PlattenkritikenPressfrisch

BECK – Ride Lonesome

2026 (Capitol Records) - Stil: Rock, Pop, Folk

Die schönste Fortsetzung, die BECK je geschrieben hat, verdankt ihre Existenz einem Album, für das ihn seine eigene Plattenfirma einst verklagen wollte.

Das ist beinahe ein Vierteljahrhundert her. Schon die verspielte Psychedelik von ´Mutations´ (1998) und der funkelnde Übermut von ´Midnite Vultures´ (1999) hatten die Verantwortlichen bei „Geffen Records“ argwöhnisch gemacht. Als Beck Hansen dann mit einer Handvoll leiser, tieftrauriger Akustiksongs anrückte, sei sogar von einer Klage die Rede gewesen, weil diese Musik nicht charakteristisch für BECK sei. Nach einigem Hin und Her erschien ´Sea Change´ (2002) dennoch und wurde zu einer der großen Trennungsplatten ihrer Generation. Zwölf Jahre später folgte ´Morning Phase´ (2014) als goldenes Erwachen danach, und nach weiteren zwölf Jahren schließt nun ´Ride Lonesome´ (2026) einen Kreis, den sein Urheber vermutlich nie mit dem Zirkel vorgezeichnet hat. Es ist seine erste Sammlung neuer Songs seit ´Hyperspace´ (2019) und damit die längste Pause zwischen zwei Studioalben seiner Laufbahn, überbrückt nur von der im Januar erschienenen Sammlung aus Coverversionen und Raritäten ´Everybody’s Gotta Learn Sometime´.

Für die Aufnahmen versammelte sich der alte Kreis, der schon ´Mutations´, ´Sea Change´ und ´Morning Phase´ eingespielt hatte. Gearbeitet wurde in mehreren Studios, darunter die „United Recording Studios“ und die „Capitol Studios“ in Hollywood, und Beck Hansen selbst spricht von einem Klang, der über Jahrzehnte des gemeinsamen Musizierens gewachsen ist und in dem die Band trotzdem noch neue Farben findet. Joey Waronker trommelt mit der Zurückhaltung eines Mannes, der spürt, wann ein Schlag zu viel wäre, und Justin Meldal-Johnsen legt den Bass darunter wie warmen Sand. Smokey Hormel lässt seine Slidegitarre durch die Weite ziehen, während Roger Joseph Manning Jr. und Jason Falkner Tasten und Gitarren dazutupfen. Die Tempi bleiben fast durchweg gemächlich, und zwischen den Instrumenten öffnet sich Raum, in dem sich die Stille ausbreiten darf wie Abendlicht in einer leeren Scheune. Über allem wölben sich die Streicher, die Beck Hansen gemeinsam mit seinem Vater David Campbell arrangiert hat, der schon die beiden Vorgänger mit seinen Arrangements prägte. Diesmal öffnen sie das Breitwandformat eines Spätwesterns, in dem der Held längst nicht mehr reitet, um irgendwo anzukommen. Abgemischt hat das Ganze Nigel Godrich, der Mann, der schon ´Sea Change´ seinen Klang gab.

Darin liegt der eigentliche Unterschied zu den Vorgängern. ´Ride Lonesome´ ist kein Liebeskummeralbum mehr. Mit 56 Jahren singt Beck Hansen vom Älterwerden und von Dingen, die ihm entgleiten, während die Einsamkeit längst zur vertrauten Begleiterin geworden ist. Seine Stimme klingt rauer und geerdeter als 2002, weit weniger verhangen.

Der Titelsong eröffnet mit sanft gezupfter Akustikgitarre und leisem Twang. In seinen Zeilen versteckt er Verbeugungen vor Julie Londons ´Cry Me A River´ und Johnny Thunders‘ ´You Can’t Put Your Arms Around A Memory´ und steckt mit seiner wehenden Gitarrenmelodie das Terrain ab. ´Run Away´ lehnt sich am deutlichsten an ´Morning Phase´ an, Stephanie Bennett streut Harfentupfer ein, und der Erzähler sitzt wieder nachts am Steuer und fährt ziellos durch die Dunkelheit, wie so oft bei BECK.

´In The Night´ besitzt eine zerbrechlich gezupfte Figur, an der neben Beck Hansen auch Blake Mills mitwirkt, und wäre ohne Nick Drake kaum denkbar. Im Fundament brummt Stanley Clarke am Bass, und dann brechen die Streicher herein wie ein Sommergewitter über einem stillen Tal. ´Failed Words´ wechselt ans Klavier, ein E-Bow lässt einzelne Töne schweben, und das Ganze klingt wie eine vergessene Ballade aus den frühen Siebzigern, die von all den Sätzen erzählt, die die verlorene Liebe auch nicht mehr zurückbringen.

Äußerst erdig gerät ´Bleed´, ein Folkstück, das nach den frühen Platten von Neil Young riecht und auf dem sich der Gesang so oft übereinanderschichtet, dass man meint, ein einsamer Schlosshund würde sich am Mikrofon ausheulen. ´Disappearing Act´ beschwört mit Slidegitarre und karger Besetzung eine Landstraße, die einfach nicht enden will und schlichtweg ins Nichts führt. In ´For Your Love´ verstummt der Rhythmus fast völlig, und die Streicher des „Calder Quartet“ tragen die Stimme durch dieses beinahe sakrale Kleinod.

´Slow Canyon´ schmeckt nach Fallobst. Die Akustikgitarre klingt trocken wie ausgedörrtes Holz, und doch schleichen sich Klarinetten, Oboe und Flöte hinein wie Schatten, die am späten Nachmittag länger werden, während sich die Stimme nach dem Feuerwerk sehnt. Das bekommt sie nach einem sanften Beginn in ´It Ends Right Here´ geboten, sobald Synthesizer und Gitarren eine mächtige Soundwolke errichten. Ein klarer Himmel folgt sofort mit ´Falling Through My Hands´, vielleicht eine der schönsten Balladen, die Beck Hansen seit Langem geschrieben hat.

´If You Don’t Know What Love Is´, gemeinsam mit Eli Reuben Hirsch geschrieben und mit knapp sechs Minuten das längste Stück, verbindet wunderbar schwebenden Folk im Geiste von Gram Parsons mit einer dunklen Moderne. Greg Leisz lässt dazu die Pedal Steel weinen. Den Schluss macht ´Beyond The Light´, ein langsam anschwellender Abschied, über dem eine stimmungsvolle Melodie schwebt, die unweigerlich an PROCOL HARUMs ´A Whiter Shade Of Pale´ denken lässt. Holzblasinstrumente und Slidegitarre schwellen wie eine langsame Flut darunter an, bis der Song den Frieden findet, den diese Trilogie vierundzwanzig Jahre lang gesucht hat.

Revolutionär ist das alles nicht. BECK verfeinert ein Klangbett, das er seit 2002 kennt, und wer vom einstigen Wunderkind des Genremixes Wagemut erwartet, darf ihm einen Hauch Komfortzone vorhalten. Doch diese Vertrautheit wirkt nie bequem, sie fühlt sich an wie Heimkehr. Nigel Godrich hat einmal sinngemäß gesagt, diese drei Platten allein hätten schon für eine ganze Karriere gereicht. Wo ´Sea Change´ blutete und ´Morning Phase´ tröstete, hat ´Ride Lonesome´ gelernt, mit der Stille zu leben. Es ist die weiseste der drei Platten und womöglich jene, zu der man in zwanzig Jahren am häufigsten zurückkehrt.

Bei einer Platte, die so leise atmet, entscheidet die Pressung über Wohl und Wehe, und an dieser Stelle schreibt ´Ride Lonesome´ ein kleines Stück Vinylgeschichte. Die „Definitive Sound Series“ war bislang ein Ort für späte Würdigungen. Dort erhielten Aufnahmen wie ´Pet Sounds´ von THE BEACH BOYS oder ´Let’s Get It On´ von Marvin Gaye oft erst Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen ihre Luxusbehandlung. Nun erscheint in der Reihe erstmals ein komplett neues Studioalbum direkt zur Veröffentlichung. Für BECK ist es bereits der zweite Auftritt in dieser Gesellschaft, denn ´Morning Phase´ wurde zuvor schon in der Serie neu aufgelegt. Damit gehört er zu den wenigen Künstlern, die dort mehrfach vertreten sind.

Wie alle Titel der Reihe ist auch dieser eine One-Step Pressung. Dabei wird die Pressmatrize unmittelbar von der Lackfolie abgeleitet, und die sonst üblichen galvanischen Zwischengenerationen entfallen, was weniger Grundrauschen und mehr Feinzeichnung verspricht. Levi Seitz hat das Album bei „Black Belt Mastering“ von hochaufgelösten Dateien mit 24 Bit und 96 kHz gemastert und die Lackfolie selbst geschnitten. Galvanik und Pressung übernahm „Record Technology Incorporated“, gepresst wurde auf 180g schwerem High Definition Vinyl vom Typ Neotech VR900-D2. Die einmalige Auflage ist auf 3.000 nummerierte Exemplare begrenzt und steckt in einem schweren Klappcover mit aufkaschierten Druckbögen, das ein eigens gestalteter Schuber mit dem Originalmotiv umhüllt. Ein beiliegendes Echtheitszertifikat dokumentiert die gesamte Fertigungskette vom Mastering bis zur Pressung.

Vierundzwanzig Jahre nachdem man ihm mit einer Klage drohte, weil seine leisen Lieder angeblich nicht nach ihm klangen, hat BECK mit ´Ride Lonesome´ das weiseste Kapitel seiner Trilogie geschrieben, und diese Edition schenkt ihm die prächtigste Bühne, die das Vinyl derzeit zu vergeben hat.

Klangqualität: 9,5/10
Authentizität / Originaltreue: 10/10
Pressung & Material: 10/10
Verpackung & Extras: 9/10
Historische Bedeutung: 9,5/10
Sammlerwert: 10/10

https://www.facebook.com/Beck

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"