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LONG DISTANCE CALLING – The Phantom Void

2026 (earMUSIC / Kontor New Media / Edel Germany) - Stil: Instrumental Post Rock / Dark Progressive Metal

Seit 20 Jahren erzählen LONG DISTANCE CALLING Geschichten ohne Worte – und doch konnte kaum jemand das Albtraumhafte so pur, so direkt spürbar machen wie auf ´The Phantom Void´. Vier Musiker aus Münster – Janosch Rathmer (Schlagzeug), David Jordan (Gitarre), Florian Füntmann (Gitarre) und Jan Hoffmann (Bass) – lassen sich diesmal völlig auf das Unbekannte ein. Kein Gesang, kein Ablenkung – nur Klang, nur Schrecken, nur kosmische Weite.

Nach einer vierjährigen Pause, der längsten in ihrer Karriere, kommen sie zurück und krempeln ihre eigene Bandgeschichte einmal kräftig um. Weg von glatten Post Rock-Flächen, hin zu einem härteren, direkteren Sound. Metal-Dreck trifft auf cineastische Soundscapes, Post Rock auf Prog, elektronische Effekte auf Gitarrenfurien – und das alles auf sieben Tracks, die wie sieben Albträume hintereinander ablaufen.

Der Opener ´Mare´ ist kein schlichter Einstieg, er ist ein Abgrund. Das Schlagzeug atmet in einem Treppenhaus des Studios, die Gitarren schneiden sich wie Schatten durch die Luft. Alles klingt roh, bedrohlich und doch lebendig, man fühlt die Schwere der Leere, die sich langsam auftut. ´The Spiral´ führt den Hörer noch tiefer. Spiralförmige Gitarrenlinien winden sich, das Schlagzeug pocht nervös, der Bass schiebt unaufhörlich in die Tiefe. Es ist ein Sog, der einen umschließt, hypnotisch und unentrinnbar. LONG DISTANCE CALLING lassen keinen Moment der Ruhe zu, jede Sekunde ist durchzogen von Spannung und unheilvoller Schönheit.

Mit ´A Secret Place´ bereitet die Band den Weg zu einem dunklen Rückzugsort. Flirrende Gitarrenflächen und pulsierender Bass erzeugen einen Herzschlag im Raum, subtile Effekte hauchen jedem Ton Leben ein. Man entdeckt immer wieder neue Facetten – ein Tremolo hier, ein leichter Effekt dort – alles bewusst platziert, alles trägt zur manisch-düsteren Atmosphäre bei. ´Nocturnal´ stürzt den Hörer in fiebrige Unruhe. Die Gitarren winden sich, das Schlagzeug treibt wie ein unaufhaltsamer Puls, die düstere Atmosphäre greift um sich, bedrängt und lässt keinen Moment der Ruhe zu. LONG DISTANCE CALLING machen die Angst hörbar, ohne einen Ton zu verlieren, ohne Worte.

Im Titeltrack ´Phantom Void´ verschmelzen cineastische Breite, dichte Strukturen und Momente der Stille, die wie Atemzüge wirken, bevor die nächste Klanglawine einschlägt. Analoge John Carpenter-Synths wabern gespenstisch, Bottleneck-Gitarre jaulend, ein Instrumental-Horror, bei dem Mike Oldfield auf dunkle Träume trifft. ´Shattered´ lässt die Welt zerbrechen. Töne fliegen auseinander, stürzen wild durcheinander, nur um sich wieder zu einem dunklen Ganzen zusammenzufügen. Jeder Moment wirkt zerbrechlich und zugleich mächtig, als würde die Nacht selbst erzittern. ´Sinister Companion´ beendet das Album in der finstersten Leere. Das Schlagzeug pulsiert wie ein Herz in der Dunkelheit, Synths und Gitarren ziehen Kreise, der Hörer wird eins mit der Leere, mit dem Horror, mit dem Traum.

Der begleitende Kurzfilm intensiviert noch das Erlebnis: ein alptraumhaftes Triptychon zwischen „Psycho“, „The Lighthouse“ und den Slasher-Horror-Vibes der 80er, das die Musik in eine visuelle Dimension überführt.

´The Phantom Void´ ist das bisher gnadenloseste, fokussierteste Werk der Band. Kein Fett, keine Umwege, kein Schnickschnack. Nur 46 Minuten geballter Klangterror, der den Hörer durch Albträume, Träume und dunkle Korridore treibt. Wer hier einschläft, wacht in einer anderen Dimension auf.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/longdistancecalling/


Band-Pic: Andre Stephan – Rights earMUSIC
(VÖ: 10.04.2026)

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