
JOHN COLTRANE QUARTET – France 1965: The Complete Concerts
2026 (Charly Records) - Stil: Jazz
Der Sommer 1965 war heiß an der Côte d’Azur. Die Luft über den Pinien von Juan-les-Pins flimmerte noch lange nach Sonnenuntergang, das Mittelmeer lag dunkel und ruhig hinter den Festivalbühnen. Irgendwo zwischen den Grillen im nächtlichen Gehölz und den erwartungsvollen Blicken des Publikums stand ein Mann mit einem Tenorsaxophon und schien bereits eine andere Welt zu sehen.
John Coltrane befand sich in jenen Julitagen auf einem schmalen Grat zwischen Aufbruch und Erfüllung. Hinter ihm lag das spirituelle Monument ´A Love Supreme´, vor ihm warteten die freien Horizonte von ´Ascension´, Pharoah Sanders und die letzten radikalen Jahre seines Schaffens. ´France 1965: The Complete Concerts´ dokumentiert genau diesen Augenblick, in dem Vergangenheit und Zukunft für wenige Abende dieselbe Bühne teilten.
Die nun erstmals vollständig veröffentlichte Frankreich-Tournee vereint das klassische JOHN COLTRANE QUARTET in seiner endgültigen Form: John Coltrane, McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones. Vier Musiker, deren Zusammenspiel längst über bloße Virtuosität hinausgewachsen war. Was hier geschieht, gleicht einer Form musikalischer Telepathie.

Das Herzstück dieser prachtvollen “Centenary Edition” bleibt die vollständige Aufführung von ´A Love Supreme´, am 26. Juli 1965 auf dem “International Jazz Festival” in Juan-les-Pins, Antibes. Jahrzehntelang galt diese Aufnahme als Legende. Nun lässt sich endlich nachvollziehen, weshalb Zeitzeugen von einem beinahe religiösen Erlebnis berichteten.
Coltrane greift während der gesamten Suite zum Tenorsaxophon. Eine bewusste Entscheidung. Sein Ton besitzt hier jene erdige Wucht, die bereits auf den “Impulse!”-Klassikern der frühen Sechzigerjahren zu hören war. In ´Acknowledgement´, dem ersten Teil, klingt das Instrument wie eine Predigt aus Messing und Holz. In ´Resolution´ steigert sich sein Spiel zu flammenden Tonkaskaden, während McCoy Tyner mächtige Akkordblöcke errichtet, gegen die Elvin Jones sein polyrhythmisches Trommelfeuer schleudert. Das eigentliche Wunder geschieht im vierten Teil ´Psalm´. Coltranes Tenor verliert jede technische Bedeutung und verwandelt sich in eine menschliche Stimme. Man hört keinen Saxophonisten mehr. Man hört einen Suchenden.
Die Open-Air-Aufnahmen aus Juan-les-Pins, Antibes, besitzen dabei ihren ganz eigenen Zauber. Der Klang ist trocken, unmittelbar und frei von künstlicher Räumlichkeit. Die Instrumente stehen nackt im Raum. Jimmy Garrisons Bass klingt holzig und körperlich, Elvin Jones’ Becken schneiden wie Lichtstrahlen durch die Nacht. In den stilleren Passagen mischt sich sogar das Zirpen der Grillen in die Musik. Es wirkt, als würde die Natur selbst Teil der Improvisation werden.
Am folgenden Abend zeigt sich an gleicher Stelle eine andere Facette des Quartetts. Die Festivalleitung hatte sich nach den spirituellen Eruptionen des Vortages zugänglichere Stücke gewünscht. Coltrane erfüllt diesen Wunsch auf seine ganz eigene Weise.
´Naima´ beginnt als fragile Erinnerung an vergangene Schönheit. Doch der Tenor trägt längst Narben. Die einstige Ballade entwickelt sich zu einem emotionalen Monolog voller Schmerz und Sehnsucht. Anschließend folgt mit ´Ascension´ ein faszinierendes Dokument der Transformation. Hier lässt Coltrane sein Tenorsaxophon regelrecht explodieren. Überblastechniken, Mehrklänge und schroffe Ausbrüche zeigen bereits den Weg in seine spätere Avantgarde-Phase.

Dann erscheint das Sopransaxophon. Wenn die ersten Töne von ´My Favorite Things´ erklingen, verändert sich die gesamte Atmosphäre. Das Instrument schwebt über der Band wie ein exotischer Vogel. Sein heller, beinahe oboenartiger Klang durchschneidet die rhythmischen Wellen von Elvin Jones mit hypnotischer Präzision. Coltrane hatte das Sopransaxophon Anfang der Sechzigerjahre praktisch im Alleingang wieder in das moderne Jazz-Vokabular zurückgeführt. Hier demonstriert er eindrucksvoll warum.
Das abschließende Konzert im Pariser “Salle Pleyel” am darauffolgenden Abend offenbart schließlich eine völlig andere Klangwelt. Wo Antibes nach staubiger Festivalbühne klingt, öffnet Paris die Tore einer Kathedrale. Der natürliche Hall des Konzertsaals verleiht den Aufnahmen monumentale Größe. McCoy Tyners Klavier atmet freier, Coltranes Tenor gewinnt zusätzliche Tiefe, und die Band wirkt fast orchestral.
Besonders ´Afro Blue´ profitiert davon. Wieder greift Coltrane zum Sopransaxophon. Seine Linien erinnern an afrikanische Hirtenflöten, an rituelle Gesänge, an Stimmen aus einer anderen Zeit. Über Elvin Jones’ rhythmischem Dschungel entstehen Klangbilder von hypnotischer Schönheit.
Die finale Version von ´Impressions´ gehört schließlich zu den intensivsten Dokumenten dieser Box. Coltrane kehrt zum Tenor zurück und entfesselt einen letzten Sturm. Man hört förmlich die körperliche Erschöpfung einer Band, die sich Abend für Abend an ihre Grenzen gespielt hat. Wenige Monate später sollte dieses legendäre Quartett Geschichte sein.

Selbst audiophil gehört diese Veröffentlichung zu den bedeutenden Jazz-Archivfunden der letzten Jahre. Niemand sollte hier die makellose Perfektion einer modernen Studioaufnahme erwarten. Die historischen Mono-Bänder bleiben Kinder ihrer Zeit. Dennoch gelingt “Charly Records” eine bemerkenswerte Restaurierung. Die Pressungen laufen ruhig, besitzen enorme Dynamik und transportieren die Energie des Quartetts mit beeindruckender Direktheit.
Im Vergleich zu ´A Love Supreme: Live In Seattle´ wirkt ´France 1965´ wie ein gewaltiger Qualitätssprung. Die Rundfunkbänder liefern deutlich mehr Präsenz, Tiefe und Transparenz. Gegen Rudy Van Gelders legendäre Stereo-Aufnahmen aus dem “Village Vanguard” fehlt etwas räumliche Dreidimensionalität. Dafür besitzen diese französischen Mitschnitte eine Unmittelbarkeit, die selbst viele Studioproduktionen vermissen lassen.

Sechzig Jahre später wirken diese Konzerte erstaunlich lebendig. Man hört keine Museumsstücke. Man hört vier Musiker, die alles riskieren. Jeder Ton trägt die Spannung einer Band, die spürt, dass sie an einem Wendepunkt angekommen ist.
´France 1965: The Complete Concerts´ ist das klingende Vermächtnis eines der größten Quartette der Jazzgeschichte. Die letzte europäische Reise von John Coltrane, McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones erscheint hier wie ein glühender Abschiedsbrief an eine Ära.
Am Ende bleibt das Gefühl zurück, für wenige Stunden direkt im Juli 1965 gesessen zu haben – unter den Pinien von Juan-les-Pins, im ehrfürchtigen Schweigen von Paris und mitten im kreativen Feuer eines Genies, das die Grenzen des Jazz für immer verschoben hat.



