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ULTHA – A Light So Dim

2026 (Vendetta Records) - Stil: Atmospheric-/Blackgaze-/Post-Black Metal

Mit ´A Light So Dim´ legen ULTHA ihr bislang aufwühlendstes und zugleich geschlossenstes Werk vor. Vier Jahre nach ´All That Has Never Been True´ erscheint das fünfte Album der Kölner völlig überraschend als digitaler Ghost-Release über “Vendetta Records”, ohne Vorab-Single, ohne Kampagne. Morgens war die Platte plötzlich da, als hätte sie sich heimlich durch einen Spalt in die Wirklichkeit gedrückt. Genau diese eigentümliche Mischung aus Kontrollverlust, Erschöpfung, Hoffnung und innerem Widerstand zieht sich durch das gesamte Album. Ralph Schmidt schrieb die Texte als zusammenhängende Erzählung über eine Welt, die ihren moralischen Kompass verloren hat, über Menschen zwischen Resignation und letzter Vernunft, über Erinnerungen, Schuld und die Frage, ob nach all dem Wahnsinn überhaupt noch ein Licht übrig bleibt.

Im Herbst 2025 entstand das Album im “Goblin Sound Studio” gemeinsam mit Andreas Rosczyk, der weit mehr als ein Produzent war. Zusätzliche Gitarren, Keyboards und klangliche Feinheiten ziehen sich fast durch das komplette Werk. Dazu kommen Pardis Latifi von DAEVAR, Danni Kann als langjährige kreative Weggefährtin der Band, Pieter Uyttenhoven und Annelies van Dinter von TAKH sowie der vierzigköpfige Chor Der Damen Ohne Namen aus Köln, der dem Album seine fast sakrale Größe verleiht. Interessant ist auch die Geschichte hinter den Aufnahmen, denn das Album soll ursprünglich bereits Ende 2024 nahezu fertig gewesen sein. Ralph Schmidt verwarf große Teile der Vocals und Texte wieder, weil ihm das Material zu hoffnungslos erschien. Erst die neue Ausrichtung brachte dieses fragile Gleichgewicht aus Verzweiflung und menschlichem Restlicht hervor, das ´A Light So Dim´ heute so besonders macht.

´The Unseen World´ öffnet die Tür in dieses Universum mit pochenden Geräuschen, metallischen Resonanzen und unheilvollen Ambientflächen. Das Stück wirkt wie eine stillgelegte Industriehalle mitten in der Nacht, irgendwo zwischen Field Recordings aus dem Ruhrgebiet und dystopischem Soundtrackkino. Danach explodiert ´Love As We’re Falling Down´ förmlich. ULTHA feuern aus allen Rohren. Rasende Blastbeats treffen auf breite Post Metal-Gitarren, während Ralph Schmidt Zeilen über Erinnerung, Lüge und innere Schuld in die Stücke schleudert. Die Band verbindet frühen Atmospheric Black Metal mit der emotionalen Wucht von CULT OF LUNA und den hypnotischen Wiederholungen von SWANS, ohne jemals ihre eigene Identität zu verlieren.

´Her Still Singing Limbs´ beginnt schleppend und schwer, ehe die Musik wieder in gewaltige Black Metal-Wellen kippt und plötzlich diese klare Gesangspassage auftaucht: „Echo of an echo, shadow of a shadow.“ Danni Kann verleiht dem Stück einen fast geisterhaften Charakter. Besonders stark wirkt der gesprochene Abschnitt mit den Zeilen über die „death machine“, während im Hintergrund Gitarrenflächen flimmern wie kaputte Neonlichter über leergefegten Straßen. Denn danach hämmert die Band wieder alles nieder, als würde sich der Song selbst zerreißen.

´What’s Yours Is Yours To Carry´ pendelt zwischen Shoegaze, Doom und aggressiven Ausbrüchen, während Pardis Latifi mit melancholischer Klarheit gegen eine kalte Gitarrenwand ansingt. Der Ausklang erinnert fast an alten Darkwave, als würde aus einem verstaubten Röhrenradio eine ferne Opernstimme dringen. ULTHA schaffen hier etwas Seltenes: extreme Härte und emotionale Verletzlichkeit greifen vollkommen ineinander.

Mit ´Hex Upon Our Heads´ folgt ein bedrohlicher Brocken. Der Song lebt von Growls, dissonanten Gitarren und einer Stimmung wie aus einem okkulten Horrorfilm der Siebziger. Kurz vor Schluss beruhigt sich alles plötzlich, leises Schlagzeug mit jazzigen Besen und dunkle Flächen.

Der Beginn von ´Sister Faith & Sister Chance´ ist rau, fast barbarisch, später öffnen sich hymnische Gitarrenfiguren, die tatsächlich an klassischen Heavy Metal erinnern. Zwischendurch tauchen klare Vocals auf, getragen und kraftvoll zugleich, irgendwo zwischen MY DYING BRIDE und den melancholischen Momenten von KATATONIA. Die Lyrics kreisen um Erinnerung, Identität und die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn Wahrheit und Täuschung kaum noch voneinander zu unterscheiden sind.

Fast schon unwirklich wirkt ´Cherry Knots (The Sun Shines Through You)´. Männer- und Frauenstimme gleiten hier halb gesprochen, halb gesungen durch eine düstere Ballade voller Klavier, verwaschener Gitarren und romantischer Schwermut. Der Song erinnert stellenweise an dunklen Achtziger-Gothic, ehe plötzlich wieder Black Metal-Gewitter hereinbrechen. Die Zeile „Grief is only love perceiving“ gehört zu den emotionalen Zentren des Albums.

Nach diesem melancholischen Kapitel entfesselt ´Pink Lights Soiling To Copper´ pure Raserei. Blastbeats, kreischende Gitarren und hektische Tempowechsel erzeugen eine fast panische Stimmung. Ralph Schmidt verarbeitet hier offenbar Eindrücke moderner Überforderung, inspiriert von der nervösen Intensität der Serie „The Bear“. Der Song fühlt sich an wie ein Zusammenbruch mitten im Großstadtverkehr.

Der größte Stilbruch folgt mit ´The Quiet Current´. Fast sieben Minuten lang bewegen sich ULTHA im Shoegaze- und Post Punk-Kosmos. Klare Stimmen schweben über melancholischen Gitarren, zurückhaltendem Schlagzeug und weichen Harmonien. Pieter Uyttenhoven schrieb hier den Text, der perfekt zur Stimmung passt. Erst ganz am Ende bricht die Black Metal-Gewalt wieder hervor und reißt den Song mit voller Wucht auseinander.

Das finale ´To Part The Abelia Springs´ wächst schließlich zu einem elfminütigen Prog-Epos heran. Durchgehendes Schlagzeugfeuer treibt das Stück nach vorne, während Gitarren, Chorpassagen und düstere Spoken-Word-Sequenzen immer größere Kreise ziehen. In der letzten Minute übernimmt fast vollständig der Chor Der Damen Ohne Namen und hebt das Finale in eine erhabene, beinahe liturgische Größe. Hier laufen sämtliche Fäden des Albums zusammen: Hoffnung, Verzweiflung, Erinnerung, Selbstzerstörung und dieser kleine Rest Licht, der sich durch die Dunkelheit kämpft.

Auch visuell verfolgt die Band ihren neuen Ansatz konsequent weiter. Tobias Hahn entwarf ein Artwork voller floraler Motive, kupferfarbener Schattierungen und surrealer Details, das bewusst mit klassischen Black Metal-Klischees bricht. Besonders auf dem Gatefold der Doppel-LP entfaltet sich diese traumartige Bildwelt beeindruckend. Die streng limitierte „Secret White Light“-Edition dürfte schnell zu einem begehrten Sammlerstück werden. Gerade die Doppel-Vinyl-Ausgabe wirkt wie das ideale Format für dieses Werk. Die warme Pressung, das breite Klangbild und das aufwendige Gatefold geben dieser Platte genau die physische Präsenz, die sie verdient. ULTHA haben ein Album geschaffen, das weit über klassischen Atmospheric Black Metal hinausgeht und 2026 zu den wichtigsten extremen Veröffentlichungen des Jahres gehören dürfte.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/templeofultha

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