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ARS PRO VITA – Truth

~ 2022 (Independent) – Stil: Prog Rock ~


Truth is The face in the mirror, The tooth that comes in, The wrinkle that surges, The tear that runs

ARS PRO VITA, das brasilianische Prog Rock-Duo, besteht aus Luis Fernando (LF) Venegas  (Vocals, Lyrics & Guitars) und Paulo José (PJ) Venegas (Vocals, Orchestration, Flute & Keyboards). Meine erste Begegnung mit dieser Band war ihr zweites Album ´Peace´. Das beschäftigte sich mit den Kriegen der letzten knapp 150 Jahre und lag schon schwer im Magen. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass kein Jahr später ein weiteres Album namens ´Cords´ erschienen ist. Dafür jetzt aber ´Truth´. 

Ihr kennt das sicher, der Sonntagsbraten war so lecker. Wieder isst man zuviel. Hinterher dann liegt er quer, sorgt für Sodbrennen. Ähnlich ist es mit der Wahrheit. Man könnte hier fabulieren über das Kleine und das Große. Sagt man daheim immer die Wahrheit? („Diese CD? Habe ich geschenkt bekommen.“) Wie schwer ist es, im Arbeitsleben immer fair und ehrlich zu sein? („Das mache ich doch gerne“) Wie gut kann ich Fakten von Fake News unterscheiden? Da werden in manchen Teilen der Welt Medien von den Herrschenden missbraucht, ihre Macht zu sichern. Hierzulande schreien andere, sie dürften nicht mehr sagen, was sie denken. Woher weiß ich, welche Nachrichten, die gerade durch die sozialen Medien geistern, echt sind? Mehr als Fragen stellen tun ARS PRO VITA auch nicht. Aber wie sie fragen. 

Truth is life, Life is for real, A film based on true facts, And a fiction film, That may come true

Aber hier geht es auch um Musik. Da haben die Brüder Venegas wieder abgeliefert. Ich finde sogar, stärker als auf ´Peace´. Das vorliegende Album ist nur halb so lang, enthält aber eine Menge musikalische Ideen. Die kürzere Spielzeit sorgt für die etwas größere Dichte. ARS PRO VITA kommen schneller auf den Punkt, die Kompositionen wirken dichter. 

Natürlich erfinden sie das Rad nicht neu. Man erkennt vielerlei Einflüsse. Da kommen VAN DER GRAAF GENERATOR genauso durch wie SPOCK’S BEARD. Von ersteren kommt die Düsternis, das Bassspiel dagegen bringt gerne Dave Meros’sche Sounds. Man spielt mit dem Bach’schen Kontrapunkt und wirft jazzige Rhythmen ein. Und das in Landessprache gesungene ´Cruce De Caminos´ verzaubert mit der Melancholie des portugiesischen Fado. Und trotz der englischen Lyrics klingt ´Forget The Flowers´ nach impressionistischem Liedgut und französischem Chanson. Dagegen stehen Lieder wie ´Wowcake´ die den englischen Prog nach Art früher GENESIS wiederbeleben. 

Truth is here On Earth, And out there In the Milky Way, In the Local Group, In the Virgo Supercluster, In the Laniakea Hypercluster, In the Universe, And in the Multiverse

´Truth´ lebt vor allem von starken Sängern. Im erwähnten ´Wowcake´ etwa, da klingt Paulo José wie ein Wiedergänger Peter Gabriels. Aber auch die ganzen Gastsänger und -sängerinnen tragen ihr Scherflein bei. Alle auf ihre Art. Das gibt jedem der 12 Lieder einen ganz eigenen Charakter. Die drei Sprechtexte leben ebenfalls von höchst lebendigen Stimmen. Dennoch klingt ´Truth´ nicht nach Stückwerk. Die Lieder werden von einem starken Konzept und durch kompositorischem Geschick zusammengehalten. Im Gegensatz zu anderen Prog Bands, die gern auch mal unterkühlt wirken und konstruiert, schaffen es die Herren Venegas mit Wärme und Gefühl zu überzeugen. Um noch mal ein Bild vom Essen zu bemühen, ´Truth´ ist wie zartbittere Schokolade, bitter und süß und zergeht sanft auf der Zunge.

´Truth´ ist ganz bestimmt nicht das Futter zum Zwischendurchhören. Dafür ist es immer noch zu komplex. Hat man sich aber erst einmal eingehört, macht es schier süchtig. Dieses Album ruft nach wiederholtem Genuss. Und es ruft danach, nachzudenken. Was kann ich glauben? Und wie bleibe ich glaubwürdig? 

Truth is.

(9 Punkte)

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