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CHICK COREA – The Montreux Years

~ 2022 (BMG Rights) – Stil: Jazz/Fusion ~


Der leider 2021 mit knapp 80 Jahren verstorbene Chick Corea war einer der renommiertesten und virtuosesten Pianisten, der auch spätestens in den 70er Jahren als die Jazzwelle auch die Rockbegeisterten erreichte, mit den Fusionskönigen RETURN TO FOREVER unter anderem mit dem Bass-Gott Stanley Clarke viel Popularität einheimste. Weiter war vor allem seine Zusammenarbeit mit dem nicht weniger virtuosen Pianisten Herbie Hancock populär und 2005 erweckte er zusammen mit John McLaughlin und der FIVE PEACE BAND den Jazz Rock wieder zu neuem Leben. 

Durch seine Scientology-Mitgliedschaft wurde er 1993 bei der Leichtathletik WM in meiner Heimatstadt Stuttgart ausgeladen, immer wieder tauchte der olle Hubbard in seiner Dankesliste auf. Trotzdem wurde er 67 Mal für den Grammy nominiert und gewann ihn 25 Mal. Kann ja auch die Musik nix dafür.

Die vorliegende remasterte und restaurierte Veröffentlichung enthält acht Songs von sechs Auftritten beim renommierten „Montreux-Festival“ von 1981 bis 2010.  Eher reiner Jazz, eher seltener in die Rock-Richtung. Ab und zu auch mit klassischem Einfluss. Denn Chick Corea liebte auch Klassik wie den Ludwig van Beethoven.

Schon ´Fingerprints´, das zwar verhalten beginnt, dann aber eine Lektion in Geschwindigkeit und Virtuosität erteilt, macht deutlich, dass Chick Corea hier bei allen acht Stücken in guter Form war. Platz bleibt beim Opener auch für den virtuosen Drummer, der mit Chick im zweiten Teil einige Duelle abliefert, wie man das im Jazz ja liebt.

Beim knapp 14-minütigen ´Bud Powell´, eine Hommage an einen seiner größten Einflüsse, den Pianisten Bud Powell, wird dann vor allem auch die Bläsersektion integriert und alle, auch der Bassist, dürfen solieren und im Rampenlicht stehen. Alles nur musikalische Darbietungen auf höchstem Niveau, aber oft auch Recht komplex.

 

 

Bei ´Quartet No. 2 (Pt. 1)´ gibt es auch leichte Klassikeinflüsse, ansonsten eine weitere eindrucksvolle Demonstration in Sachen modernem Piano (wenn auch gerade dieses Stück aus dem Jahre 1988 die älteste Aufnahme ist). Im zweiten Teil im Bandkontext wird der Fusionsgedanke wieder hochgehalten. Das kurze ´Interlude´ bezieht dann das Publikum in den Dialog ein. Auch das konnte ein Chick Corea. Mit viel Humor. Na ja. Das brauche ich ehrlich gesagt weniger.  

Dann lieber das schöne ´Who’s Inside The Piano´ von 1993. Auch kürzer und mehr auf den Punkt. Lautmalerei in Vollkommenheit und Klavier pur. ´Dignity´, der Mutter von Chick gewidmet, ist sehr warm bei aller Verkopftheit. ´America (Continents Pt. 4)´ setzt in Sachen Eingängigkeit dank der Bläsersektion und den Streichern einen einfacheren Zugangskanal für den Hörer. Bei ´New Waltz´ kann sich Chick noch einmal richtig austoben – und die Band selbstverständlich auch.

Für Fusions- und Jazzbegeisterte ein wahres Feuerwerk von ordentlicher Länge. Aber auch für den normalsterblichen Hörer ein möglicher guter Einstieg in die Welt des Chick Corea, da die Improvisationen gut nachvollziehbar sind. Das ist eine der Stärken von Chick Corea und neben seinem meisterhaften Klavierspiel sicher ein Grund für seine Beliebtheit bei so vielen Zielgruppen.

 


Pic:  Chick Corea, John McLaughlin – Credit Edouard Curchod for GM Press
(VÖ: 23.09.2022)