PlattenkritikenPressfrisch

VIBRAVOID – A Reason For Now

2026 (Tonzonen Records) - Stil: Neo Psychedelic / Krautrock / Psych Pop

Die verrückteste Idee dieses Herbstes kommt aus Düsseldorf. Eine Band, die seit Jahrzehnten zu den unbeirrbarsten Vinylfanatikern des Landes zählt, erklärt ausgerechnet die CD zum Format der Stunde. Und als wäre das nicht schon Provokation genug, ruft sie gleich noch die Popmusik zur neuen Droge aus. Wer ´A Reason For Now´ einlegt, merkt schnell, dass hinter beidem mehr steckt als ein flotter Spruch.

VIBRAVOID sind Ende der Achtziger aus einer Düsseldorfer Lightshow‑Truppe hervorgegangen, und Bandkopf Christian Koch, den alle nur Dr. Koch nennen, hat die Stadt von Kindesbeinen an aufgesogen. Zwischen Kunstakademie und Creamcheese wuchs er auf, und im „Ratinger Hof“ fand er später seine Bühne. Die Band versteht sich als Wegbereiter dessen, was heute unter Neo‑Psychedelia und Neo‑Krautrock läuft. Man muss nicht jede dieser Pionierbehauptungen unterschreiben, um anzuerkennen, wie früh hier Fuzzpedale und Lightshows zusammenfanden, lange bevor farbiges Vinyl wieder in Mode kam. Mit Sky Saxon von THE SEEDS nahmen VIBRAVOID 2008 sogar ´A Poetry Of Love´ auf, eine seiner letzten Aufnahmen. Interessant ist, dass sich die Band inzwischen von genau jenen Schlagworten distanziert, die sie einst mit populär gemacht hat. Statt Psych‑Etiketten zu pflegen, setzt sie diesmal auf die Kraft des Popsongs.

Heute besteht das Trio aus Christian Koch an Gesang und Gitarre, Frank Matenaar an Schlagzeug und Perkussion sowie Dario Treese an Orgel, Keyboards und Bass. Ein Jahr nach dem viel gelobten ´Remove The Ties´ legen sie mit ´A Reason For Now´ ihr zwanzigstes Studioalbum vor. Aufgenommen wurde es zwischen Ende 2025 und dem Frühjahr 2026 im bandeigenen Studio in Düsseldorf, und zwar mit einem Arsenal, bei dem jedem Sammler das Herz aufgeht. Wer so ausgerüstet ist, muss die Sechziger nicht nachahmen, er holt sie einfach ins Studio.

Schon der Opener ´Till The End Of Time´ reißt einen sofort aus dem Sessel. Die Fuzzgitarren dröhnen, darüber schwebt eine Sitar, als hätte jemand 1967 die Zeitmaschine angeworfen und den Rückweg vergessen. Der Refrain besitzt dabei so viel Popinstinkt, dass man nach dem zweiten Durchlauf schon mitsingt. ´Cinnamon Star´ bringt in knapp vier Minuten zwei Düsseldorfer Traditionen zusammen, die eigentlich nicht zueinander passen. Die Ruppigkeit des Ratinger Hofs trifft auf die endlosen Räume der Kosmischen Musik.

Mit ´In The Sky Tonight´ öffnet sich der Himmel. Gut sechs Minuten lang wächst das Stück zu einem kleinen psychedelischen Epos heran, mit progressiven Wendungen und einem Gespür für Melodie. ´All The Scars Inside´ wagt danach einen verblüffenden Zeitsprung. Sechziger‑Psychedelia landet mitten in den frühen Neunzigern, auf einem tanzbaren Indie‑Beat, über dem Tabla und Sitar flirren. ´Yellow Horizon´ beschließt die erste Seite mit dem, was VIBRAVOID vielleicht am besten können. Psychedelischer Pop, durchzogen von schrägen Klangeffekten und getragen von einem Groove, der einen langsam, aber unaufhaltsam in Trance schaukelt.

Seite B eröffnet ´Fuel The Flame´, die Vorabsingle, und setzt ein echtes Ausrufezeichen. Ein hymnischer Fuzzsong, der klingt, als hätte die Band all ihre Liebe zum Sixties‑Pop in einen einzigen Funken gepackt und das Streichholz gleich mitgeliefert. ´Voice In A Cage´ knallt vom ersten Takt an, ein fiebriger Beat treibt das Stück voran, die Gitarren sägen, und darüber ziehen seltsame Geräusche ihre Kreise. ´Second Hand Toy´ schlägt danach einen ganz anderen Ton an. Ein verträumter Ausflug in die Welt der Trödelläden, wo alte Dinge auf neue Besitzer warten, liebevoll produziert und voller kleiner Klangwunder.

Und dann kommt ´Strassenbahn´, mit über elfeinhalb Minuten das längste Stück des Albums. Komponiert hat die Band es für ihre ausverkaufte Jubiläumsshow am 16. Januar 2026 im „Ratinger Hof“, wo es mit Vom Ritchie von DIE TOTEN HOSEN, der schon auf dem Debüt ´2001´ trommelte, und Bassist Ufo Walter als Gästen seine Premiere erlebte. Wer aus Düsseldorf stammt, kommt an KRAFTWERK nicht vorbei, und VIBRAVOID versuchen das auch gar nicht. Ein hypnotischer Motorik‑Beat rollt los wie eine Bahn durch die nächtliche Stadt, kosmische Klänge blinken wie Haltestellenlichter, und das Ganze ist mit so viel Augenzwinkern gespielt, dass man grinsend an der Endstation ankommt.

Was ´A Reason For Now´ so stark macht, ist der Verzicht auf jede Verkopftheit. Diese Band kennt die Psychedelia der Jahre 1966 bis 1968 wie ihre eigene Westentasche und könnte daraus mühelos ein schwer verdauliches Kennerwerk machen. Stattdessen schreibt sie Songs, die man mitpfeifen kann und die trotzdem in fremde Galaxien führen. Popmusik als Droge eben.

Bleibt die Sache mit der CD. Die Band, die schon ihr Debüt auf farbigem Vinyl veröffentlichte, setzt diesmal bewusst auf die silberne Scheibe, und zwar in einer Form, die fast vergessen ist. Die Enhanced CD enthält eine eigene Abspielsoftware, auf älteren Rechnern startet sie sogar von selbst. Darauf findet sich der experimentelle Film „Im Zeichen des Zwilling“, den VIBRAVOID ab Ende 2018 selbst produzierten und 2019 uraufführten. Gedreht vor dem Greenscreen, soll er sich an den fantastischen Trickwelten des tschechischen Filmemachers Karel Zeman orientieren.

Erschienen ist das Album als CD, digital und auf Vinyl. Für die LP gibt es zwei Sondereditionen namens „Flower Power“ und „Love Glow“, beide mit beiliegender CD, Poster, Textblatt und Downloadkarte. Das Wendecover bietet zwei verschiedene Vorderseiten, und je nachdem, wie man die Hülle dreht, hat man eine andere Platte im Regal stehen.

Parallel zum Album startet der Vorverkauf von Christian Kochs Buch „Creamcheese, LSD, Stroboskop und die Rock Revolution“. Es erzählt die Düsseldorfer Musik‑ und Clubgeschichte von 1967 bis 1992 mit über 3.000 unveröffentlichten Bildern, rekonstruiert die legendäre Sheila‑Disco und folgt sogar den kaum bekannten Spuren von MAYHEM in der Stadt. Dazu kommen Gespräche unter anderem mit Michael Rother, Eberhard Kranemann, Ralf Dörper, Jürgen Engler und Mani Neumeier.

´A Reason For Now´ ist eine Einladung, die Augen zu schließen und loszufliegen. Neun Songs, die nach 1967 duften und trotzdem im Hier und Jetzt landen. Selten hat sich ein Rausch so leicht angefühlt.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/vibravoidofficial

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"