
SUNN O))) – Sunn O)))
2026 (Sub Pop/Cargo) - Stil: Drone Doom / Experimental Metal
Seit beinahe drei Jahrzehnten loten Stephen O’Malley und Greg Anderson die Grenzbereiche dessen aus, was sich überhaupt noch als Musik begreifen lässt. Mit ihrem zehnten Studioalbum ´Sunn O)))´ kehren sie zu einer Form zurück, die reduzierter kaum sein könnte und gerade deshalb umso wuchtiger wirkt. Erstmals vollständig ohne Gastmusiker eingespielt, konzentriert sich dieses Werk ausschließlich auf das Duo selbst und seine urwüchsige Kraft.
Aufgenommen im “Bear Creek Studio” im US-Bundesstaat Washington, eingebettet in Wälder und weite Landschaften, trägt das Album die Umgebung hörbar in sich. Die Natur wirkt nicht wie Kulisse, sondern wie ein stiller Mitspieler. Gitarrenwände treffen auf zufällige Geräusche, Resonanzen entstehen nicht nur im Studio, sondern auch außerhalb davon. Produzent Brad Wood ging dabei ungewöhnliche Wege, indem er jede einzelne Lautsprechereinheit separat mikrofonierte und so eine nahezu überbordende Gitarrenmasse einfing, die in dieser Form selbst für SUNN O))) bemerkenswert erscheint.
Der Opener ´Xxann´ beginnt erwartungsgemäß mit zähem Feedback, das sich langsam auftürmt, bis erste tonale Fragmente durchscheinen. Auffällig ist hier ein unterschwelliger, fast geisterhafter Hintergrundklang, der nicht synthetisch erzeugt wurde, sondern aus bis zur Unkenntlichkeit verlangsamten Aufnahmen von Greg Andersons im Studio spielenden Kindern erzeugt wurde. Das 18-minütige Stück, eine Hommage an den verstorbenen Geoff Barrow (PORTISHEAD), entwickelt sich gemächlich, bleibt lange stehen, bevor es sich in schwerfällige, dunkle Akkorde senkt.
´Does Anyone Hear Like Venom?´ wirkt beinahe wie eine Verneigung vor den frühen Black Metal-Wurzeln und ist eine 7-minütige Referenz an VENOM. Die Gitarren schleppen sich vorwärts, verzerren bis an die Grenze des Zerfalls, während ein Moment des völligen Stromausfalls (im gesamten Viertel) innerhalb des Aufnahmeprozesses bewusst im Stück belassen wurde. Das Ergebnis ist ein abruptes Absterben des Klangs, das sich nach zwei Minuten in einem Übergang wie ein technischer Defekt anfühlt.
Mit ´Butch’s Guns´ folgt eine eigenwillige, 14-minütige Interpretation eines Folk-Stücks des Singer-Songwriters Everett Moore, das hier vollständig entkernt und neu aufgebaut wird. Die Aufnahme in völliger Dunkelheit sowie im Liegen eingespielter Gitarrenparts schlägt sich hörbar nieder: lange gehaltene Töne, wenig Orientierung, ein schleichendes Vorantasten durch die eigene Klangwelt.
´Mindrolling´ setzt mit realen Naturaufnahmen ein. Drei Tage in den Wäldern von Washington gesuchte Wassergeräusche eröffnen das Stück, bevor sich die Gitarren langsam darüberlegen. Die Frequenzen wurden so abgestimmt, dass sie mit den aufgenommenen Umgebungsgeräuschen harmonieren, was dem 18-minütigen Stück eine eigentümliche Geschlossenheit verleiht. Gegen Ende tritt das Wasser erneut hervor, als hätte es die gesamte Zeit unter der Oberfläche gewartet.
´Everett Moses´ entstand aus einer einzigen Improvisation heraus. Die enorme Lautstärke während der Aufnahme machte jedoch jede verbale Kommunikation unmöglich, sodass sich Stephen O’Malley und Greg Anderson ausschließlich über Gesten verständigten. Diese direkte Interaktion spiegelt sich im Verlauf der 10-minütige Darstellung wider: langsame Steigerungen, abrupte Wendungen, ein ständiges Austesten von Grenzen.
Den Abschluss bildet ´Glory Black´, das mit einem verstimmten Klavier arbeitet, das zuvor bewusst über Nacht den Witterungsbedingungen ausgesetzt wurde. Die Kombination aus brüchigen Klaviertönen und massiven Gitarren erzeugt eine eigentümliche, 10-minütige Spannung, die sich nicht auflöst, sondern einfach stehen bleibt.

Auffällig ist über die gesamte Laufzeit hinweg die Wirkung des Sounds. Die Gitarren sind keine Begleitung, sie sind das zentrale Ereignis. Durch das sogenannte Re-Amping, bei dem die massiven Gitarrenwände über mehrere hundert Meter in die Landschaft beschallt und dort über Mikrofone erneut aufgenommen wurden, entsteht eine echte Weite. Gleichzeitig verlieren sich die Stücke, trotz ebenfalls eingefangener Umgebungsgeräusche, nie im reinen Lärm.
Im Kontext der Bandgeschichte wirkt ´Sunn O)))´ wie eine Rückbesinnung und Weiterentwicklung zugleich. Die bekannten Elemente sind vorhanden, doch sie erscheinen klarer umrissen. Die Entscheidung, auf externe Mitwirkende zu verzichten, erweist sich als konsequent und sinnvoll. ´Sunn O)))´ entfaltet hier eine Intensität und Raffinesse, die seit ´Monoliths & Dimensions´ unerreicht geblieben war.
Am Ende steht ein Werk, das Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf diese Form von Klang einzulassen, verlangt. Wer diesen Zugang findet, erlebt hier eine der konsequentesten Ausprägungen dessen, was Drone Doom im Jahr 2026 leisten kann.
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/SUNNthebandOfficial
Pic: Charles Peterson



