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THE WHO – Live Eden Project

2026 (earMUSIC) - Stil: Rock

Es gibt Bands, die irgendwann nur noch ihre eigene Vergangenheit verwalten. THE WHO gehören nicht dazu. Selbst in dieser späten Phase ihrer Karriere wirken Roger Daltrey und Pete Townshend immer noch wie zwei Charaktere, die sich gegenseitig antreiben und herausfordern. Dementsprechend funktioniert das ´Live At Eden Project´ so erstaunlich gut. Dieses Konzert aus dem Juli 2023 beteuert mit Nachdruck, dass Würde im Rock ’n’ Roll nichts mit Stillstand zu tun hat.

Aufgenommen wurde die Show im “Eden Project” in Cornwall, zwischen den gigantischen Biome-Kuppeln der ehemaligen Tongrube. Statt Stadionweite gab es plötzlich unmittelbare Nähe. Knapp 6.000 Menschen standen dicht vor der Bühne, während das “Heart of England Philharmonic Orchestra” die Songs mit orchestraler Wucht auflud. Gerade diese ungewöhnliche Umgebung macht den Unterschied. Die geschlossenen Kuppeln liefern eine warme, direkte Akustik, die man von großen Rock-Orchester-Produktionen kaum kennt. Streicher, Hörner und Gitarren stehen sauber nebeneinander, ohne sich gegenseitig auszugrenzen.

Dass dieses Konzert überhaupt in dieser Form funktioniert, liegt auch an Pete Townshends langjähriger Vorstellung, die Musik von THE WHO endlich so groß aufführen zu können, wie er sie schon in den späten Sechzigern im Kopf hörte. Gleichzeitig bleibt da immer noch diese gewisse Skepsis gegenüber dem Orchesterapparat. Pete Townshend scherzte während der Tour mehrfach darüber, dass ein Orchester sich wie eine riesige Maschine verhält, die keine spontanen Ausbrüche erlaubt.

Der Einstieg mit der ´Tommy´-Suite gehört zu den stärksten Momenten des Albums. ´Overture´ baut sofort Druck auf, bevor ´1921´ und ´Amazing Journey´ die ersten großen Melodien entfalten. Schlagzeuger Zak Starkey spielt die alten Keith Moon-Figuren mit erstaunlicher Wildheit, bleibt dabei aber exakt im Takt des Orchesters. ´Sparks´ entwickelt sich zu einem aggressiven Instrumentalsturm, in dem Pete Townshends Gitarre regelrecht durch die Streicher schneidet. Roger Daltrey wirkt in ´The Acid Queen´ rauer und schwerer als früher, was dem Song heute sogar besser steht als die jugendliche Schärfe der alten Studioaufnahme.

´Pinball Wizard´ funktioniert erwartungsgemäß als großes Publikumsstück, doch wirklich interessant wird es später. ´Who Are You´ rollt langsam und düster an. ´Eminence Front´ bekommt durch die zusätzlichen Bläser einen kühlen, fast hypnotischen Charakter. Keine sterile Hochglanz-Version, eher ein abgeklärter Nachtfahrer-Sound.

Mitten im Konzert verschwindet plötzlich das Orchester von der Bühne. Genau dieser Schnitt hebt das Album über viele andere Spätwerk-Liveplatten hinaus. ´Anyway, Anyhow, Anywhere´, ´Substitute´ und ´I Can’t Explain´ klingen plötzlich wieder wie eine schmutzige Mod-Band aus den Sechzigern. Pete Townshend spielt seine berühmten Windmühlen-Schwünge immer noch mit sichtbarer Freude, während Roger Daltrey tatsächlich noch einmal das Mikrofon durch die Luft schleudert wie zu Woodstock-Zeiten. Dass ein fast 80-jähriger Sänger diese Nummer immer noch sauber einfängt, gehört zu den schönen Absurditäten dieses Mitschnitts.

Besonders stark gerät ´My Generation´. Die berühmte Zeile „Hope I die before I get old“ besitzt heute natürlich eine völlig andere Wirkung. Townshend spielt bewusst mit dieser Ironie, fast trocken, fast grinsend. Gerade dadurch wirkt der Song glaubwürdiger als viele jüngere Bands, die sich krampfhaft jugendlich geben.

Zu den großen Überraschungen zählt ´Cry If You Want´ vom 1982er Album ´It’s Hard´. Jahrzehntelang kaum live gespielt, entwickelt der Song hier eine schwere, cineastische Kraft. Die dunklen Orchesterfarben geben dem Stück plötzlich Gewicht. Auch ´Behind Blue Eyes´ gelingt hervorragend, weil die Band das fragile Intro nicht künstlich aufbläst. Erst spät gelangt der Song zu seinem massiven Rock-Finale.

Der vielleicht stärkste Abschnitt beginnt mit ´The Real Me´ und führt über ´I’m One´ und ´5:15´ direkt hinein in ´The Rock´. Jon Button übernimmt die früher von John Entwistle geprägten Bassläufe mit enormer Präzision, während das zurückgekehrte „Heart of England Philharmonic Orchestra“ die alten ´Quadrophenia´-Motive fast filmisch miteinander verbindet. ´I’m One´ gerät dabei zum emotionalen Highlight des Abends. Pete Townshend singt den Song erstaunlich verletzlich, bevor die Streicher langsam einsetzen.

Den Abschluss bildet natürlich ´Baba O’Riley´. Das berühmte Synthesizer-Motiv wird vom Orchester organisch übernommen, ohne den Song seiner Härte zu berauben. Als am Ende das Violin-Solo durch die Biome-Kuppeln schießt, versteht man sofort, warum viele Besucher dieses Konzert als eines der besten der späten Orchesterphase von THE WHO bezeichnen.

Auch abseits der Musik steckt dieses Projekt voller schöner Details. Die limitierte 3LP-Ausgabe erscheint komplett auf recyceltem Vinyl und verzichtet bewusst auf Plastik-Schrumpffolie, angepasst an die Umweltphilosophie des “Eden Projects”. Gleichzeitig war die Produktion logistisch offenbar ein Albtraum. Das komplette Bühnen- und Aufnahme-Equipment musste durch die engen Wege der ehemaligen Tongrube transportiert werden. Crew-Mitglieder beschrieben den Aufbau später als eine der härtesten Produktionen der gesamten Tour.

Audiophil gehört ´Live At Eden Project´ klar zu den stärkeren modernen Liveveröffentlichungen von THE WHO. Im direkten Vergleich zum deutlich härteren und teilweise überladen wirkenden ´Live At Wembley´ klingt dieses Album natürlicher. Die Instrumente bleiben greifbar, das Publikum wirkt nah an der Bühne und das Orchester verliert nie seine Präsenz. Gerade auf Vinyl dürfte diese warme, direkte Produktion ihre größte Wirkung entfalten.

Mit ´Live At Eden Project´ liefern THE WHO eine erstaunlich lebendige Bestandsaufnahme. Roger Daltrey singt mit Narben in der Stimme, Pete Townshend spielt konzentrierter und bissiger als viele Gleichaltrige, und die Band versteht endlich, wie man orchestralen Bombast mit echtem Rock ’n’ Roll verbindet, ohne dass eines das andere erdrückt.

https://www.facebook.com/thewho


(VÖ: 29.05.2026)

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