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DEEP PURPLE – SPLAT!

2026 (earMUSIC) - Stil: Classic Hard Rock

Wenn eine Band nach mehr als fünf Jahrzehnten noch einmal die eigene Komfortzone verlässt, darf man genau hinhören. DEEP PURPLE liefern mit ´SPLAT!´ kein nostalgisches Alterswerk, sondern ein überraschend aggressives, riffbetontes Studioalbum, das den klassischen Mk.-II-Geist in die Gegenwart transportiert. Produzent Bob Ezrin verzichtet auf überflüssigen Ballast und setzt stattdessen auf Dynamik und rohe Energie. Das Ergebnis zählt zu den härtesten und fokussiertesten Produktionen der Band seit vielen Jahren.

Mit Gitarrist Simon McBride besitzen DEEP PURPLE inzwischen endgültig eine neue Identität. Sein Spiel orientiert sich deutlich stärker am bluesigen Riff-Ansatz der frühen Bandjahre als an den filigranen Fusion-Einflüssen seines Vorgängers. Zusammen mit Keyboarder Don Airey entstehen immer wieder jene klassischen musikalischen Wortgefechte, die seit Jahrzehnten zum Markenzeichen der Band gehören.

Die Rhythmussektion aus Roger Glover und Ian Paice liefert dabei souverän das stabile Fundament, während Ian Gillan erstaunlich präsent und charakterstark singt. Seine Stimme besitzt längst nicht mehr den Höhenumfang der frühen Siebziger, doch genau daraus entwickelt sich ihre heutige Ausdruckskraft. Statt jeden Ton mit maximaler Kraft anzugehen, arbeitet Gillan mit Sprechgesang, rauen Klangfarben und pointierter Artikulation.

Der Ausgangspunkt klingt zunächst wie ein alter Witz von Sänger Ian Gillan: Ein Insekt schlägt gegen die Windschutzscheibe – Splat! Doch genau dieser Moment des Aufpralls bildet den philosophischen Kern des Albums. Statt eines Endes beschreibt ´SPLAT!´ den Übergang in einen neuen Bewusstseinszustand. Die Menschheit verschwindet, Materie löst sich auf und zurück bleibt ein kollektives Bewusstsein, das frei von Raum, Zeit und Physik existiert.

Diese Metapher zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Trotz zahlreicher skurriler Figuren und humorvoller Texte entsteht ein erstaunlich geschlossenes Gesamtkonzept über Vergänglichkeit, Identität und Transformation.

Der Opener ´Arrogant Boy´ eröffnet das Album mit einem explosiven Hardrock-Riff, das Erinnerungen an die Hochphase der siebziger Jahre weckt. Vordergründig erzählt der Song von Billy, einem Jungen, der weder lesen noch schreiben kann und trotzdem mit demonstrativem Selbstbewusstsein durchs Leben geht.

´Diablo´ gehört zu den ungewöhnlichsten Stücken des Albums. Gastgitarrist Keith Urban erweitert den Sound um bluesige Nashville-Einflüsse, ohne dass DEEP PURPLE ihre Identität verlieren. Inhaltlich beschreibt der Song eine groteske Reise durch eine höllische Parallelwelt voller absurder Figuren und schwarzem Humor.

Mit ´The Rider´ folgt eine bissige Abrechnung mit übersteigerten Rockstar-Egos. Gillan überzeichnet sämtliche Klischees rund um luxuriöse Tour-Rider, Sonderwünsche und Selbstüberschätzung bis zur völligen Groteske. ´The Lunatic´ dreht die Perspektive geschickt um. Nicht der Außenseiter wirkt verrückt, sondern eine Gesellschaft, die Individualität zunehmend misstrauisch betrachtet.

Überraschend melancholisch präsentiert sich ´The Only Horse In Town´. Hinter der scheinbar einfachen Geschichte über ein verlassenes Motel und ein altes Pferd verbirgt sich eine poetische Reflexion über Zufriedenheit, Einsamkeit und innere Ruhe. ´Sacred Land´ greift dagegen schottische Geschichte auf und erzählt von ehemaligen Feinden, die ihre Schwerter niederlegen. Die Mischung aus mystischer Atmosphäre und marschartiger Wucht entwickelt enorme Kraft und passt hervorragend zum übergeordneten Albumkonzept.

Mit ´The Beating Of Wings´ erreicht ´SPLAT!´ einen emotionalen Höhepunkt. Zwischen Dunkelheit und Hoffnung entfaltet sich ein spiritueller Melodic Rock-Song über Licht, Trost und den Glauben an einen Neubeginn. Diese Zurückhaltung passt perfekt zum Albumkonzept: Das Erwachen nach dem „Aufprall“ erscheint nicht als Explosion, sondern als langsames Erreichen eines neuen Bewusstseinszustands.

´Guilt Trippin’´ verbindet schwarzhumorige Selbstanklage mit überraschenden musikalischen Wendungen. Das zunächst ruhige Piano entwickelt sich zu dramatischem Hardrock und zählt zu den abwechslungsreichsten Kompositionen des Albums. ´Scriblin’ Gib’rish´ thematisiert sodann den zunehmenden Zerfall verständlicher Kommunikation. Die bewusst sinnfreien Fantasiewörter im Finale unterstreichen eindrucksvoll die Absurdität moderner Sprachwelten.

Mit ´Jessica’s Bra´ gönnt sich die Band einen herrlich schrägen Ausflug in eine groteske Kneipenwelt voller exzentrischer Figuren. Jazzige Elemente treffen auf anarchischen Humor und erinnern stellenweise eher an Tom Waits als an klassischen Hardrock. ´Third Call´ erzählt hernach eine rein körperliche Beziehung ohne romantische Verklärung. Die knappen Dialoge und die nüchterne Erzählweise verleihen dem Stück eine ungewöhnliche Direktheit.

´My New Movie´ feiert kreative Freiheit und den Mut, sämtliche Regeln über Bord zu werfen. Die überzeichnete Filmsatire passt hervorragend zum spielerischen Charakter der zweiten Albumhälfte, ehe der Titelsong ´SPLAT!´ sämtliche Themen zusammenführt. Aus dem scheinbaren Unfall wird eine metaphysische Verwandlung. Der Mensch verlässt die physische Existenz und entwickelt sich zu reinem Bewusstsein. Ein ungewöhnlich optimistisches Finale für ein Album über das Ende der Menschheit.

Produziert und gemischt wurde ´SPLAT!´ von Bob Ezrin. Die Aufnahmen entstanden überwiegend in Nashville und Toronto, ergänzt durch zusätzliche Sessions in Großbritannien und Hamburg. Der moderne Mix bleibt druckvoll, ohne die organische Banddynamik einzuschränken. Besonders das Zusammenspiel zwischen Hammond-Orgel, Gitarre und Rhythmussektion profitiert von der transparenten Klangabstimmung.

´SPLAT!´ ist weit mehr als ein weiteres Spätwerk einer legendären Rockband. DEEP PURPLE präsentieren sich erstaunlich hungrig, experimentierfreudig und gleichzeitig fokussierter denn je. Die Platte verzichtet weitgehend auf ausufernde Progressive Rock-Exkursionen und konzentriert sich stattdessen auf starke Riffs, markante Hooks und überraschend tiefgründige Texte.

Vor allem die Lyrics überzeugen durch ihre Mischung aus britischem Humor, Gesellschaftssatire, philosophischen Gedanken und skurrilen Geschichten. Unter der oft absurden Oberfläche verbergen sich immer wieder Fragen nach Identität, Freiheit, Vergänglichkeit und menschlicher Entwicklung.

Musikalisch verbindet ´SPLAT!´ klassische Hardrock-Wurzeln mit frischer Spielfreude. Das Album wirkt weder nostalgisch noch bemüht modern, sondern erstaunlich zeitlos. Gerade diese Balance macht es zu einem der überzeugendsten Studioalben der aktuellen DEEP PURPLE-Phase.


(VÖ: 03.07.2026)

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