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VAN HALEN – The Collection 1978-1984

2023 (Rhino Records/Warner Records) - Stil: Hardrock

Wenn von den ganz großen amerikanischen Hard Rock-Formationen gesprochen wird, tauchen unweigerlich Namen wie AEROSMITH, KISS oder später GUNS N’ ROSES auf. Doch Ende der Siebzigerjahre kam aus Pasadena eine Band, die das gesamte Genre auf den Kopf stellte.

Plötzlich klangen Gitarren anders. Gefährlicher. Schneller. Wilder. Während viele Rockbands noch tief in den Traditionen des Blues verwurzelt waren, schien ein junger Gitarrist namens Eddie Van Halen bereits Musik aus der Zukunft zu spielen.

Zwischen 1978 und 1984 entstand eine Serie von sechs Alben, die bis heute zum Fundament des amerikanischen Hard Rock gehören. Sechs Platten voller Adrenalin, Größenwahn, kalifornischer Hitze, röhrender Marshall-Türme und jener unbändigen Spielfreude, die ganze Generationen von Musikern geprägt hat.

Es war die Zeit, als der Sunset Strip noch nach Benzin, Bier und Rock’n’Roll roch. Die Zeit, als Gitarrenhelden über Nacht zu Legenden wurden. Die Zeit von VAN HALEN.

Wer diese goldene Ära heute auf Vinyl erleben möchte, landet früher oder später bei einer Frage, die Sammler seit Jahren beschäftigt: Welche Pressungen bringen den legendären Brown Sound tatsächlich authentisch zurück ins Wohnzimmer?

Die klanglich spektakulärsten und teuersten Veröffentlichungen stammen momentan aus der “UltraDisc One-Step”-Serie von “Mobile Fidelity Sound Lab”. Die luxuriösen 45-RPM-Ausgaben liefern eine beeindruckende Dynamik, enorme Transparenz und eine Klangbühne, die selbst erfahrene Vinyl-Sammler ins Staunen versetzt. Besonders die aktuell veröffentlichte Edition von ´1984´ wirkt in dieser Form fast wie eine Neuaufnahme aus den Original-Masterbändern herausdestilliert.

Doch die Diskussion ist bekannt. “Mobile Fidelity” arbeitet nicht AAA, sondern mit einem DSD256-Zwischenschritt. Für Analog-Puristen bleibt das ein Streitpunkt. Viele Sammler akzeptieren diesen digitalen Umweg inzwischen widerwillig, weil die klanglichen Ergebnisse schlicht herausragend sind. Wer dagegen eine kompromisslose AAA-Kette bevorzugt, landet zwangsläufig bei den legendären Chris Bellman-Remastern von “Rhino Records”.

Für viele Analog-Puristen führt der Weg letztlich zu einer Box, die weniger auf audiophile Effekte setzt und stattdessen den ursprünglichen Charakter dieser Alben bewahrt. Die Rede ist von ´The Collection 1978–1984´. Denn diese Box vereint sämtliche klassischen David Lee Roth-Alben in den hochgelobten AAA-Remastern von Chris Bellman – direkt von den originalen Viertelzoll-Masterbändern geschnitten, ohne digitale Umwege, ohne Marketing-Debatten, ohne audiophile Glaubenskriege.

Vor allem aber enthält sie sechs Alben, die den Hard Rock für immer verändert haben.

Das selbstbetitelte Debüt ´Van Halen´ detonierte 1978 wie ein musikalischer Urknall. Während viele Rockbands der Zeit noch tief im Blues verwurzelt waren, schien Eddie Van Halen bereits in einer anderen Galaxie angekommen zu sein. Wenn ´Runnin’ With The Devil´ aus den Lautsprechern rollt oder ´Eruption´ sämtliche physikalischen Gesetze außer Kraft setzt, wird sofort klar, weshalb ganze Generationen von Gitarristen nach diesem Album ihre Instrumente neu überdenken mussten. David Lee Roth klingt wie die personifizierte Sunset-Strip-Nacht, Alex Van Halen hämmert mit der Wucht eines Presslufthammers durch die Songs, während Michael Anthony jeden Refrain mit seinen legendären Harmoniegesängen vergoldet. Dieses Album war keine Debütplatte. Es war die Geburtsstunde eines Mythos.

Nur ein Jahr später folgte mit ´Van Halen II´ die perfekte Fortsetzung. Wo das Debüt noch wie ein Frontalangriff wirkte, strahlt hier die kalifornische Sonne aus jeder Rille. ´Dance The Night Away´ und ´Beautiful Girls´ besitzen bis heute diesen einzigartigen Mix aus Virtuosität und Leichtigkeit. Die Band klingt lockerer, selbstbewusster und wirkt, als würde sie gerade die größte Poolparty der Welt vertonen. Hinter der scheinbaren Mühelosigkeit steckt allerdings eine Präzision, die damals kaum eine andere amerikanische Rockband erreichte.

Mit ´Women And Children First´ veränderte sich die Stimmung spürbar. Der Sound wurde rauer, kantiger und deutlich aggressiver. Songs wie ´And The Cradle Will Rock…´ oder ´Loss Of Control´ zeigen VAN HALEN von ihrer wildesten Seite. Man hört förmlich den Schweiß an den Studiowänden kleben. Die Band klingt hier wie eine entfesselte Live-Maschine, die direkt aus einem stickigen Club auf Vinyl gepresst wurde. Genau diese ungefilterte Energie macht das Album bis heute zu einem Geheimfavoriten vieler langjähriger Fans.

Dann kam ´Fair Warning´. Für viele Hardliner ist dies der wahre Gipfel des frühen VAN-HALEN-Kosmos. Düsterer waren sie nie. Härter ebenfalls nicht. Eddie Van Halen entfesselt auf ´Mean Street´, ´Unchained´ oder ´Dirty Movies´ ein Gitarrenfeuerwerk, das selbst Jahrzehnte später noch Ehrfurcht erzeugt. Die Riffs schneiden wie Rasierklingen durch die Lautsprecher, Alex Van Halen treibt die Songs mit unerbittlicher Präzision voran und David Lee Roth bewegt sich durch diese dunkleren Klanglandschaften wie ein Ringmaster in einer Rock’n’Roll-Arena kurz vor Mitternacht. Dieses Album besitzt eine Intensität, die man nicht analysiert – man erlebt sie.

Nach dieser geballten Dunkelheit öffnet ´Diver Down´ wieder die Fenster. Das Album wirkt wie ein ausgelassener Sommer entlang der kalifornischen Küste. Coverversionen wie ´(Oh) Pretty Woman´ oder ´Dancing In The Street´ verwandeln sich in hochoktanige Hard Rock-Hymnen, während Eddie Van Halen mit kleinen instrumentalen Momenten seine kreative Genialität unter Beweis stellt. Vielleicht ist es das unbeschwerteste Album dieser Ära, voller Charme, Spielfreude und jener ansteckenden Lebenslust, die VAN HALEN immer von vielen Zeitgenossen unterschied.

Und dann erhebt sich am Horizont schließlich der Koloss namens ´1984´. Ein Album, das längst zur amerikanischen Rock-DNA gehört. Das berühmte Synthesizer-Intro von ´Jump´ markierte einen Wendepunkt in der Karriere der Band und gleichzeitig den Beginn ihrer größten kommerziellen Phase. Doch die wahre Größe dieser Platte offenbart sich weit hinter den Radiohits. ´Panama´ besitzt bis heute die Kraft eines startenden Düsenjets, ´Girl Gone Bad´ zeigt Eddie Van Halen auf einem kreativen Höhenflug und ´Hot For Teacher´ gehört zu den spektakulärsten Hard Rock-Aufnahmen der Achtziger überhaupt. Das wahnsinnige Schlagzeug-Intro von Alex Van Halen ist bis heute eine Demonstration technischer Brillanz und purer Energie. Mit diesem Album erreichte die klassische Besetzung ihren Olymp – größer, erfolgreicher und selbstbewusster konnte Hard Rock 1984 kaum klingen.

´The Collection 1978–1984´ ist daher weit mehr als eine Vinylbox. Sie ist eine Zeitmaschine zurück in eine Ära, als Rockmusik noch ein Versprechen von Freiheit war. Als Gitarrenriffs ganze Jugendzimmer erschütterten. Als man Platten auflegte, das Cover studierte und sich für vierzig Minuten in einer anderen Welt verlor.

Zudem hört man hier den Aufstieg einer Band, die innerhalb weniger Jahre von den Clubs Kaliforniens auf die größten Bühnen der Welt stürmte. Man hört Eddie Van Halen auf einem kreativen Höhenflug, der bis heute seinesgleichen sucht. Man hört David Lee Roth als schillernden Frontmann zwischen Rockstar, Entertainer und Wahnsinnigen. Man hört Alex Van Halen und Michael Anthony als unerschütterliches Fundament eines Sounds, der Generationen überdauert hat.

Chris Bellmans AAA-Remaster bewahren all das mit beeindruckender Authentizität. Die Gitarren besitzen Biss und Wärme, die Drums explodieren mit jener Dynamik, die modernen Produktionen oft fehlt, und die Songs strahlen noch immer dieselbe Magie aus wie damals. Wer die David Lee Roth-Jahre von VAN HALEN in ihrer vielleicht überzeugendsten analogen Form erleben möchte, kommt an dieser Box kaum vorbei.

Am Ende des Tages geht es hier jedoch um weit mehr als Pressungen, Mastering-Ketten oder AAA-Debatten. Es geht um den Moment, wenn die Nadel aufsetzt. Wenn ´Runnin’ With The Devil´ langsam aus den Lautsprechern steigt. Wenn Eddie Van Halen die erste Saite anschlägt. Und für einen Augenblick wieder alles so klingt wie damals. Laut. Gefährlich. Unsterblich.

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