

Mit ihrem 24. Studioalbum stehen YES erneut vor einer Herausforderung, die inzwischen fast jede Veröffentlichung der Band begleitet: Wie bewertet man eine Gruppe, deren Geschichte größer geworden ist als ihre Gegenwart?

Seit Jahrzehnten existieren YES in wechselnden Besetzungen, mit unterschiedlichen kreativen Zentren und verschiedenen Vorstellungen davon, was „Yes“ überhaupt bedeutet. Für viele endete die eigentliche Geschichte bereits mit dem Verlust von Chris Squire, für andere lebt die Band vor allem durch Steve Howe weiter. ´Aurora´ beantwortet diese Diskussion nicht. Stattdessen versucht das Album etwas Überraschendes. Es konzentriert sich darauf, was die heutige Besetzung tatsächlich sein möchte.

Bereits der Entstehungsprozess deutet darauf hin. Es gab kein vorgegebenes Konzept, keine große Rockoper und keinen Masterplan. Einzelne Ideen entstanden in Heimstudios, wurden zwischen den Bandmitgliedern ausgetauscht und schließlich unter Steve Howes Regie zu einem Gesamtwerk zusammengefügt. Erst der Titel ´Aurora´ brachte eine gemeinsame Richtung in das Projekt. Das Bild des Nordlichts wurde zum Symbol für Licht, Transformation, innere Erkenntnis und kreativen Aufbruch. Diese Idee zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Dazu bewegt sich ´Aurora´ textlich erstaunlich geschlossen um Themen wie Selbstfindung, spirituelle Entwicklung, Mythologie, menschliche Beziehungen und die Frage, wie sich Individualität in einer zunehmend technisierten Welt behaupten kann.

Der Titelsong ´Aurora´ eröffnet das Album mit beinahe meditativer Ruhe. Jon Davison und Steve Howe verbinden spirituelle Bilder, östliche Philosophie und kosmische Symbolik zu einer typischen YES-Lyrik, die weniger erzählt als vielmehr Atmosphäre erzeugt. Das klassische und sinfonische Stück wirkt wie ein lieblicher Sonnenaufgang über einem neuen Kapitel der Bandgeschichte.

Mit ´Turnaround Situation´ wird es persönlicher. Davison verarbeitet hier nach eigenen Aussagen eine Phase der Selbstkorrektur und Neuorientierung. Die Metapher der „Redemption Road“ verleiht dem melodischen Stück eine emotionale Direktheit, die man bei YES nicht immer findet.

Der atmosphärische Rock von ´Love Lies Dreaming´ setzt auf Traumlogik statt auf konkrete Aussagen. Der ebenfalls zugängliche Song erinnert stellenweise an die romantischeren Momente der Band in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern. Die Mischung aus verträumter Melodik und filigranem Gitarrenspiel erzeugt eine fast schwerelose Stimmung.

Das musikalische Zentrum des Albums ist zweifellos das knapp vierzehnminütige ´Countermovement´. Hier zeigt sich am deutlichsten, was die aktuelle Inkarnation von YES leisten kann. Das Stück entwickelt sich nicht als klassisches Epos im Stil von ´Close To The Edge´, sondern eher als Reise durch verschiedene musikalische Landschaften. Folk, Jazz, Progressive Rock und moderne Synthesizer-Texturen verschmelzen zu einem vielschichtigen Werk.

Besonders interessant ist die zweite Hälfte des Songs. Dort rückt das Thema künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt. Die Texte stellen die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn Simulationen und digitale Identitäten immer mehr Raum einnehmen: “I don’t want to be a false identity, simulation imitation me.” Anstatt Technologie pauschal zu verteufeln, betont der Song die Bedeutung von Seele, Individualität und echter Erfahrung. Gerade dadurch wirkt die Botschaft überraschend zeitgemäß.

Musikalisch gehört ´Countermovement´ zu den stärksten Longtracks, die diese Besetzung bislang veröffentlicht hat. Geoff Downes erhält endlich ausreichend Raum für prägnante Keyboard-Passagen, während Steve Howe zahlreiche Gitarrenfarben präsentiert – von akustischen Momenten bis zu atmosphärischen Soli.

´Ariadne´ führt den Hörer anschließend in die griechische Mythologie. Die Geschichte von Theseus und Ariadne wird nicht einfach nacherzählt, sondern als Symbol für Orientierung, Vertrauen und innere Führung genutzt. Hier kommt auch das „Czech National Symphony Orchestra“ besonders wirkungsvoll zum Einsatz. Anders als auf vielen modernen Prog-Alben dient das Orchester nicht nur als dekorative Klangschicht, sondern verstärkt die dramatische Erzählung.

Der kurze ´All Hands On Deck´ wirkt anschließend wie eine Verschnaufpause. Steve Howe präsentiert sich hier als Liebhaber traditioneller Folk-Einflüsse. Die Leichtigkeit des Stücks erinnert teilweise tatsächlich an die verspielteren Momente von ´Tormato´. ´Outside The Box´ macht hernach seinem Namen alle Ehre. Der instrumentale Track verzichtet weitgehend auf klassische Songstrukturen und konzentriert sich auf die Dynamik und Interaktion zwischen den Musikern.

´Emotional Intelligence´ überrascht anschließend mit einer bemerkenswert direkten Botschaft. Der Song plädiert für Empathie, Selbstreflexion und Dialogfähigkeit – Themen, die in einer zunehmend polarisierten Welt aktueller wirken als je zuvor. Trotz seiner vergleichsweise kurzen Spielzeit besitzt das Stück eine emotionale Tiefe, die lange nachhallt.

Die Bonus-Tracks erweitern das Album sinnvoll. ´Jambustin’´ bringt Humor und Gesellschaftskritik zusammen, während ´Watching The River Roll´ als ruhiger, melancholischer Ausklang funktioniert. Billy Sherwoods Komposition reflektiert Vergänglichkeit und Veränderung und schließt den thematischen Kreis des Albums elegant ab.

Besonders auffällig ist die geschlossene Teamleistung. Jon Davison liefert wahrscheinlich seine überzeugendste Gesangsleistung auf einem YES-Studioalbum ab. Seine Stimme bewegt sich souverän zwischen spiritueller Erhabenheit und persönlicher Emotionalität. Steve Howe bleibt hingegen das kreative Zentrum der Band. Mit fast achtzig Jahren wirkt sein Gitarrenspiel keineswegs wie eine nostalgische Pflichtübung, sondern überraschend inspiriert und neugierig.

Dennoch wird ´Aurora´ die jahrzehntealten Diskussionen über die Legitimität der heutigen YES-Besetzung nicht beenden. Das Album versucht das aber auch gar nicht. Statt sich an den unerreichbaren Monumenten der Siebzigerjahre abzuarbeiten, konzentriert sich die Band auf ihre Gegenwart. Das Ergebnis ist ein Werk, das weder nostalgisch noch revolutionär sein möchte. Es ist vielmehr ein Album über Menschlichkeit und kreative Neugier.

Nicht jeder Song erreicht die gleiche Qualität, doch die Energie, die Spielfreude und der spürbare Wille zur Weiterentwicklung machen ´Aurora´ zu einem der überzeugendsten Alben dieser späten YES-Phase.

Wer ausschließlich nach einem neuen ´Close To The Edge´ sucht, wird vermutlich enttäuscht bleiben. Wer jedoch bereit ist, YES als lebendige Band des Jahres 2026 zu betrachten, findet hier ein überraschend starkes, atmosphärisches und oft inspirierendes Progressive Rock-Album.

(Überraschende 8 Punkte)

https://www.facebook.com/yestheband/


(VÖ: 12.06.2026)

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