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YES – 90125

~ 1983/2024 (Analogue Productions/Atlantic 75 Series) – Stil: Rock-Pop ~


Die englische Progressive Rock-Legende YES wurde 1968 in London ins Leben gerufen. 1980 stiegen Sänger Jon Anderson und Keyboarder Rick Wakeman nach neun erfolgreichen Studioalben aus. Da das Pop-Duo THE BUGGLES (´Video Killed The Radio Star´) mittlerweile auch vom YES-Management vertreten wurde, bot Bassist Chris Squire deren Sänger Trevor Horn und Keyboarder Geoff Downes die Mitgliedschaft bei YES an. Gemeinsam nahmen sie das Album ´Drama´ auf. Doch bereits nach einer Tournee verließen Trevor Horn, Chris Squire und Schlagzeuger Alan White die Band, so dass letztlich auch Geoff Downes und Gitarrist Steve Howe das Handtuch warfen. Im März 1981 wurde das vorläufige Ende von YES verkündet.

Geoff Downes und Steve Howe gründeten mit dem Bassisten/Sänger John Wetton (ex-KING CRIMSON) und Schlagzeuger Carl Palmer (ELP) die Supergroup ASIA. Chris Squire und Alan White schlossen sich hingegen – nach einer kurzen Liaison mit LED ZEPPELINs Jimmy Page und Robert Plant unter dem Bandnamen XYZ – dem Gitarristen/Sänger Trevor Rabin an und gründeten CINEMA. Den südafrikanischen Gitarristen mit Wohnsitz in Los Angeles hatten sie auf Empfehlung von Produzent Mutt Lange kennengelernt.

Trevor Horn sollte kurzzeitig der Lead-Sänger von CINEMA werden, übernahm letztlich aber nur die Produktion des anvisierten Debüts. Denn auf Einladung von Chris Squire stieß sogar YES-Sänger Jon Anderson zu ihnen und übernahm den Lead-Gesang. Da mittlerweile vier Musiker von YES, davon drei Gründungsmitglieder, in der Band spielten, schlug ihre Plattenfirma „Atlantic Records“ vor, die Gruppe in YES umzutaufen. Obwohl Trevor Rabin starke Bedenken gegenüber einer solch öffentlichkeitswirksamen und kommerziell gesehen sehr förderlichen Wiedervereinigung hatte, da er eigentlich eine neue Musikgruppe aufbauen wollte, stimmte er schließlich der neuen Inkarnation von YES zu, die intern auch mal YES-West genannt wurde, da ihr Hauptsitz nunmehr Los Angeles und nicht mehr London war.

Die kommerziellen Hintergedanken der Plattenfirma sollten sich allerdings erfüllen. Das Comeback-Album ohne angestrebtes Comeback wurde im November 1983 veröffentlicht und nach der laufenden „Atco“-Katalognummer ´90125´ benannt. Es wurde ihr meistverkauftes Album und die Auskopplung ´Owner Of A Lonely Heart´ ihre einzige Nummer eins Single, die im Januar 1984 für zwei Wochen auf Platz eins der Billboard-Charts stand. Auch die Tournee der Jahre 1984/1985 wurde zur erfolgreichsten ihrer Bandgeschichte.

´90125´ erscheint derzeit zum 75-jährigen Jubiläum von „Atlantic Records“ im echten Goldstandard auf Vinyl. Denn „Analogue Productions“ haben sich dem Jubiläum angeschlossen und veröffentlichen die Scheibe ihrerseits auf einem 180g schweren Doppel-Vinyl mit 45 rpm, natürlich gepresst bei „Quality Record Pressings“, vom analogen Original-Masterband von Kevin Gray gemastert, in einem aufklappbaren Gatefold Pocket Jacket.

Die bekannte Zusammenarbeit von „Acoustic Sounds“, „Analogue Productions“ und „Quality Record Pressings“ führt zu diesem perfekt ausbalancierten Sound, der diese ultimativ leise Pressung gegenüber den bislang bekannten zweifellos unheimlich warm und mächtig klingen lässt und den Zuhörer scheinbar direkt bei YES im Londoner Studio platziert. 

Das größte Missverständnis hinsichtlich ´90125´ sind bis heute die durch die Umbenennung in YES geschürten Erwartungen seitens der Progressive Rock-Anhängerschaft. Dass diese den Hauptschuldigen schnell im Hauptkomponisten Trevor Rabin gefunden hatten, wird der Sachlage allerdings nicht gerecht, da dieser mit seinem vorhandenen Songmaterial erst ein Solo-Album geplant hatte und dann durch das Zusammenfinden der Musiker über die Plattenfirma diese für ein Projekt namens CINEMA ausgearbeitet hatte. Bei dieser Sachlage konnte kein klassisches oder auch modernes YES-Album entstehen.

´90125´ war und ist ein glanzvoll produziertes Poprock-Album, das die Gruppe auf den selben kommerziellen Zug wie GENESIS aufspringen ließ. Alle Kompositionen sind äußerst zugänglich und eingängig, auch aufgrund des umwerfenden, des einzigartig aufsteigenden Gesangs von Jon Anderson und seinen Mitsängern Chris Squire und Trevor Rabin. Die Gitarre tönt für einen Poprock äußerst eindrucksvoll und Stadion groß, die Keyboards frisch und effizient. Und noch nie erklang die übermächtige Single ´Owner Of A Lonely Heart´, mit ihrem Bläsersektion-Sample, zur Eröffnung so prachtvoll wie bei dieser Pressung aus den Lautsprechern.

Ein ´Hold On´ protzt mit Satzgesang sowie erlesenem Gitarrenspiel, obwohl es aus zwei Songs gleichen Tempos von Trevor Rabin zusammengebastelt wurde. Dagegen bietet ´It Can Happen´, hauptsächlich aus der Feder von Chris Squire, echte Pop-Dramatik mit einem bisweilen asiatischen Einschlag und abermalig vollmundigen Gesang.

Diesen asiatischen Einschlag besitzt gleichsam ´Changes´, eine kraftvolle Melodic Prog Rock-Komposition von Trevor Rabin, der sich beim Songwriting noch Alan White angenommen hatte. Aus einem ursprünglich zwanzigminütigen Instrumentalstück namens ´Time´ wurde schließlich ein kurzes Zwei-Minuten-Lied mit dem Titel ´Cinema´, als Andenken an den kurzzeitigen Gruppennamen. Kurioserweise wurde dieses Stück sogar mit einem Grammy bedacht.

´Leave It´ wuchert hingegen überwiegend mit seinem Gesangsvortrag und zwar besonders mit wunderschönem A-Cappella-Gesang, während der Bass von Chris Squire in ´Our Song´ endlich ein markanter Aktivposten ist. Erneut schießt mit ´City Of Love´ ein kraftvoller Rock-Song aus den Lautsprechern, ehe ´Hearts´ das Album mit seinen bekannten asiatischen Vibes sowie instrumentaler Sprengkraft und nochmalig großem Chorgesang abschließt.

 

Die einstige Londoner Progressive Rock-Band YES schlug zu Beginn der Achtzigerjahre mit ´90125´ in einem stilistisch reorganisierten und zeitgemäßen Rock-Sound wie eine Bombe auf der Weltbühne ein. Viele Millionen flexible Musikhörer sollten ihnen auf diesem neuen Weg Gefolgschaft leisten.

 

(Klassiker für Jedermann)

 

 

 

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