
QUEEN – Queen II
1974/2026 (EMI/Universal International Music) - Stil: Artrock/Hardrock
Als QUEEN am 8. März 1974 ´Queen II´ veröffentlichten, hatten Freddie Mercury, Brian May, John Deacon und Roger Taylor bereits drei Jahre intensiver Arbeit hinter sich. Die Band, die ihr Debüt erst 1973 vollendet hatte, nutzte die zweite Platte, um all ihre Ambitionen auszuleben und all ihre bisher zurückgehaltenen Ideen zu verwirklichen. Sie wollten weit über die Grenzen des damaligen Rock hinausgehen, orchestrale Gitarren, dichte Harmonien und komplexe Arrangements schaffen, alles ohne einen einzigen Synthesizer.
Die Band hatte zu dieser Zeit bereits ein Arsenal an Material vorbereitet. ´Father To Son´, ´Ogre Battle´ und ´Procession´ waren teilweise schon 1972 live erprobt, ´Seven Seas Of Rhye´ stammte aus Freddie Mercurys WRECKAGE-Phase von 1969, und einige Stücke wie ´White Queen (As It Began)´ reichten sogar bis in Brian Mays Zeit bei SMILE zurück. Das Album sollte ein musikalisches Experiment sein, das sowohl die emotionalen als auch die fantastischen Seiten der Band in zwei Welten unterteilte: die “Side White” von Brian May, geprägt von Nachdenklichkeit, orchestralen Gitarren und melodischen Balladen, und die “Side Black” von Freddie Mercury, ein Reich der Fantasie, schnellen Rhythmen, polyrhythmischen Strukturen und mythischen Figuren.
Die Sessions wurden in den “Trident Studios” und “Langham 1 Studios” in London durchgeführt, mit Roy Thomas Baker und Robin Geoffrey Cable als Co-Produzenten, während Mike Stone die Aufnahmen betreute. Jeder einzelne Tag war von technischem Ehrgeiz und Experimentierfreude geprägt.
Die visuelle Umsetzung von ´Queen II´ setzte ebenso Maßstäbe. Mick Rock, damals ein junger Fotograf, inszenierte die Band in der legendären Diamantformation vor einem schwarzen Hintergrund, inspiriert von Marlene Dietrich in “Shanghai Express”. Die ikonische Fotografie prägte QUEEN nachhaltig und wurde wiederholt in späteren Musikvideos aufgegriffen, insbesondere bei ´Bohemian Rhapsody´. Zusätzlich entstand ein Gegenbild der Band in Weiß für das Gatefold, das die duale Natur von ´Side White´ und ´Side Black´ visuell unterstrich.
´Queen II´ war kein konzeptionelles Album im strengen Sinne, doch die gegensätzlichen Seiten schufen einen großen Spannungsbogen, der QUEEN erstmals als Band definierte, die sowohl progressive Rockstrukturen als auch bombastische Hard Rock-Elemente mit Glamour und Virtuosität verbinden konnte.
Side White
´Procession´ leitet das Album instrumental ein, ein kurzer, fast zeremonieller Marsch, der die experimentelle Ader der Band sofort erkennen lässt. Während Roger Taylors Bass-Drum wie ein Herzschlag pochend pulsiert, schichtet Brian May Dutzende von Gitarrenspuren, eine himmlischer als die andere, um das Klangspektrum einer Beerdigungsprozession nachzubilden.
Mit ´Father To Son´ steigen QUEEN endgültig und wuchtig in das Album ein. Musikalisch für 1974 überraschend modern und düster, in dynamischen Hardrock- und Heavy Metal-Passagen, thematisiert Brian May die Weitergabe von Werten zwischen Generationen. Die Chorgesänge werden schließlich vom explodierenden Gitarrensolo beinahe überrollt, während Brian Mays Multi-Tracking-Gitarren den Song ohnehin wie eine monströse, orchestrale Einheit wirken lassen.
Akustische Gitarren und die harmonische Lead-Gitarre erzeugen hernach in ´White Queen (As It Began)´ eine beinahe verträumte Atmosphäre, die die introspektive Seite des Albums perfekt repräsentiert. Dieser hochemotionale Moment der weißen Seite bricht in einer melancholischen Ballade aus, die von Brian Mays unerfüllter Liebe inspiriert wurde, mit himmlischen Gesängen, gezupuftem Solo und sich unsanft entladenden Effekten.
´Some Day One Day´ markiert Brian Mays Gesangsdebüt, ein fast folkartiger Track mit vielschichtiger Gitarrenharmonie, der den persönlichen Ton Mays noch einmal unterstreicht. Die orchestrale Struktur seiner feinfühligen als auch röhrenden Gitarren, bei der jede Spur eigenständig wirkt, zeigt abermals die brillante Experimentierfreude der Band.
Den Abschluss der weißen Seite bildet ´The Loser In The End´, Roger Taylors Solo-Beitrag. Er erzählt die bodenständige Geschichte einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung, klingt rau, natürlich auch durch Roger Taylors Gesang, und bluesig, schwelt aber ebenso durch Brian Mays Gitarre im Hardrock – ein bewusster Kontrast zur restlichen Seite und ein nahtloser Übergang in Freddie Mercurys fantasiereiche „Side Black“.
Side Black
´Ogre Battle´ eröffnet die schwarze Seite mit einer energetischen, fast thrashigen Explosion. Der Song beginnt mit einem rückwärts abgespielten Gong und Gitarren, die das Chaos einer Oger-Schlacht nachzeichnen. Brian May imitiert mit seinem Instrument die Schlachtgeräusche, während Roger Taylors Schlagzeug auf jeden Vorstoß eine Antwort parat hält. Gitarre und Schlagzeug treten derweil immer wilder auf. Die Gitarren lassen ihren Emotionen freien Lauf und die Gesänge schießen in die Höhe, bis hinein in die Schlachtgeräusche. Schon hier wird deutlich, dass Freddie Mercury auf theatralische und klangliche Experimente setzt, die im Live-Kontext nur schwer reproduzierbar waren.
´The Fairy Feller’s Master-Stroke´ demonstriert Freddie Mercurys Detailversessenheit. Inspiriert vom gleichnamigen Gemälde Richard Dadds, versucht er, jede Nuance musikalisch umzusetzen – vom Klavier, das wie ein Cembalo klingt, bis hin zu den Kastagnetten. Vor allem der nervöse, gegen den Strich gebürstete 2/4-Takt schreitet wie ein Uhrwerk voran. Während der unglaublich flüssige, fast jazzigen Basslauf von John Deacon den Song erdet, überlagern sich die Stimmen in rasender Geschwindigkeit, sie antworten einander, flüstern und rufen. Studio und Produzent Roy Thomas Baker setzen das Werk mit extremer Kanaltrennung und orchestralen Overdubs um, was den Song zu QUEENs bisher größtem Stereo-Experiment macht.
Mit ´Nevermore´ folgt eine kurze, intime Ballade, die von Freddie Mercurys Gesang und dem Piano getragen wird. Die glockenähnlichen Klavierklänge entstehen durch Zupfen der Saiten – ein Effekt, den viele Zuhörer damals für Synthesizer hielten. Darüberhinaus werden die nahezu engelsgleichen Chor-Stimmen so eng mit dem Klavier verwoben, dass sie fast wie ein Hall-Effekt des Instruments wirken.
´The March Of The Black Queen´ gilt als direkter Vorläufer von ´Bohemian Rhapsody´. Der Song ist extrem komplex, mit ständig wechselnden Rhythmen und polymetrischen Passagen, Lead-Gesang über zweieinhalb Oktaven und mehrschichtigen Studio-Overdubs. Klavier, himmlische und hysterische Chöre, sich unterhaltende Chöre, singende Gitarrensaiten und Freddie Mercurys Gesang als Taktgeber. Die Aufnahmesessions waren so belastend, dass das Magnetband stellenweise fast durchsichtig wurde. Trotz dieser Herausforderungen zeigt der Song Freddie Mercurys visionäre Kraft und den Drang, musikalische Konventionen zu sprengen.
´Funny How Love Is´ zeigt den Wall-of-Sound-Ansatz, inspiriert von Phil Spector, wenn der Gesang von vielen Stimmen wie ein einziges Instrument klingen soll. Freddie Mercury sang nahezu alle Gesangsspuren selbst ein, und die Mischung aus Overdubs und Piano erzeugt eine dichte Klangwand. Live wurde der Song aufgrund seiner vokalen Komplexität nie umgesetzt, bleibt aber ein Paradebeispiel für QUEENs Studioinnovationen.
Den krönenden Abschluss bildet das Lied ´Seven Seas Of Rhye´, das zuvor als Instrumental auf dem Debüt begonnen wurde. Freddie Mercury erweitert die Fantasiewelt zu einem vollständigen Song mit Text, unterstützt von Brian May an Piano und Gitarre. Die charakteristischen Arpeggios am Klavier und die schnellen rhythmischen Wechsel machen den Song zu einem frühen Hit, der QUEEN erstmals in die britischen Top Ten brachte – unter anderem durch einen glücklichen Auftritt bei “Top of the Pops”.
Ein beeindruckendes Zeugnis von Kreativität, Technik und Vision.
Die Arbeit an ´Queen II´ war nicht nur musikalisch, sondern auch technisch ein echtes Abenteuer. Die Band nutzte jede Gelegenheit, um neue Klangmöglichkeiten auszuloten, Effekte auszuprobieren und ungewöhnliche Techniken umzusetzen – vom Zupfen der Klaviersaiten über komplexe Gitarren-Overdubs bis hin zu Percussion-Experimenten. Die Studioarbeit war geprägt von Detailverliebtheit, technischem Ehrgeiz und kreativer Risikobereitschaft, die die Musiker oft an die Grenzen des damals Möglichen brachte.
´Queen II´ bleibt daher ein einzigartiger Meilenstein, der die Grundlagen des späteren QUEEN-Sounds legte. Das Album vereint komplexe Gesangsharmonien, orchestrale Gitarrenarrangements und mutige Rhythmuswechsel zu einem unverwechselbaren Stil, der noch heute als Signature-Sound der Band gilt. Es markiert zugleich die Geburtsstunde von QUEENs experimentellem Rock, der klassische Musikstrukturen mit Hard Rock-Elementen vereint – ein Ansatz, der in ´Bohemian Rhapsody´ seine meisterhafte Vollendung finden sollte.
Neben der musikalischen Innovation ist ´Queen II´ auch für seine Härte bemerkenswert. Stücke wie ´Ogre Battle´ oder ´The March Of The Black Queen´ waren 1974 beispiellos kraftvoll und schnell, beeinflussten später Genres wie Thrash- und Speed-Metal und prägten unzählige Musiker nachhaltig. Darüber hinaus demonstriert das Album QUEENs außergewöhnliches Storytelling, denn Freddie Mercury erschuf mit der Fantasiewelt von Rhye eine eigene Mythologie.
All diese Faktoren machen ´Queen II´ nicht nur zu einem Schlüsselwerk des Progressive Rock und frühen Heavy Metal, sondern zum besten QUEEN-Album aller Zeiten.
Collector’s Edition 2026
Die Veröffentlichung von ´Queen II´ als „Collector’s Edition“ im Jahr 2026 markiert einen weiteren Höhepunkt in der Historie des Albums. Der neue 2026-Mix geht weit über ein simples Remaster hinaus. Er lässt die technischen Limitierungen des Jahres 1974 hinter sich, indem die Details, Instrumentenpositionen und Gesangsharmonien erstmals kristallklar hörbar gemacht werden. Besonders auffällig sind die Klarheit der übereinandergelegten Gesangsspuren in ´The March Of The Black Queen´, die räumliche Tiefe von Roger Taylors Schlagzeug, das sowohl Wucht als auch feine Nuancen entfaltet, und Brian Mays Gitarrenarrangements, deren kleine Feinheiten nun präzise zu hören sind. Klavierpassagen gewinnen Raum, und selbst das Zupfen der Flügelsaiten wird als eigenständiges percussives Element deutlich wahrnehmbar.
Die “Collector’s Edition” bietet neben dem 2026er Mix eine Fülle an zusätzlichen Inhalten: Die opulente Box (5CD + 2LP) enthält unveröffentlichte Session-Outtakes, Backing Tracks, BBC-Aufnahmen, Live-Material von “Golders Green Hippodrome” und “Rainbow Theatre” sowie das bisher verschollene ´Not For Sale (Polar Bear)´. Ein 112-seitiges Buch mit bislang ungesehenen Fotos, handgeschriebenen Texten und Tagebucheinträgen von Freddie Mercury vermittelt intime Einblicke in den kreativen Entstehungsprozess. Die Session-Discs erlauben es, die Entstehung einzelner Songs Schritt für Schritt nachzuvollziehen, etwa frühe Takes von ´Father To Son´ oder ´The March Of The Black Queen´, die zeigen, wie komplexe Strukturen und Arrangements Stück für Stück aufgebaut wurden.
Der 2026er Mix lässt ´Queen II´ zur gelungensten Neuauflagen eines QUEEN-Albums werden. Die Detailklarheit ist beeindruckend, die Instrumente und Gesangsstimmen gewinnen neue Transparenz und räumliche Tiefe, ohne dass die historische Authentizität verloren geht. Besonders hervorzuheben ist die Behandlung von Freddie Mercurys Stimme. Im Gegensatz zum ´Queen I´ (2024 Mix), der bisweilen für übermäßiges Auto-Tuning kritisiert wurde, bleibt Mercury hier in seiner Natürlichkeit erhalten, so dass Intensität und Dynamik des Originals gewahrt bleiben. In Kombination mit dem umfangreichen Begleitbuch, den Session-Outtakes und Live-Aufnahmen eröffnet der 2026er Mix sowohl langjährigen Fans als auch neuen Hörern die Möglichkeit, ein technisch ambitioniertes und kreatives Werk von QUEEN in bislang ungeahnten klanglichen Dimensionen zu erleben.
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