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TORI AMOS – Ocean To Ocean

~ 2021 (Decca) – Stil: Songwriter Pop ~


Winter 2020/2021. So oft kann sich Tori Amos gar nicht an das Piano setzen und „I get a little warm in my heart, when I think of winter. I put my hand in my father’s glove.“ singen, denn dieser Winter wird in seiner Isolation auch in Cornwall von eisiger und unmenschlicher Kälte geprägt. Die regelmäßigen Reisen, die Konzertauftritte, das Leben auf Tour, das Leben in Florida scheint weit weg. Normalerweise pendelt Tori Amos in ihren konzertfreien Wochen zwischen Florida und Cornwall, jetzt sitzt sie in Cornwall fest. Und der Winter wird lang: „When you gonna make up your mind? When you gonna love you as much as I do? When you gonna make up your mind? ‚Cause things are gonna change so fast. All the white horses are still in bed. I tell you that I’ll always want you near. You say that things change, my dear.“

Tori Amos hat keinen persönlichen Kontakt zu allzu vielen Menschen, nur ihr Ehemann und ihre Tochter mit Freund sind in ihrer Umgebung. Sie kann sich nicht von Geschichten oder Beobachtungen des Lebens inspirieren lassen und fällt in eine Krise. Aus diesem mentalen Loch befreit sie sich allein durch ihren eigenen Willen. Sie will dieser eigenen Hölle entkommen, wie sie es schon einmal geschafft hat. Ihre Kreativität hilft ihr, mit dieser Situation umzugehen, aus ihr zu schöpfen. Statt körperlich zu reisen, muss sie in ihren Gedanken auf Reisen gehen. Diese Inspirationen und Töne wandern schließlich von März an bis zum Sommer schwarz auf weißes Papier.

´Ocean To Ocean´ entsteht in seiner Vielfalt aus der Einsamkeit heraus. Tori Amos lässt sich allein von ihrer direkten Umgebung, von wenigen Menschen, von alten Geschichten, von altem Holz in alten Gemäuern, von der südwestlichen Spitze Englands inspirieren. Wie es bereits das Foto auf dem Cover bezeugt, das sie auf den Klippen der Südwestküste der Grafschaft zeigt, ist es ihr Cornwall-Album geworden.

Natürlich ist Tori Amos in ihrer ureigenen Tonart gefangen. ´Ocean To Ocean´ ist ein Werk voller Emotionen, voll von persönlichen, aufrichtigen und ehrlichen Gefühlen sowie von Wärme und Tiefe, deren elf Kompositionen jede für sich eine eigene Identität bewahren.

 

 

Im frühen Morgengrauen, wenn sich Licht zu Licht gesellt, wenn sich jede ´Addition Of Light Divided´, dann wacht Tori aus einem „aquamarinen Turmalin-Traum“ auf. Tori kommuniziert mit ihrem Innersten oder probiert ´Speaking With Trees´ aus, vergräbt die „Asche unter dem Baumhaus“, um Schmerz und Trauer zu bewältigen. Bisweilen hilft auch ein Schuss Tequila, um den ´Devil’s Bane´ des Unterdrückers oder Betrügers abzuschütteln.

Am liebsten würde Tori sofort von der kornischen Küste Englands ´Swim To New York State´, mit aufwallendem Softrock im Ohr. Überaus gut gelaunt ist die Suche nach all den kleinen ´Spies´ im Anwesen, selbst wenn es sich um die Ängste der Tochter vor Fledermäusen dreht. Tori schaut auf die See und kann nicht verstehen, dass sich manche einen Dreck um die sich dort abspielenden Dramen vor der Küste scheren, wie es die Ballade ´Ocean To Ocean´ andeutet.

Wenn ´Flowers Burn To Gold´, ist es Herbst. Beschwingt fiept ´Metal Water Wood´ die „zerschmetterten Träume“ und die „zerbrochenen Träume“ hinfort. Noch ambrosischer besingt Tori ´29 Years´ des Wartens bei Medusa und Poseidon. Sie bekennt, viel „zu spät gelernt“ zu haben, ´How Glass Is Made´. Doch wer „dieses Jahr überstanden hat“, kann auch den wundervollen Tango ´Birthday Baby´ tanzen und wird jede „kosmische Apokalypse“ überstehen.

(8 beseelte Punkte)

https://www.facebook.com/toriamos


Pic: Desmond Murray
(VÖ: 29.10.2021)