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CANDY – Heaven Is Here

~ 2022 (Relapse) – Stil: Hardcore Punk/Industrial/Experimental ~


Die Landschaft dessen, was als Hardcore, Punk und alles dazwischen bezeichnet werden kann, ist zu einem wahren Nährboden für einige der außergewöhnlichsten und unnachgiebigsten Bands geworden, die in den letzten Jahren aus dem Untergrund hervorgegangen sind. CANDY, ein bösartiges Kollektiv mit einem entwaffnend unschuldig klingenden Namen, stehen dabei an vorderster Front der fortschreitenden Verschmelzung von Hardcore mit elektronischem Industrial-Terror.

Der 2017 in Richmond, Virginia, gegründete Act lieferte mit seinem Erstling ´Good To Feel´ bereits ein beeindruckendes Eröffnungsstatement ab – ein unerbittlich intensives Gedränge aus analogen Hardcore-Blutergüssen der alten Schule, das durch thrashigen Metal messerscharf aufgewertet wurde. Als pure Destillation von gitarrengetriebenem Punk, der zu tollwütigen, unerbittlich aggressiven Extremen gebracht wird, ist es eine überwältigende Erfahrung, und als Vorläufer für das Future-Thrash-Chaos von ´Heaven Is Here´, bildete es eine perfekte Vorlage für noch fesselndere Injektionen an tödlichem Gift!

 

 

Abgesehen vom klaustrophischen 10-Minuten-Finale, setzt sich das Album ausschließlich aus Songs mit weniger als drei Minuten zusammen, und der Titel ist natürlich vollends irreführend, denn die feurigen Peitschen der Hölle sind stets direkt hinter dir her und beschleunigen den unvermeidlichen Sturz in den Abgrund. Es gibt keine einzige Minute auf ´Heaven Is Here´, die sich nicht wie die absolute Zerstörung anfühlt – eine schrille, Kopfschmerzen verursachende Sintflut des Wahnsinns!

Die Sound-Landschaft CANDYs ist jedenfalls vor allem dem Inferno sehr ähnlich, das das Artwork schmückt, und trotz all der kybernetischen Verfeinerungen ihres rohen Hardcore-Ansatzes beobachten die drei Ostküstler immer noch dieselbe reale Außenwelt, ohne dabei jedoch allzu höflich mit ihr umzugehen.

Neben der puren HC-Raserei gibt es bei einer Handvoll der Stücke allerdings auch eine vorherrschende Industrial-Erotik, die an NINE INCH NAILS oder BIG BLACK erinnert. ´Transcend To Wet´ beispielsweise lässt ausreichend Platz, um unzählige verwirrende Effekte und unheimliche Synthesizer-Texturen zwischen seinem langsamen Marsch elektronischer Beats zu präsentieren, und ´Kinescence´ ist eher konventionell sexy, ein feuriger EBM-Klopfer, der bei seinem verzerrten Chaos sogar tatsächlich tanzbar ist.

Das radikalste Experiment ist hingegen das Finale ´Perverse´, ein epischer Noise-Track, mit fortdauerndem muskulösem Brodeln, der auch gut und gerne als Teil einer psychologischen Kriegsführung dienen könnte.

´Heaven Is Here´ ist ein einziges Kraftpaket aus Angst und unerbittlicher Zerstörung, und es balanciert die halsbrecherischen Moshpit-Hymnen mit dem Einsatz elektronischer Elemente auf gekonnte Weise aus – der reine Schweiß und das Adrenalin, überzogen mit einem eisigen metallischen Glanz.

(8 Punkte)

https://www.facebook.com/RelapseRecords


(VÖ: 24.06.2022)
Pic: Ian-Hurdle Mason-Mercer