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STEVE REICH – The String Quartets / MIVOS QUARTET

2023 (Deutsche Grammophon) - Stil: Minimal Music

Die erschütterndste Musik dieser Platte beginnt mit dem Ton eines Telefonhörers, den niemand aufgelegt hat. Eine Violine imitiert dieses monotone, bohrende Signal, und es geht einem nicht mehr aus dem Kopf. So beginnt ´WTC 9/11´, und so beginnt auch dieses Album, das die drei Werke vereint, die Steve Reich zwischen 1988 und 2010 für Streichquartett geschrieben hat. Erstmals stehen ´Different Trains´, ´Triple Quartet´ und ´WTC 9/11´ gemeinsam auf einem Tonträger. Wer Minimal Music bislang für meditatives Hintergrundplätschern hielt, wird hier eines Besseren belehrt. Diese Musik packt einen am Kragen.

Eingespielt hat das Ganze das MIVOS QUARTET aus New York, 2008 gegründet von Musikern, die zum ersten Jahrgang eines Masterstudiengangs für zeitgenössische Musik an der „Manhattan School of Music“ gehörten. Olivia De Prato und Maya Bennardo spielen die Violinen, Victor Lowrie Tafoya die Viola, Tyler J. Borden das Cello. Das Quartett hat mit Helmut Lachenmann an dessen Streichquartetten gearbeitet, Neue Musik ist für diese vier also Heimat. Steve Reich unterstützte das Projekt von Anfang bis Ende. Er beantwortete Fragen zu musikalischen Feinheiten und beriet in Stilfragen, und am Ende gab er dem fertigen Album seinen Segen.

Und dann ist da eine Entscheidung, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Alle drei Werke arbeiten mit vorab aufgenommenen Streicherstimmen. ´Triple Quartet´ und ´WTC 9/11´ verlangen eigentlich drei Quartette, also zwölf Stimmen, und in der Praxis spielt meist ein Quartett live gegen die übrigen Spuren. Das MIVOS QUARTET hat sämtliche Hintergrundspuren selbst eingespielt. Jede Note dieser vielstimmigen Gewebe stammt also aus denselben vier Händepaaren.

Die erste Seite gehört ´WTC 9/11´. Steve Reich schrieb das Stück 2009 und 2010 für das KRONOS QUARTET, das es im März 2011 an der „Duke University“ uraufführte. Die Idee, Silben am Ende gesprochener Sätze in die Länge zu ziehen, trug er schon seit 1973 mit sich herum. Im Januar 2010 entschied er sich, Aufnahmen rund um die Anschläge vom 11. September 2001 zu verwenden. Die Sache betraf ihn persönlich. Sein Sohn, seine Schwiegertochter und seine Enkelin hielten sich an jenem Tag in seiner Wohnung auf, vier Blocks vom World Trade Center entfernt.

Im ersten Satz ´9/11/01´ hört man Fluglotsen der NORAD, die bemerken, dass American Airlines Flug 11 vom Kurs abgekommen ist, danach den Funk der New Yorker Feuerwehr. Die Streicher kleben an diesen Stimmen und folgen jeder Silbe, jedem Zögern, jedem Anflug von Panik. In ´2010´ erinnern sich Freunde und Nachbarn, die Steve Reich Jahre später interviewt hat. Und ´WTC´ führt schließlich zu jenen Frauen, die nach jüdischem Brauch bei den Toten Wache hielten. Die drei Sätze gehen ohne Pause ineinander über, rund eine Viertelstunde lang. Steve Reich hat einmal gesagt, er habe versucht, das Stück länger zu machen, doch es habe knapp sein wollen. Man versteht das sofort. Mehr würde man kaum ertragen.

Seite B schaltet radikal um. ´Triple Quartet´ von 1998 kommt ohne Sprachaufnahmen aus, hier spricht allein die Musik. Auch dieses Werk entstand für das KRONOS QUARTET, das es am 22. Mai 1999 im „Kennedy Center“ in Washington uraufführte. Die Echos von Béla Bartók schwingen mit. Das harmonische Gerüst ist ein Kreislauf aus vier Tonarten, e-Moll, g-Moll, b-Moll und cis-Moll, die jeweils im gleichen kleinen Abstand aufeinander folgen, bis die Musik wieder bei e-Moll ankommt. Der erste Satz durchläuft diesen Zyklus zweimal, mit etwa einer Minute pro Akkord. Der langsame Mittelsatz verharrt in e-Moll und spinnt eine lange Melodie im Kanon, bis am Ende alle zwölf Stimmen beteiligt sind. Im Finale moduliert die Musik immer rascher hin und her, ehe sie in e-Moll zur Ruhe kommt. Wer mit Kopfhörern verfolgt, wie die Quartettschichten ineinandergreifen, bekommt Gänsehaut.

Die zweite Platte gehört dem Werk, mit dem alles anfing. ´Different Trains´ entstand 1988 und erzählt eine Geschichte, die man nie wieder vergisst. Während des Zweiten Weltkriegs fuhr der kleine Steve Reich mit dem Zug zwischen New York und Los Angeles hin und her, zwischen seinen getrennt lebenden Eltern. Jahre später wurde ihm bewusst, dass er als jüdisches Kind in Europa in ganz anderen Zügen hätte sitzen können.

Aus Interviewaufnahmen gewann er Melodien. Meist stellt ein einzelnes Instrument eine Phrase vor, die Bratsche bei Frauenstimmen, das Cello bei Männerstimmen, dann erklingt der gesprochene Satz, aus dem die Melodie stammt. Im ersten Satz ´America – Before The War´ erinnern sich seine einstige Gouvernante Virginia und der Schlafwagenschaffner Lawrence Davis an Zugreisen durch die USA. In ´Europe – During The War´ sprechen drei Holocaust-Überlebende, die Steve Reich Paul, Rachel und Rachella nennt, über ihre Fahrten in die Lager. Die amerikanischen Zugpfeifen erklingen als lange Intervalle aus Quinten und Nonen, die europäischen dagegen als kurze, schrille Dreiklangschreie, dazu heulen Sirenen. ´After The War´ führt beide Welten zusammen und kehrt zu den amerikanischen Zuggeräuschen zurück.

Seine Sprachaufnahmen übertrug Steve Reich damals in einen digitalen Sampler, einen Casio FZ-1. Was nach Technikbastelei klingt, wurde zur Geburtsstunde einer neuen Art, Sprache in Musik zu verwandeln. Die vorab aufgenommenen Quartettstimmen knüpfen dabei an seine Mehrspurwerke ´Vermont Counterpoint´, ´New York Counterpoint´ und ´Electric Counterpoint´ an. Und immer wieder spielen die Streicher Paradiddle-Rhythmen, ein Grundmuster aus dem Schlagzeugspiel, übertragen auf wechselnde Tonhöhen. Es klingt wie das Rattern von Rädern auf Schienen, unaufhaltsam, mal verheißungsvoll und mal tödlich.

Wer diese drei Werke am Stück hört, erlebt so etwas wie ein Requiem in drei Teilen, auch wenn es nie als solches gedacht war. Zwischen den Zügen des Holocaust und den Stimmen vom 11. September steht eine Studie in reiner Bewegung, und über allem wacht ein Komponist, der vor wenigen Tagen, am 3. Oktober, seinen 90. Geburtstag feierte. Das MIVOS QUARTET spielt das alles mit einer Präzision, die einem den Atem raubt.

Die Doppel-LP auf 180g Vinyl läuft mit 45 Umdrehungen in Stereo und verteilt die Werke klug. ´WTC 9/11´ und ´Triple Quartet´ teilen sich die erste Platte, ´Different Trains´ bekommt die zweite für sich allein, aufgeteilt auf zwei Seiten. Die Liner Notes stammen vom Radiomoderator und Musikautor John Schaefer.

Klassiker.

https://www.facebook.com/SteveReichMusic

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