PlattenkritikenPressfrisch

VESPERA – The Thoughts That Plague You

2026 (Independent) - Stil: Alternative Metal / Progressive Metal / Post-Hardcore

Irgendwann sieht man den Unterschied nicht mehr. Zwischen dem Versuch, besser zu werden, und dem Versuch, zu verschwinden. Man schleift an sich herum, damit es den anderen gut geht, und merkt erst viel später, dass da kaum noch etwas übrig ist. Dort beginnt dieses Album. Mit einem Menschen, der sich für andere passend machen will, bis es wehtut.

Casval Wolfe hat das so beschrieben, und man glaubt ihm jedes Wort. Er ist Sänger und kreativer Kopf von VESPERA, 2016 in Los Angeles gegründet. ´The Thoughts That Plague You´ war immer als ein einziges Album gedacht, vierzehn Songs, einer greift in den nächsten. Erschienen ist es trotzdem nur in Stücken, verteilt auf drei EPs. Jeder Song fand seinen Weg zu den Hörern, sagt Casval Wolfe, das Album als Ganzes dagegen nie.

Das hat Gründe, und die tun weh. Die Band hatte sich komplett unabhängig hochgearbeitet. “Billboard”, “Revolver”, “Kerrang!”, “Rock Sound”, “Alternative Press” und “Spotify” waren aufmerksam geworden. Touren mit MONUMENTS und SKYHARBOR standen an, später mit NateWantsToBattle. Es lief. Dann kam 2020, und zwei Touren zerfielen. Der Tourwagen wurde in einen Unfall mit Fahrerflucht verwickelt, der Anhänger gestohlen. Irgendwann ging einfach nichts mehr. Fast fünf Jahre lang waren VESPERA öffentlich still.

Weg waren die Musiker trotzdem nicht. Gitarrist Cairn Tse-Lalonde und Schlagzeuger Jonathan Schwartz spielten weiter zusammen bei Jutes, und die Mitglieder tourten mit phem, Scene Queen, Demi Lovato, KT Tunstall oder Matt Corby. Arbeiten, auch wenn die eigene Band stillsteht. Nun haben sie die ursprüngliche Reihenfolge wiederhergestellt. Vierzehn Songs, gut 46 Minuten. Die Rechte an den Aufnahmen und am Verlag liegen bis heute bei der Band selbst, und für nächstes Jahr ist eine komplette US-Tour geplant.

Musikalisch hängt das irgendwo zwischen Alternative Metal, Progressive Metal und Post-Hardcore. Schwer und melodisch, voller Atmosphäre. Aber eigentlich ist das fast egal. Denn das hier ist vor allem eine Reise durch einen Kopf, der sich selbst nicht mehr traut. Von der Selbstaufgabe über Rebellion, Flucht und Wut bis hin zu Verantwortung und Mitgefühl, so beschreibt Casval Wolfe heute den Bogen. Beim Schreiben, sagt er, sei ihm das gar nicht bewusst gewesen.

´Sleepless´ eröffnet, und zwar mit Absicht. Es war damals der härteste Song der Band, und sie wollten mit diesem Schock beginnen. Das Feuer darin brennt in zwei Richtungen. Es zerstört, aber es hofft auch, dass etwas Stärkeres aus der Asche steigt. ´Phoenix Down´ dreht dann den Blick um. Der Name stammt aus Final Fantasy, von dem Gegenstand, der gefallene Figuren wiederbelebt. Hier steht einer auf und sagt, ganz schlicht, dass er dieses Spiel nicht mehr mitspielt.

Dann wird es dunkel. ´Fading Light´ entstand an einem Tiefpunkt in Seattle, weit weg vom alten Leben. Das Licht ist die Hoffnung. Noch sichtbar, aber immer schwerer zu erreichen. Es war der erste Song, für den Casval Wolfe im Studio seinen Gesang aufnahm, und zum ersten Mal ließ er Zurückhaltung einen Teil der Last tragen, statt alles herauszuschreien. ´Obsidian Dreams´ hält zwei Gedanken gleichzeitig fest. Die Sehnsucht nach etwas, das man besser loslassen sollte, und das Wissen darum. „I want it back, I need it back.“ Man greift zurück, während einem die Sache längst entgleitet.

´A Fragile Seed´ ist kaum mehr als eine Minute lang. Ein Instrumental, eine Atempause, ein winziger Anfang, der erst noch geschützt werden muss. Direkt danach öffnet sich ´Bloom´, das als Gedicht begann und zum ersten Liebeslied wurde, das Casval Wolfe je geschrieben hat. Wobei das Wir darin nie nur eine Person meint. Es geht um alle, die er liebt, und um den Wunsch, ihnen das abzunehmen, was sie seit Jahren verfolgt. Und um die Hoffnung, dass aus begrabener Scham irgendwann etwas wachsen kann.

´Painted Fragile´ handelt von dem Menschen hinter der Fassade. Zusammengehalten von den Dingen, die ihm fehlen. ´Vanilla Sky´ erzählt davon, wie viele Probleme wir uns im eigenen Kopf bauen und dann für die Wirklichkeit halten. Augen auf, einen Schritt zurücktreten, das ist hier die ganze Revolution.

Und dann ´Deafening, Dissonant´. Casval Wolfe denkt dabei an Cypher aus “Matrix”, der lieber die schöne Lüge nimmt als die Wahrheit. Das Hauptriff entstand an einem verregneten Tag in Seattle, zwei Stunden später war das gesamte Instrumental fertig. Der Text dagegen ließ auf sich warten. Mit seinem Gesang auf diesem Song ist Casval Wolfe bis heute am wenigsten zufrieden. Die Musik darunter hält er aber für unglaublich stark.

Der Titelsong kommt ohne Worte aus. Bewusst. Wenn keiner mehr spricht, tauchen die eigenen Gedanken auf, die, die immer wiederkommen, ob man will oder nicht. Das Du im Titel meint jeden von uns. Friedlich ist das Stück trotzdem nicht. Es wird schwer und filmisch und umzingelt einen langsam.

Darauf folgt ´Paradise´, und hier wird es sehr persönlich. Casval Wolfe hatte völlig nüchtern gelebt, bis ein schwerer Snowboardunfall alles veränderte. Zwei Jahre lang betäubte er danach körperlichen und seelischen Schmerz mit Alkohol und Drogen. Der Song erzählt von diesem Wunsch, sich selbst zu entkommen, wenn das Hiersein unerträglich wird. Spencer Sotelo von PERIPHERY singt mit und gibt dem Ganzen eine zweite Stimme, die größer klingt als eine allein. Damals begleitete den Song eine Kampagne der “JED Foundation”, die sich um die seelische Gesundheit junger Menschen kümmert.

´Gossamer´ ist pure Wut. In rund dreißig Minuten war der Song fertig, und das hört man. Ein kleines Detail liebt Casval Wolfe besonders. Im Refrain ist ihm versehentlich ein eigentlich falscher Ton hineingerutscht. Auf dem Papier ein Fehler, im Song klingt es wie zusammengebissene Zähne.

´Euphoria / Dysphoria´ ist ein Pendel. Hoffnung, dann Absturz. Klarheit, dann wieder Nebel. Es geht um Selbstvorwürfe, um Selbsthass und um die Erkenntnis, dass Heilung nicht in einer geraden Linie verläuft. Keine Seite gewinnt am Ende. Der Song hält das Schwanken einfach aus, und das ist vielleicht das Ehrlichste daran. Zum Schluss ´Smile´. Geschrieben für einen Menschen, dem Casval Wolfe alles abnehmen wollte, jeden Schmerz, wie eine Dornenkrone. Heute sieht er darin beides, die Liebe und die Gefahr. Denn wer anderen alles abnimmt, löst sich irgendwann selbst auf. Und da schließt sich der Kreis zu ´Sleepless´. Das wortlose Outro lässt das Album ausatmen, bevor es wieder von vorn beginnt.

Wenn Casval Wolfe heute zurückhört, erkennt er darin jemanden, der zu wachsen versucht und noch nicht weiß, wo Veränderung endet und Selbstaufgabe beginnt. Das macht ´The Thoughts That Plague You´ so stark, aber auch so unbequem. Ein zutiefst menschliches Album, das man endlich am Stück hören darf.

(8,5 Punkte)

PS: Wenn dich die Themen dieses Albums persönlich betreffen, findest du rund um die Uhr Hilfe bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

https://www.facebook.com/vesperaofficial
https://vesperaofficial.bandcamp.com/music
full 14-song sequence:
https://open.spotify.com/playlist/3WJQTXpDGQTGgb1AAPdsdv

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"