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CIRITH UNGOL – All The Shadows

2026 (No Remorse Records) - Stil: Heavy Metal

Eigentlich sollte längst Feierabend sein. 2024 hatten CIRITH UNGOL ihre letzten Konzerte angekündigt, die Kutten hingen schon halb im Schrank, und so mancher von uns hatte sich mit einem Kloß im Hals damit abgefunden, dass die seltsamste Band, die Kalifornien je ausgespuckt hat, sich nun in Würde zur Ruhe legt. So kann man sich irren. Zwei Jahre später kratzt der König der Toten wieder am Sargdeckel, und das Cover, einmal mehr von Michael Whelan gemalt, wirkt wie eine Verbeugung vor ´King Of The Dead´ von 1984, als wollte es jedem Zweifler die Rückkehr gleich bildlich unter die Nase reiben.

Wer die Geschichte nicht kennt, hier die Kurzfassung für Nachzügler. Anfang der Siebziger in Ventura gegründet, spielten diese Kerle schon damals gegen jede Mode an. ´Frost And Fire´, ´King Of The Dead´ und ´One Foot In Hell´ waren in den Achtzigern so eigen, so schräg und so finster, dass die halbe Szene nichts damit anzufangen wusste, und nach ´Paradise Lost´ war 1992 erst einmal Schluss. Der Mythos wuchs trotzdem weiter, auf zerkratzten Tapes und in den Kellern der Unbelehrbaren, bis sich die Band Mitte der Zehnerjahre wieder zusammenraufte. Seither kamen ´Forever Black´, die EP ´Half Past Human´ und ´Dark Parade´, und jetzt eben das siebte Album. Für eine Band, die praktisch jeder abgeschrieben hatte, ist das eine verdammt beachtliche Bilanz.

Ganz ohne Verluste ging das nicht. Greg Lindstrom und Jim Barraza sind nicht mehr dabei, und wer die beiden live erlebt hat, weiß, was das heißt. Die Gitarre liegt nun allein in den Händen von Armand John Anthony, der bei NIGHT DEMON spielt und der Band seit ´Forever Black´ als Tontechniker zur Seite stand. Hier hat er gleich noch aufgenommen, gemischt, gemastert und zusammen mit der Band produziert, im Studio “The Captains Quarters” in Ventura, also praktisch vor der Haustür. Sein NIGHT DEMON-Kumpel Jarvis Leatherby bedient den Bass und war als Executive Producer an Bord, Robert Garven sitzt wie eh und je hinter der Schießbude. Und vorne steht Tim Baker.

Tim Baker kreischt auf dieser Platte, als hätte ihm jemand gesteckt, dass die Welt morgen früh um sechs untergeht. Und? Hat ernsthaft irgendwer etwas anderes erwartet? Dieser Mann klingt seit dem Debüt wie ein Prophet, der zu lange in der Wüste stand, schrill, verzweifelt und völlig ungezähmt, und mit den Jahren ist das nicht milder geworden, eher im Gegenteil. Garven nennt ihn den Nostradamus unserer Zeit, und wenn Baker in seinen Texten den Absturz der Menschheit in Wahn und Finsternis ausmalt, möchte man nach einem Blick in die Nachrichten nicht widersprechen.

Der Titelsong haut einem das gleich um die Ohren. Monströser Metal auf einem Riff, das direkt aus den Siebzigern herübergekrochen sein könnte, darüber Baker in einem herrlich hysterischen Ausnahmezustand. Danach walzt ´This Mortal Stain´ schwer und schleppend dahin, als müsste die Band jeden Akkord einzeln den Berg hinaufwuchten, gekrönt von einem Solo, das sich alle Zeit der Welt nimmt. ´Turning Blind´ drückt und knüppelt wieder nach vorn, und der Refrain wiegt sich in einer Melodie hin und her, die man nach dem zweiten Durchlauf nicht mehr aus dem Schädel bekommt. ´Shallow Reflection´ eröffnet Garven mit einem stoischen Trommelritual, ehe ein Riff einsetzt, das Tony Iommi sofort unterschreiben würde. Wer jetzt glaubt, die Nummer sei durchschaut, wird von einem ganz anderen Riff eines Besseren belehrt.

´Empty Tomb´ wird von Takt zu Takt schwerer und zugleich schneller, bis man sich fragt, wie das überhaupt zusammengeht. ´On Broken Wings´ beginnt mit einzeln angeschlagenen Saiten und bleibt eine ganze Weile halb balladesk, ohne jemals weich zu werden. Eine merkwürdige Nummer, die in die frühen Neunziger passen würde, ohne nach ihnen zu klingen, und gegen Ende geht doch noch einmal die Luzie ab, mit mehrstimmigen Leads, bei denen alte Säcke feuchte Augen bekommen. ´Hollow Nimbus´ nimmt zum Refrain hin das Tempo raus und wird dabei so unheimlich schwer, dass man unwillkürlich den Kopf einzieht. Zum Schluss dann ´Venus In Thirds´. Da lassen die Herren entspannt die Füße baumeln, während die Heaviness einem in aller Seelenruhe an den Eiern knabbert.

Was dieses Album so stark macht, ist der Spagat, den es scheinbar mühelos schafft. Der Geist ist durch und durch Siebziger, schwere Riffs, eine Prise Okkultes, dieses leicht Verschrobene, das man bei keiner anderen Band so findet. Die Härte dagegen ist zeitlos und könnte ebenso gut von einer hungrigen jungen Truppe aus dem Jahr 2026 stammen. Dass Anthony die beiden Vorgänger würdig ersetzt, hört man vor allem in den Soli. Die sind melodisch, ausdrucksstark und kommen ohne jedes Gegniedel aus, und bei einigen Leads stellen sich auch hartgesottenen Kuttenträgern die Nackenhaare auf. Garven trommelt wie ein Uhrwerk mit Seele, und die Produktion klingt roh und lebendig. Mit gut vierzig Minuten bleibt außerdem keine Sekunde Leerlauf.

Ob ´All The Shadows´ die Klassiker der Achtziger vom Thron stoßen kann, wird die Zeit zeigen. Neben ihnen bestehen kann es allemal, und für Männer, die den Grabstein schon bestellt hatten, ist das eine verdammt laute Ansage. Erschienen ist das Teil über „No Remorse Records“ und wer noch Platz an der Wand hat, sollte sich das Whelan-Motiv im Großformat gönnen. Der König der Toten ist zurück. Lang lebe der König.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/cirithungolofficial


Bild: Cover-Artwork des Künstlers Michael Whelan
für das Album „All The Shadows“ von Cirith Ungol
(© 2026 No Remorse Records).
Band-Foto: Nicolas Bremm (Promo / No Remorse Records)
Nutzung zur redaktionellen Berichterstattung.

(VÖ: 30.10.2026)

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