
RED HOT CHILI PEPPERS – Stadium Arcadium
2006/2026 (Warner Records) - Stil: Alternative Rock
Eigentlich sollte dieses Album aus zwölf Songs bestehen. Am Ende wurden es achtundzwanzig, und selbst das war nur ein Teil dessen, was die Band im Kasten hatte. Man muss sich die Lage im Sommer 2004 vorstellen. Die RED HOT CHILI PEPPERS haben eine zweijährige Welttournee zu ´By The Way´ hinter sich, die im Juni 2004 mit Konzerten im Londoner Hyde Park auf die Zielgerade ging. Anthony Kiedis, John Frusciante, Michael „Flea“ Balzary und Chad Smith ziehen danach mit Rick Rubin, der schon die vier Vorgänger produziert hatte, in jene Villa, in der 1991 ´Blood Sugar Sex Magik´ entstand. Das Haus gilt als Spukhaus. John Frusciante erzählte später, er habe beim Spielen das Gefühl gehabt, als lenkten höhere Wesen seine Hände und als komme die Musik von irgendwo anders her. Anthony Kiedis dagegen erinnert sich an eine Zeit ohne Spannungen und schlechte Laune, in der jeder seine Ideen gern auf den Tisch legte.

Und diese Ideen sprudelten. Geplant war ein kompaktes Album nach dem Vorbild alter BEATLES-Platten, rund ein Dutzend Songs, ein kleines, verdauliches Kunstwerk. Herausgekommen sind 38 Stücke. Kurz dachte die Band sogar darüber nach, sie auf drei Alben im Abstand von sechs Monaten zu verteilen. Dann wurde gekürzt, ein Vorgang, den Anthony Kiedis als herzzerreißend beschrieb. Übrig blieben 28 Songs auf zwei Scheiben, die eine heißt ´Jupiter´, die andere ´Mars´. Über zwei Stunden Musik, vollgepackt mit allem, was diese Band je ausgemacht hat.
Denn ´Stadium Arcadium´ ist eine Reise durch die eigene Geschichte. Der Funk ist zurück, nachdem er auf ´By The Way´ weitgehend geschwiegen hatte, und plötzlich fliegen wieder Powerchords durch den Raum. John Frusciante wollte einige Refrains bewusst mit Riffs bauen, die nach Heavy Metal klingen. Seine Gitarre tritt nach Jahren der Zurückhaltung wieder nach vorn, inspiriert von Eddie Van Halen, Tony Iommi, Jimi Hendrix und Steve Vai, aber ebenso vom WU-TANG CLAN und von der R&B-Sängerin Brandy. Großen Einfluss hatte auch die Zeit mit THE MARS VOLTA. Diesmal schichtet er seine Gitarren aus eigenem Antrieb in vielen Spuren übereinander, dazu kommt ein modularer Synthesizer. Und anders als auf dem Vorgänger, als sich Michael „Flea“ Balzary an den Rand gedrängt fühlte, schreiben er und John Frusciante diesmal auf Augenhöhe.
Hinter vielen Texten steckt die Liebe. Anthony Kiedis erzählt, dass Frauen, Schwangerschaften, Hochzeiten und Beziehungskrisen damals das Leben aller vier Bandmitglieder bestimmten.

Die erste Scheibe ´Jupiter´ eröffnet hymnisch und stadiontauglich mit ´Dani California´, das im Studio noch den Arbeitstitel ´Wu-Tang´ trug. Dani ist eine alte Bekannte aus dem Kosmos der Band, und hier bekommt sie ihr eigenes Kapitel. Es folgt ´Snow (Hey Oh)´, ein harmonischer Song, der sich mit seinem rastlosen Gitarrenmuster sofort im Kopf festsetzt. ´Charlie´ ist echter Peppers-Funk und bekam als erster Song der Bandgeschichte ein von Fans gedrehtes Video. Im wunderbaren Titelsong ´Stadium Arcadium´ bläst Brad Warnaar zur nostalgischen und schwebenden Stimmung ein Waldhorn.
´Hump De Bump´, das unterwegs mal ´Forty Detectives´ und mal ´Ghost Dance 2000´ hieß, ist mit seinem aggressiven Funk, samt markanter Trompeten-Einlage von Michael „Flea“ Balzary, eine einzige Einladung zum Hüftschwung. Das von einem schweren Riff getragene ´She’s Only 18´ lief im Studio unter dem herrlichen Arbeitstitel ´Funkadelicish To Me´ und lässt nicht erst beim Wah-Wah-lastigen Gitarrensolo aufhorchen. ´Slow Cheetah´ zeigt sich dagegen als Folk-Ballade, ehe die psychedelischen Gitarren-Loops ausbrechen.
Der schnellste Song von ´Jupiter´ nennt sich ´Torture Me´ und holt zu seinen Punk-Vibes die Trompete nochmal kurz hinzu. Der langsame und gefühlvolle Song ´Strip My Mind´ hieß zuerst ´Early Eighties´. Beim melodischen und Gitarren getriebenen ´Especially In Michigan´ steigt Omar Rodríguez-López von THE MARS VOLTA ins Gitarrensolo ein. In ´Warlocks´ spielt niemand Geringerer als Billy Preston das Clavinet, passend zum Sound im Sinne des klassischen P-Funk.
Der energische Rocksong ´C’mon Girl´, angetrieben von einer schnellen Bass-Akkordfolge, eröffnet dann die vierte Seite. Und danach kommt ´Wet Sand´ und baut sich langsam auf. Am Ende dieses Songs erklingt etwas, das nach einem Cembalo klingt. Ist es aber nicht. John Frusciante spielte drei Gitarrenspuren über den Stegtonabnehmer einer Stratocaster in Harmonie, nahm sie mit verlangsamtem Band auf und ließ sie anschließend in normaler Geschwindigkeit laufen. Heraus kommt dieser silbrige, barocke Klang. Später war er überzeugt, dass Jimi Hendrix bei ´Burning Of The Midnight Lamp´ denselben Trick angewandt hatte. Ein Kniff wie aus den Sechzigern, und er sitzt perfekt. Der „Late-Night“-Blues-Jam ´Hey´ schließt die Seite ab.

Die zweite Scheibe ´Mars´ beginnt mit ´Desecration Smile´, bei dem Emily Kokal von WARPAINT im Chor mitsingt. Nicht erst durch den mehrstimmigen Chorgesang besinnt sich der Midtempo-Song auf einen klassischen West-Coast-Stil. Es folgen ´Tell Me Baby´, eine der Singles mit Funk und Sprechgesang, dreckigem Gitarrensolo und eingängigem Refrain, sowie ´Hard To Concentrate´ mit afrikanisch inspirierter Rhythmusstruktur, als Heiratsantrag für Fleas damalige Verlobte. Selbst ´21st Century´ ist ein nervöser Rocksong mit einem sehr markanten Bass-Riff, während ´She Looks To Me´ wieder im Midtempo mit Gesangsharmonien und Cello von Richard Dodd erfreut.
Ein wuchtiger Hardrocker ist ´Readymade´. Die leiseste Nummer ist jedoch ´If´, mit Slide-Gitarre und Orgel. Der klassische Feel-Good-Song ´Make You Feel Better´ lebt von seinem eingängigen Refrain, ´Animal Bar´ von seinem experimentellen Ansatz mit extrem starken Effekten. Hernach erfreut sich ´So Much I´ an klassischem Crossover. ´Storm In A Teacup´ hieß während der Aufnahmen ´Public Enemy´ und rappt wie in frühen Tagen über ein extrem abgehacktes Funk-Riff von John Frusciante. Beim ruhigen Lied ´We Believe´, ursprünglich ´Fela Funk´ getauft, sind zur groovigen Stimmung zwölf Stimmen im Hintergrund-Chor zu hören. In ´Turn It Again´ steuert Michael Bulger eine Posaune bei, und John Frusciante wilde Gitarrenspuren, bevor ´Death Of A Martian´, über den Tod von Fleas Hund Martian, den langen Ritt melancholisch beschließt.

Der Lohn war gewaltig. ´Stadium Arcadium´ wurde das erste Album der RED HOT CHILI PEPPERS, das in den USA auf Platz eins landete, und auch in Großbritannien stand es ganz oben. Bei den Grammys 2007 gab es sieben Nominierungen, so viele wie nie zuvor in ihrer Karriere, und vier davon wurden zu Trophäen, darunter Bestes Rockalbum.
Und doch steckt in dieser Platte auch ein Abschied. Nach der Tournee verließ John Frusciante im Juli 2009 die Band. Erst 2019 kehrte er zurück, und 2022 war er auf ´Unlimited Love´ wieder mit ihr zu hören. ´Stadium Arcadium´ ist damit das Ende einer großen Ära und gleichzeitig ihr prachtvollster Höhepunkt.
Ein kleines Detail zum Schluss. Für das Cover hatte Storm Thorgerson, der legendäre Gestalter für PINK FLOYD, mindestens drei Entwürfe geliefert. Die Band lehnte alle ab und entschied sich für schlichte gelbe Superman-Lettern auf blauem Grund mit Planeten. Im Innenteil stellt die Band außerdem das Cover von ´Odds & Sods´ von THE WHO nach.
Schon 2006 erschien ´Stadium Arcadium´ auch als 4-LP. Zum 20. Geburtstag bringt „Warner Records“ diese Fassung in drei limitierten Farbvarianten neu heraus. Im regulären Handel gibt es „Canary Yellow und Apple Red“, die unabhängigen Plattenläden bekommen „Brown Smoke und Orange Smoke“, und im Shop der Band liegt eine blau-rote Variante. Bonusmaterial gibt es keines, die zehn Songs, die es 2006 nicht aufs Album schafften, fehlen also weiterhin. Auch zu einem neuen Mastering wurde nichts angekündigt. Die originale Vinylausgabe hatten damals die Koryphäen Kevin Gray und Steve Hoffman gemastert. Wer das Album bislang nur vom Streamingdienst kennt, sollte sich diese Platten trotzdem mal auf den Teller legen. Über zwei Stunden Musik wollen gehört werden, und auf Vinyl wird daraus eine Reise in acht Etappen.
Zwanzig Jahre später lässt sich ohne Zögern sagen, dass ´Stadium Arcadium´ ein Klassiker ist. Kein anderes Album bündelt so viel von dem, was die RED HOT CHILI PEPPERS ausmacht. Der rotzige Funk der frühen Jahre trifft hier auf die großen Melodien der ´Californication´- und ´By The Way´-Ära, und beides fühlt sich an, als hätte es schon immer zusammengehört. Natürlich hat ein Doppelalbum mit 28 Songs auch die eine oder andere Länge. Doch was diese Band auf gut zwei Stunden an Hits und heimlichen Lieblingsliedern versammelt, ist schlicht überwältigend. Vor allem aber ist dies die Platte von John Frusciante. Nie zuvor und nie danach hat er so viel Gitarre, so viel Mut und so viel Gefühl in ein einziges Werk gesteckt. Dass er danach für ein Jahrzehnt verschwand, macht ´Stadium Arcadium´ zum leuchtenden Schlusspunkt einer goldenen Epoche. Und zu einem Album, das man immer wieder auflegen möchte.



