
STEVE REICH – Drumming · Music For Mallet Instruments, Voices And Organ · Six Pianos
1971-1973/2026 (Deutschen Grammophon) - Stil: Hypnotisches Perkussionsritual · Perlende Klavierpräzision · Schwebende Klangflächen
Das Werk, mit dem die Minimal Music erwachsen wurde, beginnt mit einer Malaria. 1970 reist Steve Reich nach Ghana, um die Trommelmusik der Anlo Ewe kennenzulernen, unter anderem beim Meistertrommler Gideon Alorwoyie. Er hört zu und saugt alles auf, was um ihn herum klingt. Dann erkrankt er an Malaria, und die Reise endet früher als geplant. Zurück in New York beginnt er mit der Arbeit an einem Stück, das ihn bis 1971 beschäftigen wird. Es heißt schlicht ´Drumming´.
Jetzt, zum 90. Geburtstag des Komponisten am 3. Oktober, öffnet die „Deutsche Grammophon“ ihr Archiv und holt etwas hervor, das wie eine Zeitkapsel wirkt. 1974 nahm Steve Reich mit seinem Ensemble drei Werke auf, ´Six Pianos´ etwa im Januar im „Musikstudio 1“ in Hamburg-Rahlstedt, und die „Deutsche Grammophon“ brachte sie damals gemeinsam als Box heraus. Ein Haus, das man vor allem mit Beethoven und großen Orchestern verband, veröffentlichte plötzlich Bongos, Marimbas und Glockenspiele. Man muss sich das heute noch einmal vor Augen führen.

Beginnen wir beim Herzstück dieser Veröffentlichung. ´Drumming´ braucht neun Schlagzeuger, mit zusätzlichen Stimmen und Instrumenten werden es zwölf oder dreizehn Mitwirkende. Das gesamte Werk wächst aus einem einzigen Rhythmus, einem einzigen Takt im Zwölfachtel, der immer und immer wieder kreist. Am Anfang ist er noch gar nicht vollständig. Note für Note wird er aufgebaut, indem Pausen nach und nach durch Schläge ersetzt werden. Dann beginnt das, wofür Steve Reich berühmt ist. Zwei Musiker spielen dasselbe Muster, einer von ihnen zieht das Tempo ganz leicht an, bis beide um eine Viertelnote gegeneinander verschoben sind. Aus diesem Versatz entstehen Muster, die eigentlich niemand spielt und die man trotzdem hört. Die übrigen Musiker greifen diese Geistermelodien auf und holen sie ans Licht.
Der erste Teil gehört vier Paaren gestimmter Bongos, gespielt mit doppelseitigen Holzschlägeln. Der Klang ist trocken und erdig. Dann passiert etwas Wunderbares. Drei Marimbas blenden sich ein, spielen dasselbe Muster wie die Bongos, und während die Trommeln langsam verstummen, haben plötzlich die Hölzer übernommen. Dazu kommen Frauenstimmen, die den Klang der Instrumente nachahmen, als würden sie selbst zu Marimbas werden. Im dritten Teil vollzieht sich derselbe Zauber noch einmal. Drei Glockenspiele doppeln die Marimbas, die inzwischen in die Höhe gewandert sind, und übernehmen ihrerseits. Ein Pfeifer und eine Piccoloflöte mischen sich dazu, und alles funkelt. Im vierten Teil schrumpft das Geschehen auf ein einziges Glockenspiel, einen einzigen Ton. Dann kehren Marimbas und Bongos zurück, und der Rhythmus wird ein letztes Mal aufgebaut, bis alle neun Schlagzeuger gemeinsam spielen. Und dann endet das Stück. Abrupt, auf ein Zeichen hin. Man sitzt da und braucht einen Moment.

Wirft man einen Blick in die Besetzungsliste, entdeckt man Erstaunliches. Neben Bob Becker, Russ Hartenberger, James Preiss und Glen Velez spielt in den Teilen zwei und vier Cornelius Cardew mit, einer der prägenden Köpfe der britischen Avantgarde. Joan LaBarbara und Jay Clayton leihen den Marimbas ihre Stimmen.
Die dritte Platte bringt zwei Stücke aus dem Jahr 1973. ´Six Pianos´ entstand aus einer verrückten Idee. Ursprünglich wollte Steve Reich ein Werk namens ´Piano Store´ schreiben, gespielt auf allen Klavieren eines Klaviergeschäfts. Ein Freund verschaffte ihm und seinen Musikern abends Zugang zu den Räumen der „Baldwin Piano and Organ Company“, wo sie Ideen ausprobieren konnten. Am Ende entschied sich Steve Reich für sechs Klaviere, dicht nebeneinander aufgestellt, und zwar bewusst Klaviere statt Flügel. Deren üppiger Nachhall hätte die Präzision verwischt. Im März 1973 war das Stück fertig, im Mai folgte die Uraufführung in der John Weber Gallery in New York. Vier Pianisten beginnen mit verschiedenen Tönen im selben Rhythmus über acht Schläge, dann setzen zwei weitere mit demselben Muster ein, um zwei Schläge versetzt. Einfach gesagt wandert das Stück durch drei Klangwelten, die alle aus denselben sieben Tönen gebaut sind und jeweils um einen anderen Mittelpunkt kreisen. Und es ist eines der ganz wenigen Werke von Steve Reich im geraden Takt.

´Music For Mallet Instruments, Voices And Organ´ dauert rund 17 Minuten und öffnet eine Tür in eine neue Richtung. Marimbas, Glockenspiele und ein Metallophon spielen die vertrauten, flirrenden Muster. Darüber legen die Sängerinnen Janice Jarrett, Joan LaBarbara und Jay Clayton gemeinsam mit einer Orgel lange Akkorde, die sich immer weiter dehnen. Gesungen wird dabei nur ein einziger Vokal, der die oberen Töne der Orgel verdoppelt. Bis Steve Reich bei dieser Besetzung landete, vergingen Monate des Ausprobierens. Er versuchte es zunächst mit Klarinetten, später mit Blechbläsern, doch die Musiker hatten Mühe, bei so langen Akkorden die Intonation zu halten. Also ersetzte er die Bläser durch die Orgel und strich die Männerstimmen, weil ihm der Klang sonst zu schwer und zu träge geworden wäre. Wer ´Music For 18 Musicians´ kennt, jenes Werk, das 1976 folgen sollte, hört hier schon den Morgen dämmern.
Die Reihe „The Original Source“ der „Deutschen Grammophon“ widmet sich herausragenden Aufnahmen der Sechziger und Siebziger. Für diese Box haben die „Emil Berliner Studios“ die drei Werke erstmals direkt von den originalen Vierspurbändern neu gemastert und geschnitten, mit eigens für die Reihe entwickelter Technik und vollständig analog. Gepresst wurde auf 180g schwerem Vinyl. Die Box ist limitiert und handnummeriert, kommt im originalen LP-Format mit dem Originalcover und enthält die ursprünglichen Liner Notes von Steve Reich mit zahlreichen Fotos von den Aufnahmen. Dazu gibt es Faksimiles der damaligen Aufnahmeprotokolle und Bandkartons sowie einen ausführlichen Artikel über den Briefwechsel zwischen Steve Reich und seinem Produzenten bei der Deutschen Grammophon.
Was bleibt? Eine Box, die den Moment festhält, in dem ein New Yorker Avantgardist aus Ghana zurückkam, mit Malaria im Blut und einem Rhythmus im Kopf, der die Musikgeschichte verändern sollte. Zum 90. Geburtstag gibt es kaum ein schöneres Geschenk.
Klassiker.



