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ZOH AMBA – Eyes Full

2026 (Matador Records / Beggars Group) - Stil: Noise Folk / Experimental Americana

Manchmal erscheinen Alben genau zum richtigen Zeitpunkt. Nicht, weil sie einem Trend folgen oder eine Marktlücke bedienen, sondern weil sie einen künstlerischen Wendepunkt dokumentieren. ´Eyes Full´ von Zoh Amba ist ein solches Album. Es markiert die vielleicht überraschendste musikalische Transformation des Jahres 2026 und zeigt eine Künstlerin, die den Mut besitzt, ihre eigene Geschichte aus einer völlig neuen Perspektive zu erzählen.

Noch vor wenigen Jahren galt Zoh Amba als eines der aufregendsten Talente des amerikanischen Free Jazz. Mit Unterstützung von John Zorn veröffentlichte die Musikerin hochintensive Werke wie ´O, Sun´, ´Bhakti´ oder ´O Life, O Light´ und machte sich international als kompromisslose Saxofonistin einen Namen. Ihre Musik war von spiritueller Suche, improvisatorischer Freiheit und enormer körperlicher Intensität geprägt. Dass ausgerechnet diese Künstlerin nun ein gitarrengetragenes Songwriter-Album veröffentlicht, wirkt zunächst wie ein radikaler Bruch. Tatsächlich führt ´Eyes Full´ viele Themen der früheren Arbeiten konsequent weiter. Die Suche nach Identität, Herkunft, Glauben und Heilung bleibt erhalten. Lediglich die Sprache hat sich verändert.

Veröffentlicht über “Matador Records”, führt das Album zurück nach Kingsport in Tennessee. Dort liegen die Wurzeln der Songs. Die Appalachen und der amerikanische Bible Belt bilden das Fundament dieser dreizehn Stücke. Zoh Amba beschreibt keine romantisierte Heimat. Die Figuren dieser Songs leben zwischen Armut, religiösem Druck, Medikamentenabhängigkeit, körperlicher Arbeit und dem Wunsch nach einem anderen Leben. Viele Texte wirken wie kleine Porträts von Menschen, die in der amerikanischen Popkultur meist übersehen werden.

Die Entstehungsgeschichte des Albums ist dabei fast ebenso bemerkenswert wie die Musik selbst. Gemeinsam mit Kevin Hyland und dem legendären Jim White nahm Amba die Stücke in den “Drop Of Sun Studios” in Asheville auf. Die Aufnahmen entstanden live und ohne Overdubs. Man hört die kleinen Unsauberkeiten, die spontanen Reaktionen und die natürliche Dynamik einer Band, die gemeinsam im Raum spielt.

Zur besonderen Vorgeschichte gehört auch eine überraschende Verbindung zur Rock-Welt. Noch vor den Aufnahmen erhielt Amba eine Einladung von Iggy Pop, Teil seiner Live-Band zu werden. Die Zusammenarbeit führte unter anderem zu gemeinsamen Auftritten vor großem Publikum und machte deutlich, dass Ambas Ausstrahlung längst weit über die Grenzen der Avantgarde-Szene hinausreicht.

Selbst ihr Künstlername erzählt einen Teil dieser Geschichte. Geboren als Britni Hamrick, übernahm Amba ihren heutigen Namen während einer spirituellen Neuorientierung. “Amba” stammt aus dem Sanskrit und bedeutet “Mutter”. Die intensive Beschäftigung mit östlicher Spiritualität begleitet ihr Schaffen bis heute und findet auf ´Eyes Full´ einen neuen Ausdruck.

Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Folk, Americana, Indie Rock und Noise. Fans von CAT POWER, SONGS: OHIA, ADRIANNE LENKER oder BILL CALLAHAN werden zahlreiche Anknüpfungspunkte entdecken. Gleichzeitig bleibt die Verbindung zur Avantgarde jederzeit hörbar. Viele Songs folgen keiner klassischen Pop-Dramaturgie. Die Freiheit des Free Jazz wurde hier nicht aufgegeben, sondern in eine neue Form überführt.

Der Opener ´OCD´ beginnt lediglich mit Akustikgitarre und Gesang. Inhaltlich erzählt der Song von einem Kind aus Tennessee, dessen Träume und Fantasie durch Diagnosen und Medikamente kontrolliert werden sollen. Die wiederkehrende Zeile „Dance with me before they drug our minds“ gehört zu den eindringlichsten Momenten des Albums. Ohne Pathos entsteht ein Bild von Anpassungsdruck und verlorener Individualität.

´Another Time´ erweitert das Klangbild um elektrische Gitarren und Schlagzeug. Der Song erzählt von Menschen, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart festhängen. Zeilen über verpasste Chancen, verlorene Träume und die Suche nach Orientierung ziehen sich durch das gesamte Stück. Die Kombination aus Folk und Indie Rock erinnert stellenweise an frühe Arbeiten von CAT POWER.

Mit ´Dead End Street´ folgt einer der intensivsten Momente des Albums. Verzerrte Gitarren, unruhige Rhythmen und eine rohe Produktion verleihen dem Song eine enorme Direktheit. Hier werden die Noise Rock-Einflüsse besonders deutlich. Die Gitarren erinnern zeitweise an SONIC YOUTH, ohne dabei den Folk-Kern des Albums zu verlassen.

´Thousand Years´ wirkt zurückhaltender, gleichzeitig percussiver und explosiver im Sinne der Neunzigerjahre. Der Song beschäftigt sich mit familiären und gesellschaftlichen Lasten, die über Generationen weitergegeben werden. Die Zeilen kreisen um Erinnerungen, Herkunft und das Gefühl, dass manche Wunden älter sind als das eigene Leben.

Ein emotionales Zentrum der ersten Albumhälfte bildet ´Southern Soil´. Für Zoh Amba besitzt dieser Song eine besondere Bedeutung. Der Text richtet sich an Mutter, Vater und schließlich an Gott. Immer wieder tauchen verschlossene Wahrheiten, familiäre Verletzungen und verlorene Jahre auf. Die Zeile „You ain’t gotta keep those secrets“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Stück. Hier wird die soziale Realität der Appalachen besonders greifbar.

Der Titeltrack ´Eyes Full´ fungiert als konzeptioneller Mittelpunkt des Albums. Die wiederholten Zeilen über Augen, Sehnsucht und Hoffnung vereinen viele Themen der Platte. Die Musik bleibt bewusst reduziert und gibt dem Gesang Raum.

Auf der zweiten Albumhälfte erweitert sich das Spektrum weiter. ´Blueberry Thorn´ verbindet Akustikgitarre mit der Violine von gabby fluke-mogul. Der Song beschäftigt sich mit Erinnerungen an die Heimat und zeigt, wie eng Schönheit und Schmerz miteinander verbunden sein können.

´Emahoy´ gehört zu den stillsten Aufnahmen des Albums. Die Instrumentierung bleibt minimalistisch, während der Text Spiritualität, Traurigkeit und Erlösung thematisiert. Die Suche nach Licht und innerem Frieden zieht sich durch viele Stücke des Albums und erhält hier ihre vielleicht klarste Form.

´Weed Eating´ erzählt die Geschichte eines Außenseiters aus der Kleinstadt. Die Figur bewegt sich zwischen Alltag, Glauben und gesellschaftlichem Abseits. Gleichzeitig gehören die Zeilen über Arbeit, Zeit und Erlösung zu den stärksten des gesamten Albums.

Auch ´Odd Jobs´ bleibt eng mit den Lebensrealitäten der Arbeiterklasse verbunden. Die Menschen in diesen Songs erscheinen niemals als Klischees. Amba begegnet ihnen mit Empathie und Respekt. Gerade diese Haltung verleiht dem Album seine besondere Glaubwürdigkeit.

´Child You’ll See´ richtet den Blick erstmals deutlich nach vorne. Hoffnung und Selbstbestimmung rücken stärker in den Mittelpunkt. Besonders bemerkenswert ist der kurze Einsatz des Tenorsaxofons, der eine direkte Verbindung zu Ambas früheren Arbeiten herstellt.

´PG Tips´ wirkt wie eine ruhige Zwischenstation. Freundschaft, Verlust und Erinnerung stehen im Mittelpunkt. Die wiederkehrenden Bilder von langen Gesprächen und gemeinsam verbrachter Zeit gehören zu den zugänglichsten Momenten des Albums.

Den Abschluss bildet ´Smile With Your Eyes´. Der hektische Song greift viele Motive der vorherigen Stücke erneut auf. Arbeit, Herkunft, Selbstfindung und Heilung werden hier zusammengeführt. Das Album endet laut, aber versöhnlich.

Ein zentrales Element von ´Eyes Full´ sind die religiösen Motive. Himmel, Licht, Gott, Vergebung, Erlösung und spirituelle Suche tauchen in nahezu jedem zweiten Song auf. Dabei verfolgt Amba einen anderen Ansatz als die traditionelle Religionskultur des Bible Belt. Die Figuren dieser Songs werden nicht verurteilt. Menschen mit Abhängigkeiten, psychischen Problemen oder gescheiterten Lebensentwürfen erfahren Mitgefühl und Würde. Gerade diese Perspektive verleiht dem Album seine besondere Kraft.

Musikalisch lebt die Platte von den Gegensätzen zwischen Folk und Avantgarde. Die Gitarren wechseln zwischen sanfter Begleitung und kontrolliertem Lärm. Mehrfach erinnern die Klanglandschaften an SONIC YOUTH oder frühe Indie Rock-Aufnahmen der Neunzigerjahre. In ihrer Dynamik arbeitet die Musik häufig mit starken Kontrasten zwischen ruhigen, fast tranceartigen Passagen und plötzlichen Ausbrüchen, die sich ungebremst in verzerrte, dichte Klangwände entladen. Genau dieses Prinzip erinnert in seiner Struktur an den frühen Alternative Rock der späten 80er und frühen 90er Jahre, sogar beispielsweise an JANE’S ADDICTION, die mit extremen Spannungswechseln zwischen Zurückhaltung und eruptiver Energie arbeiteten, sowie an den späten NEIL YOUNG mit CRAZY HORSE, dessen rohe, live eingespielte Gitarrenarbeit zwischen folkiger Intimität und brachialem Feedback-Gewitter ebenfalls mit diesen Kontrasten arbeitet. Auch das Wechselspiel zwischen Schönheit und rauer, bewusst ungeschliffener Klanggewalt gehört zu diesem Bezugssystem. Gleichzeitig bleibt die Songstruktur tief im amerikanischen Folk verwurzelt.

Für die aktuelle Indie Folk-Szene besitzt ´Eyes Full´ das Potenzial, zu einem Referenzwerk zu werden. Das Album zeigt, wie offen traditionelle amerikanische Songwriter-Musik heute gedacht werden kann. Folk, Noise Rock, Avantgarde-Jazz und autobiografisches Storytelling verschmelzen zu einer eigenständigen Handschrift. Gerade diese Offenheit unterscheidet Zoh Amba von vielen Zeitgenossen.

Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei Jim White. Der Schlagzeuger der DIRTY THREE verzichtet fast vollständig auf konventionelle Begleitmuster. Sein Spiel wirkt beweglich, spontan und organisch. Statt fester Grooves entstehen ständig kleine rhythmische Verschiebungen, die den Songs zusätzliche Tiefe verleihen.

Mit ´Eyes Full´ gelingt Zoh Amba eines der bemerkenswertesten Debüts des Jahres. Die Platte verbindet persönliche Erinnerungen, soziale Beobachtungen und spirituelle Fragen zu einem Werk von außergewöhnlicher Eigenständigkeit. Wer bereit ist, sich auf diese Reise einzulassen, entdeckt eines der eindrucksvollsten Singer-Songwriter-Alben der letzten Jahre.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/zohamba


Pics: Eleonore Hendricks

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