
CRIPPLED BLACK PHOENIX – Sceaduhelm
2026 (Season of Mist) - Stil: Macabre Rock
Ein grauer Morgen irgendwo zwischen Regen und Stille. Die Stadt wirkt ausgezehrt, die Fenster dunkel, der Asphalt stumpf. In diesem Zustand setzen CRIPPLED BLACK PHOENIX mit ´Sceaduhelm´ an. Kein Aufbruch, kein Aufschrei. Eher das langsame Einsinken in einen Zustand, der längst begonnen hat. Der Titel selbst, ein altenglischer „Schattenhelm“, scheint passend gewählt. Er bietet Schutz, für den Rückzug in das eigene Innere, und ist Gefängnis zugleich.
Seit Justin Greaves das Projekt ins Leben rief, hat sich die Band nie festgelegt. Ein offenes Kollektiv, wechselnde Besetzungen, ein klarer moralischer Kompass. An seiner Seite prägt Belinda Kordic seit Jahren die emotionale Handschrift, während Stimmen wie Ryan Patterson und Justin Storms weitere Perspektiven einbringen. Jeder Text stammt aus eigener Erfahrung, jede Stimme trägt ihre eigene Last. Das spürt man.
´One Man Wall Of Death´ beginnt mit einem verstörenden Sample, ein Lachen, das hängen bleibt. Dann setzen schwere Schlagzeugschläge ein, langsam, schleppend, fast widerwillig, dennoch immer rascher. Es wirkt wie das erste Aufrichten nach zu wenig Schlaf. ´Ravenettes´ wird umgehend lauter. Belinda Kordic singt von Erinnerungen als Störsignal, „a glitch in the timeline“, und genau so klingt es. Erst wie ein kalter Gruß aus den Achtzigern, dann plötzlich eine Hymne der Gegenwart, als würde die Vergangenheit ohne Vorwarnung zurückschlagen.
In ´Things Start Falling Apart´ besingt Justin Storms einen Raum, ein Bett, ein Ich, das sich selbst beim Zerfall zusieht. Keine Explosion, eher ein schleichender Verfall. Alles ändert sich, Stück für Stück. ´No Epitaph / The Precipice´ holt Ryan Patterson ans Mikrofon, für eine finstere Ballade im Dark Rock-Stil, getragen von Reue und dem Wunsch, ein besserer Mensch zu sein, während längst klar ist, dass es zu spät sein könnte. „No epitaph for a love that couldn’t last“ trifft hart, weil es so schlicht bleibt.
´The Void´ wirkt wie ein kurzes Innehalten, ein instrumentaler Blick ins Leere. Danach schlägt ´Hollows End´ ein. Belinda Kordic fragt „How many tomorrows?“ und zählt die Tage, während die Musik schwer und gleichmäßig voranschreitet. Die Zeit als Belastung, nicht als Hoffnung. Man hört förmlich das Ticken, beim Warten.
´Dropout´ greift den Glauben an und lässt ihn ins Leere laufen. „Calling your name“ wiederholt sich, wird dringlicher, dann resignierend. Ryan Patterson singt im Anschluss den düsteren Dark Rocker ´Vampire Grave´ mit fatalistischem Kern. „There’s no winners in this game“ wird hier zum Leitspruch, während der Wunsch nach ewiger Nähe in ein morbides Bild übersetzt wird.
´Colder And Colder´ lässt nicht nach, bleibt aber emotional eingefroren. Zwei Figuren, die sich verlieren, bevor sie überhaupt ankommen. Ein letzter Tanz. „We never had a chance“ sitzt wie ein endgültiges Urteil. ´Under The Eye´ wird politischer, direkter. Schüsse, Kontrolle, Gewalt gegen die Schwächsten. Belinda Kordic singt „We see you“ wie eine Anklage, die nicht mehr zurückgenommen wird.
Mit ´Tired To The Bone´ erreicht das Album seinen ergreifendsten Moment. Kaum Instrumente, ein fast geflüsterter Gesang. Es geht um Abschied, um das Wissen, dass jemand vom Leben selbst müde geworden ist. Die Zeilen treffen hart, weil sie nichts beschönigen. ´Beautiful Destroyer´ schließt das Album langsam und schwer. Wiederholte Rufe, ein fast rituelles Ende, das keinen klaren Ausweg bietet, aber eine Form von Abschluss andeutet.
Die Produktion bleibt bewusst roh. Aufgenommen an verschiedenen Orten, zusammengeführt ohne Glanz. Die Gitarren klingen rau, die Drums trocken, die Stimmen nah und ungeschützt. Das passt zur Idee des Albums. Kein Trost, keine Verklärung. Auch die limitierte Vinyl-Ausgabe folgt diesem Ansatz und setzt mit ihrem aufklappbaren Mini-Theater einen physischen Kontrapunkt, fast wie ein stilles Bühnenbild für diese inneren Szenen.
´Sceaduhelm´ steht als das bislang reduzierteste Werk von CRIPPLED BLACK PHOENIX da. Die Songs werden von wiederkehrenden Motiven aus Müdigkeit, Erinnerung und unterschwelliger Bedrohung getragen, die sich durch das gesamte Album ziehen. Am Ende bleibt kein Trost, nur dieser gleichmäßige, kalte Regen, der unaufhörlich vom Himmel fällt.
(8,5 Punkte)
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