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PAUL McCANDLES QUINTET – Live At Kimball’s East 1992

2026 (Moosicus/MiG Music) - Stil: Jazz Rock/Fusion

Mit der Veröffentlichung von ´Live At Kimball’s East 1992´ gibt die Jazzgeschichte endlich einen lange verschollen geglaubten Moment wieder frei. Paul McCandless, seit Jahrzehnten eine prägende Stimme zwischen Kammerjazz, World Music und Fusion, präsentiert hier ein rares Konzertdokument.

Die Entstehungsgeschichte trägt dabei schon fast filmische Züge. Ein unscheinbares DAT-Band, kaum beschriftet, lag über Jahre hinweg unbeachtet in einer Garage, bis es zufällig wiederentdeckt wurde. Erst beim Abhören zeigte sich, was tatsächlich vorlag: ein vollständiger Mitschnitt einer Tournee aus dem Sommer 1992, aufgenommen unter anderem im legendären Club “Kimball’s East” in Oakland. Produzent Steve Rodby und Toningenieur Dan Feiszli überführten dieses fragile Material mit moderner Technik in eine klangliche Form, die heutigen Ansprüchen gerecht wird. Dass dabei auch künstliche Intelligenz zur Restaurierung eingesetzt wurde, ist weniger Selbstzweck als vielmehr ein Mittel, um die Balance der Instrumente präzise herauszuarbeiten.

Die Besetzung dieses Mitschnitts liest sich wie ein Treffen der damaligen Jazz-Elite. Paul McCandless (OREGON) an Oboe, Sopransaxophon und Bassklarinette, Lyle Mays (PAT METHENY GROUP) am akustischen Klavier, Steve Rodby (PAT METHENY GROUP) am Bass, Fred Simon (BEACH BOYS) an den Synthesizern und Mark Walker (OREGON) am Schlagzeug. Diese Konstellation ermöglicht es, kammermusikalische Feinheit und orchestrale Weite miteinander zu verbinden.

Der Einstieg mit ´Robin´ wird von einer Melodie auf dem Sopransaxophon getragen, während das Ensemble in mittlerem Tempo elegant begleitet. ´Punch´ erhöht das Tempo, ein lebendiger Jazz-Fusion-Song mit einem Zusammenspiel zwischen Klavier und Rhythmusgruppe. ´The Marvelous Harlequin Duck´ beginnt mit folkloristischen Anklängen, ehe es zwischen ruhigen Passagen und energischen Ensembleteilen wechselt.

´Last Bloom´ ist eine intime Ballade, reduziert auf das Zusammenspiel von Bläser und Klavier. ´Rainland´ greift diese Stimmung auf, bleibt melodisch und bietet Lyle Mays Raum für ein ausdrucksstarkes Solo. Mit ´Hard Eights´ verändert sich die Tonlage deutlich, ein längeres Stück mit rauen Improvisationspassagen. ´Free´ ist eine freie Improvisation, die mit elektronischen Klängen beginnt.

Danach wirkt ´Cloudy This Morning´ wie ein Kontrast, eine ruhig anmutende Komposition. ´Tail Wind´ baut auf einem wiederkehrenden Bassmotiv auf, darüber entfaltet sich ein leicht folkloristisch gefärbtes Thema. Den Abschluss bildet ´Slink´, ein rhythmisch markanter Jazz-Fusion-Track, der das Konzert energisch abrundet.

Bemerkenswert ist, wie homogen dieses Album wirkt, obwohl die Aufnahmen aus unterschiedlichen Konzerten stammen, darunter auch zwei Stücke vom “Montreal Jazz Festival”. Die Übergänge sind klug gewählt, sodass sich ein geschlossener dramaturgischer Verlauf ergibt, der keinesfalls an eine Zusammenstellung einzelner Mitschnitte erinnert.

Letztlich liegt ein Album vor, das nicht nur als historisches Dokument begeistert. Für Hörer, die sich für die Schnittstellen von Jazz, Fusion und kammermusikalischer Ästhetik interessieren, ist ´Live At Kimball’s East 1992´ die richtige Wahl. Ein verloren geglaubtes Juwel.

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