
PAUL McCARTNEY – Man On The Run (Music From The Motion Picture Soundtrack)
2026 (Capitol Records/Universal Music Group) - Stil: Rock
Mit ´Man On The Run (Music From The Motion Picture Soundtrack)´ legt Paul McCartney kein klassisches Best-of vor, sondern eine kuratierte Momentaufnahme seines wohl spannendsten Jahrzehnts. Der Film von Morgan Neville richtet den Blick auf die Siebzigerjahre, auf den Aufstieg von WINGS, auf Wagnisse, Selbstzweifel und den Triumph eines Musikers, der nach dem Ende der BEATLES seine eigene Identität behaupten musste. Dieses Album erzählt genau diese Geschichte – persönlich, mit bewusst gesetzten Akzenten.
Der Auftakt mit dem Demo von ´Silly Love Songs´ trifft ins Herz. Nur Klavier, zwei Stimmen, Paul McCartney und Linda McCartney eng beieinander. Ohne das berühmte Bass-Riff, ohne die Bläser, wirkt der Song wie ein intimes Liebesbekenntnis. Man hört einen Komponisten, der sich gegen Spott behauptet und dabei schlicht seine eigene Wahrheit singt.
´That Would Be Something´ aus dem Solo-Debüt ´McCartney´ klingt im Remaster angenehm warm und erdig, akustische Gitarre, entspannter Groove, ein Mann im eigenen Studio, der nach dem Sturm der BEATLES neu ansetzt. Mit ´Long Haired Lady´ und ´Too Many People´ aus ´Ram´ zeigt sich Paul McCartney kämpferisch und zugleich melodisch brillant. ´Long Haired Lady´ schwebt in seiner mehrteiligen Anlage zwischen Folk, Pop und hymnischem Finale, während ´Too Many People´ als scharf geschnittener Song mit bissiger Gitarre und energischem Gesang rockt.
´Big Barn Bed´ bringt frühe WINGS-Energie ins Spiel, mit kraftvollem Schlagzeug und einer Hook, die sofort zündet. Danach öffnet sich mit ´Gotta Sing Gotta Dance´ eine ganz andere Welt: Big-Band-Flair, Stepptanz-Charme, Broadway-Geste. Paul McCartney zelebriert hier seine Liebe zum klassischen Entertainment, mit einem Augenzwinkern und spürbarer Freude am Spiel.
Die zweite Seite verstärkt das bisherige Bild. ´Live And Let Die´ in der “Rockshow”-Version wirkt rauer als die Studiofassung, die Gitarren schneiden härter, die Band klingt hungrig. ´Band On The Run´ bleibt das epische Herzstück, ein Song wie eine kleine Rock-Oper über Flucht, Freiheit und Selbstbehauptung.
Mit ´Arrow Through Me´ im Rough Mix rückt die Phase von ´Back To The Egg´ ins Licht. Kühler Funk-Groove, prägnanter Synthesizer, Paul McCartney singt die Bläserfiguren fast spielerisch mit. Der rohe Mix verleiht dem Stück eine direktere Art. ´Mull Of Kintyre´ setzt dagegen auf schottische Folk-Tradition, Dudelsäcke, marschierender Rhythmus, eine Hymne an Heimat und Rückzug.
´Coming Up´ bringt den späten Siebziger-Synth-Pop ins Spiel, tanzbar, mit leicht verzerrtem Gesang, der den Zeitgeist von ´McCartney II´ vorwegnimmt. Den Abschluss bildet ´Let Me Roll It´, getragen von einem schweren Riff und bluesigem Unterton. Paul McCartney singt rauer, als wolle er noch einmal zeigen, dass Rock für ihn kein nostalgisches Relikt ist, sondern lebendige Gegenwart.
Als Gesamtwerk funktioniert dieser Soundtrack weniger als schlüssiges Album, sondern eher als atmosphärisches Stimmungsbild. Er zeigt Paul McCartney als Suchenden, Familienmenschen, Rockmusiker und Entertainer zugleich. Die Auswahl ist bewusst zugespitzt und gewinnt zusätzlichen Reiz durch drei bislang unveröffentlichte Fassungen.
´Man On The Run´ ist Teil einer umfassenden Renaissance rund um WINGS, flankiert von Neuauflagen, dem Buch “Wings: The Story Of A Band On The Run” und neuen Mischungen im Dolby-Atmos-Format. Das Artwork, unter Mitwirkung von Aubrey Powell von Hipgnosis konzipiert und von Peter Curzon bei Storm Studios umgesetzt, knüpft eng an die Geschichte von WINGS an.
Highlights wie ´Too Many People´, ´Band On The Run´ und ´Live And Let Die (Rockshow)´ belegen Paul McCartneys Virtuosität, während die Zusammenstellung teils willkürlich wirkt. Für Fans, die seine kreative Bandbreite erleben wollen, bietet das Album starke Musik, auch wenn die inhaltliche Geschlossenheit etwas leidet. Auf knapp 45 Minuten bündelt es Mut, Experimentierfreude und persönliche Leidenschaft. Paul McCartney lief nicht davon, er lief auf etwas zu – auf seine eigene Stimme, und genau das hört man in jedem Ton.
(7,5 Punke)



