
BLACK SABBATH – Seventh Star
1986/2026 (Warner Records) - Stil: Heavy Metal/Hardrock
Hinter dem Namen ´Seventh Star´ verbirgt sich ein Werk, das aus einer Phase des Umbruchs heraus entstand. Tony Iommi hatte sich Mitte der Achtzigerjahre bereits weitgehend von der ursprünglichen Bandstruktur gelöst und arbeitete an Material, das eher seine persönliche Handschrift tragen sollte. Dass daraus am Ende doch ein Album unter dem Banner von BLACK SABBATH wurde, lag vor allem am Druck seiner Plattenfirma, die den bekannten Namen sichern wollten. So entstand dieses merkwürdig betitelte Kapitel „BLACK SABBATH featuring Tony Iommi“, das bis heute eine Sonderstellung einnimmt.
Für die Umsetzung holte sich Tony Iommi Musiker, die bewusst außerhalb des klassischen Sabbath-Kosmos standen. Glenn Hughes brachte als ehemaliges Mitglied von DEEP PURPLE eine Stimme ein, die stark im Soul und Blues verwurzelt ist und damit den Klang des Albums entscheidend prägt. Am Bass steht Dave Spitz, der zuvor bei WHITE LION aufgefallen war und später bei IMPELLITTERI und GREAT WHITE beeindruckt, während Eric Singer hier einen seiner ersten größeren Auftritte hinlegt, bevor er später bei KISS und an der Seite von Alice Cooper internationale Bekanntheit erreicht. Geoff Nicholls ergänzt das Gefüge im Hintergrund und war zu diesem Zeitpunkt längst eine feste Größe im erweiterten Sabbath-Umfeld, auch wenn er selten im Rampenlicht stand.

Der Einstieg mit ´In For The Kill´ setzt überraschend auf Schnelligkeit, ein klassischer Achtzigerjahre-Galopp mit scharfem High-Speed-Riff und einem rauen, fast schon schreienden Gesang, der perfekt zur Attitüde des Songs passt. Inhaltlich geht es um Angriff und Entschlossenheit, die typische Kriegsmetapher wird sehr direkt umgesetzt. ´No Stranger To Love´ wechselt nach einem höchst atmosphärischen Gitarrenintro in einen ruhigen Rhythmus mit einer melodischen Linie, die samt den Keyboards schon fast an AOR erinnert. Dabei setzt sich Glenn Hughes’ Stimme in grandioser Weise sanft über die Gitarrenmelodie; der Text kreist um verlorene Beziehungen und emotionale Distanz, was im Kontext dieses Albums fast schon ungewohnt verletzlich wirkt.
Mit ´Turn To Stone´ beweist Tony Iommi, dass er auch messerscharfe, schnelle Läufe aus seiner Gitarren herauszaubern kann. Der wohl schnellste Song des Albums zündet den echten Hard Rock-Vibe der Achtzigerjahre. Der Text erzählt von innerer Verhärtung und dem Moment, in dem Gefühle in Entschlossenheit umschlagen. ´Sphinx (The Guardian)´ leitet mit kurzen, getragenen Keyboardflächen, unter dem massiven Einsatz von Hall und Delay auf der Gitarre sowie einer mystisch, fast schon ägyptisch anmutenden Klanglandschaft in den Titelsong über, bevor ´Seventh Star´ selbst das klassische Zentrum des Albums markiert. Eine majestätisch schleppende Grundstimmung und ein magisch, dramatischer Gesang von Glenn Hughes prägen okkulte Bilder und einen fast rituellen Vollzug, die am ehesten an die klassische Sabbath-Ästhetik erinnert.
´Danger Zone´ besitzt wieder einen deutlich rockigeren Ansatz. Nach dem epischen Titelsong päsentiert sich leicht zugänglicher, klassischer Achtzigerjahre-Hardrock mit einem dunklen Unterton über Risiko, Grenzerfahrungen und den Reiz des Unbekannten. ´Heart Like A Wheel´ nimmt sich viel Zeit, ein bluesiger, aber tiefschwarzer, schleppender Aufbau, der Tony Iommi Raum für unglaublich emotionale Solopassagen gibt, während der Gesang schon fast verzweifelnd und leidend zelebriert wird und der Text von emotionalen Kreisläufen und wiederkehrendem Schmerz erzählt. ´Angry Heart´ kommt nochmals mit einer Wucht und einem leidenschaftlich aggressivem Gesang, mit einem Thema, das zwischen Wut und Selbstreflexion pendelt. Den Abschluss bildet der Gänsehautmoment ´In Memory…´, ein ruhiges, fast akustisches Stück, das Tony Iommi seinem Vater widmete, mit einem verletzlichen und zerbrechlichen Gesang von Glenn Hughes.

Abseits der Musik ranken sich zahlreiche Geschichten um dieses Album. Vor den finalen Aufnahmen stand kurzzeitig Jeff Fenholt am Mikrofon, bekannt aus dem Musical “Jesus Christ Superstar”, bevor Glenn Hughes die Rolle übernahm. Das Video zu ´No Stranger To Love´ zeigt Denise Crosby, die kurz darauf durch “Star Trek: The Next Generation” bekannt wurde. Die anschließende Tour verlief chaotisch; Glenn Hughes verlor nach einer Auseinandersetzung seine Stimme und wurde durch Ray Gillen ersetzt, was die fragile Ausgangslage dieser Besetzung deutlich macht.
Heute wird ´Seventh Star´ deutlich anders wahrgenommen als 1986. Als klassisches BLACK SABBATH-Album passt es nur bedingt ins Gesamtbild, als eigenständiges Werk von Tony Iommi funktioniert es umso besser. Die Mischung aus Hard Rock, Blues und melodischem Metal zeigt eine Seite, die damals viele irritierte, heute aber gerade wegen ihrer Eigenständigkeit geschätzt wird.
Die Neuauflage zum “Record Store Day” 2026 bringt dieses Kapitel erneut ins Gespräch. Die “Red-&-Black-Splatter”-Vinyl-Ausgabe wirkt hochwertig, das Remaster hebt Höhen und Gesang etwas stärker hervor, während das Original von 1986 oft als druckvoller und dynamischer angesehen wird. Die Unterschiede bleiben überschaubar, doch die neue Pressung bietet eine saubere, optisch reizvolle Variante für Sammler, auch wenn Staub auf dem Vinyl für eine schlechte Qualitätskontrolle spricht.
Am Ende bleibt ein Album, das sich auf keine Stilistik festlegen will und aus diesem Grund seinen Reiz ausübt. Tony Iommi nutzt hier die Freiheit eines Soloansatzes, Glenn Hughes prägt den Klang mit einer Stimme, die sofort wiederzuerkennen ist, und zusammen entsteht ein Werk, das weniger als Teil von BLACK SABBATH funktioniert, sondern seinen eigenen Platz erst über die Jahre gefunden hat. Dieses oft übergangene Album hat sich jedoch längst zu einem echten Geheimtipp und einer echten Kult-Scheibe entwickelt.



