
Dieses Konzert im Jahr 1976 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Karriere von THIN LIZZY. Die Band stand zu dieser Zeit laut Scott Gorham kurz davor, vom Label gedroppt zu werden – sie gehörten zu den möglichen „Kandidaten auf der Streichliste“. Dass ausgerechnet diese Phase in Cleveland dokumentiert ist, verleiht der Aufnahme vom 11. Mai 1976 eine enorme historische Wucht. Denn man hört eine Band, die nicht einfach auftritt, sondern buchstäblich um ihre Existenz spielt.
Erst der Erfolg von ´The Boys Are Back In Town´ rettete sie, wobei die Band den Song ursprünglich gar nicht auf dem Album ´Jailbreak´ haben wollte. Manager Chris O’Donnell erkannte allerdings das Potenzial des Songs und bestand auf seiner Veröffentlichung – eine Entscheidung, die die Karriere der Band nachhaltig veränderte. Cleveland fängt genau diesen entscheidenden Wendepunkt live auf der Bühne ein.
Doch das Schicksal schlug nochmals zu. Mitten auf der Tour erkrankte Phil Lynott an Hepatitis und musste in der zweiten Juniwoche ins Krankenhaus. Quarantäne und Rückflug nach London statt US-Eroberung. Doch der Geist von Cleveland blieb lebendig. Es heißt, Phil Lynott schrieb im Krankenbett auf einer Akustikgitarre fast das gesamte Nachfolgealbum ´Johnny The Fox´.
Der Mitschnitt von Cleveland dokumentiert jedenfalls die Geburt des klassischen Twin-Guitar-Sounds in seiner frühen Form, bevor er durch jahrelange Tour-Routine perfektioniert wurde. Die Kombination aus Scott Gorham und Brian Robertson wirkt hier noch nicht als eingespieltes System. Während die Studioalben bereits mit zweistimmigen Harmonien experimentierten, dokumentiert Cleveland 1976 dessen Feuertaufe. Aus jenen Tagen erwuchs später der triumphale Status der Band als eine der besten Live-Formationen aller Zeiten.
Für die Fans im “Agora Ballroom” war es am 11. Mai 1976 zumindest ein typischer Club-Moment der 70er. Für gerade einmal 3,50 Dollar im Vorverkauf erlebten sie ein THIN LIZZY-Konzert, das durch die „WMMS“-Radioübertragung später zu einem begehrten Bootleg-Klassiker wurde.

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´Jailbreak´ kickt zur Eröffnung sogar noch ein Stück härter als auf dem Album. Der Song hat dieses einzigartige Riff, diesen unwiderstehlichen, stampfenden Groove. In dieser Aufnahme ist Phil Lynotts Bass-Sound unglaublich präsent und wenn Scott Gorham & Brian Robertson ihre Gitarren aufheulen lassen, um die Gefängnissirenen zu imitieren, erzeugt das eine greifbare Spannung. Das ist diese Mischung aus Coolness und purer Rock-Aggression. Denn diese Band wusste, dass sie mit diesem Song gerade einen Klassiker erschaffen hat.
Mit ´It’s Only Money´ folgt ein echtes Biest. Während die Studioversion noch eher soulig-funky war, verwandeln THIN LIZZY dieses Biest live in eine regelrechte Hard-Rock-Dampfwalze. Der Song ist viel aggressiver, Brian Robertsons Spielweise besonders bissig und Phil Lynott sowie Brian Downey treiben den Song unwahrscheinlich hart voran.
Doch mit ´Emerald´ gibt es Rock ‘n’ Roll am Limit. Dieses schwere, keltisch angehauchte Riff klingt live viel bedrohlicher als im Studio. Scott Gorham und Brian Robertson lassen sich gegenseitig keine Luft zum Atmen. Es wirkt fast wie ein echter Kampf. Phil Lynott singt es mit einer Ernsthaftigkeit, als stünde er selbst mitten im Nebel auf dem Schlachtfeld. Man hört deutlich, warum Bands wie IRON MAIDEN diesen Song als ihre Blaupause bezeichnen. Zudem gipfelt der Song in diesem legendären, sich steigernden Gitarren-Showdown.
Der Urknall der Stadionhymne folgt mit ´The Boys Are Back In Town´. Obwohl der Song gerade erst dabei war, die Welt zu erobern, und genau in diesem Monat in die US-Charts einstieg, spürt man schon in diesem kleinen Club diese enorme Macht, die später Tausende in Stadien zum Mitsingen bringen sollte. Und die Band spielt es mit diesem unglaublichen „Wir-sind-wieder-in-der-Stadt“-Gefühl sowie einem Selbstbewusstsein, als wüssten sie bereits, dass dies ihr Ticket in die großen Arenen ist. Das Hauptriff und die harmonisierten Gitarren-Läufe sind in Cleveland dermaßen präsent, dass die Radiostationen gar nicht anders konnte, als den Song rauf und runter zu spielen. Und Phil Lynott phrasiert den Text in Cleveland extrem cool und lässig.
Nach diesem Song-Block war das Publikum in Cleveland wahrscheinlich völlig fertig mit den Nerven. ´Romeo And The Lonely Girl´ gibt dem Konzert daraufhin die nötige Tiefe und zeigt, dass THIN LIZZY mehr als nur eine laute Rockband waren. Phil Lynott beweist, was für ein begnadeter Songwriter er war. Er klingt wie der einsame Romantiker, harte Schale und weicher Kern. Selbst Scott Gorham und Brian Robertson zeigen ihre sensible Seite, denn die Harmonien unterstreichen die Sehnsucht des Textes. Ein trauriger Song zum Mitwippen, ehe sie perfekt zur rohen Gewalt von ´Warriors´ umschwenken. Das Schlagzeugspiel von Brian Downey schaltet in den Angriffsmodus und bringt diesen treibenden, marschähnlichen Beat. Die Gitarren schneiden mit massivem Einsatz des Wah-Wah-Pedals durch die Luft. Phil Lynott singt über den „Sohn des Schicksals“ sowie die „Krieger auf dem Feld“ und drückt das Publikum mit schierer Power förmlich gegen die Wand.
Nach dem schweren Krieger-Thema kommt dieser Moment im Konzert, wo keiner mehr stillsteht. In Cleveland merkt man, wie die Band bei ´Rosalie´ wieder das Gaspedal durchdrückt. Obwohl der Song ein Cover von Bob Seger ist, haben THIN LIZZY ihn sich komplett unter den Nagel gerissen. Das ist purer Rock ’n’ Roll, der die Stimmung endgültig zum Überkochen bringt. Das Schlagzeug ist viel härter als im Original und macht aus einer Country-Rock-Nummer eine echte Hard Rock-Hymne, der Phil Lynott diesen unwiderstehlichen „Outlaw“-Vibe verpasst.

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Danach wirkt ´Suicide´ wie ein Schlag in die Magengrube. An diesem Abend ist das Hauptriff unheimlich aggressiv. Scott Gorham und Brian Robertson treiben ihre Amps bis an die Grenze, umso extremer klingt es nach den ersten Vorboten des Speed Metal. Phil Lynott singt die dramatische Geschichte fast schon gehetzt, spuckt das Wort „Suicide“ beinahe in das Mikrofon und die beiden Gitarristen jagen sich gegenseitig. Dazu sind die Soli lang und intensiv. Das ist ein weiterer Beweis, dass THIN LIZZY 1976 die härteste und gleichzeitig versierteste Gang im Rock-Business war.
Bei ´Sha-La-La´ fliegen endgültig alle Sicherungen raus. Der Titel klingt zwar harmlos, aber die Performance ist pure Aggression und Spielfreude – und das Hauptriff ist eines ihrer härtesten. Brian Downey gibt ein hysterisches Tempo vor, besonders trocken und wuchtig. Scott Gorham und Brian Robertson spielen dermaßen synchron und druckvoll, dass man kaum glauben kann, nur zwei Gitarren zu hören. Man hört der Band an, dass sie bei diesem Song alles gibt.
Dann feiern Band und Publikum mit ´Baby Drives Me Crazy´ die große Party. Der Song bringt diese funky, soulige Seite von THIN LIZZY zurück. Die Band groovt einfach unglaublich locker. Phil Lynott lässt die Leute mitsingen, klatschen und antworten. Er hat die Masse im Griff, dieses typische „Are you out there?!“, das er so perfekt beherrschte. Und wie so oft nutzt er diesen Song, um seine „Warriors“ einzeln vorzustellen. In Cleveland spürt man hierbei die Kameradschaft zwischen Lynott, Downey, Gorham und Robertson. Das war eine echte Einheit, die zusammen durch dick und dünn ging.
Spätestens bei ´Me And The Boys´ gibt es kein Halten mehr, der Song ist die pure Definition von „Street-Rock“. Das Riff ist rotzig, simpel und effektiv, der Song die Hymne auf das Tourleben. Man hört diesen „Wir-gegen-den-Rest-der-Welt“-Vibe in jeder Sekunde. Phil Lynott proklamiert den Text, in diesem schnellen, fast sprechgesang-artige Stil. Das ist purer, ehrlicher Rock ’n’ Roll. Das ist der Moment im Konzert, wo der Schweiß von der Decke des “Agora Ballroom” tropft.
In Cleveland ist ´Little Darling´ der absolute Rausschmeißer. Während die Studioversion noch fast ein bisschen nach Glam-Rock klang, verwandeln die „Boys“ den Song live in einen rasanten Hard Rocker. Brian Downey treibt die Band in Geschwindigkeitsbereiche, als hätten sie nach über einer Stunde Konzert immer noch eine Extraportion Adrenalin im Tank. Scott Gorham und Brian Robertson jagen sich gegenseitig durch die Riffs – und liefern den letzten Beweis für diesen „ungefilterten Twin-Guitar-Sound“. Und wenn Phil Lynott die Zeile „Little Darling“ rausfeuert, ist das längst kein Liebeslied mehr. Nach diesem Song war in Cleveland wahrscheinlich jedem klar, dass man gerade eine Band gesehen hat, die kurz davor steht, die Welt zu erobern.
´Live In Cleveland 1976 ist ein eindrucksvolles Zeugnis einer entscheidenden Phase von THIN LIZZY. Die Aufnahme zeigt eine Band auf dem Weg zur Legende.
Der Vergleich zum monumentalen ´Live And Dangerous´ drängt sich auf, doch Cleveland gewinnt in Sachen Authentizität. Wo das große Vorbild im Studio massiv nachpoliert wurde, ist Cleveland 100% echt. Cleveland ist rauer und weniger eine Hochglanz-Produktion, dafür aber ein echter, verschwitzter Konzertbesuch in den 70ern.
Die physische Umsetzung zum “Record Store Day” 2026 ist für Sammler ein Volltreffer. Dieser Release erscheint in einer weltweit limitierten Auflage von 4.000 Exemplaren auf 140g transparentem Vinyl. Während die Show bisher offiziell nur im Box-Set versteckt war, liegt sie hier nun zum ersten Mal offiziell auf Vinyl vor.
Das Album kommt im edlen Gatefold-Sleeve, inklusive zwei bedruckten Innenhüllen. Auf der Einschweißfolie finden sich die Sammler-Details: der markante schwarze RSD-Hype-Sticker auf der Front. Klanglich bietet diese Pressung eine Dynamik, die die digitale Fassung des Box-Sets alt aussehen lässt. Obwohl es sich um einen Radio-Mitschnitt handelt, ist die Instrumententrennung im Stereodreieck beeindruckend. Die Aufnahme fängt die intensive, ungeschönte Atmosphäre des “Agora Ballroom” perfekt ein. Ein echtes Stück Rock-History auf glasklarem Vinyl.
(Klassiker)
https://www.facebook.com/ThinLizzyOfficial
(Teil 1 dieses Doppel-Reviews siehe hier)



