
SONNY ROLLINS – Brass / Trio
1958/2026 (Verve Vault) - Stil: Jazz
Auf ´Brass / Trio´ entfaltet Sonny Rollins seine Vielseitigkeit in vollendeter Klarheit und zeigt ein seltenes Talent, zwischen orchestraler Wucht und intimem Trio-Spiel mühelos zu wechseln.
Auf der Brass-Seite konfrontiert Sonny Rollins die achtköpfige Blechbläser-Formation unter der Leitung von Ernie Wilkins mit kraftvollem, zielgerichtetem Tenorsaxophon, das sich gegen die dichte Wand aus Trompeten, Posaunen und Tuba behauptet. Aufgenommen am 11. Juli 1958 in den “Metropolitan Studios”, NYC.

´Who Cares?´ eröffnet mit geschmeidigem Swing, Solo-Vorführungen von Sonny Rollins, Nat Adderley und Reunald Jones sowie einer kleinen Gitarren-Einlage von René Thomas, das die Spannung auflockert und Sonny Rollins’ souveräne Artikulation noch stärker strahlen lässt. Bei ´Love Is A Simple Thing´ zeigt sich Sonny Rollins in einer swingenden Big-Band-Umgebung. Geprägt von einem dichten Blechbläser-Arrangement, gibt dennoch das Saxophon den Ton an.
´Grand Street´ entwickelt sich zu einem gospelhaften Shout, rhythmisch präzise und gleichzeitig locker improvisiert, mit einem energetischen Sonny Rollins im Mittelpunkt sowie einem kurzen Gitarren-Intermezzo, während ´Far Out East´ von Sonny Rollins’ schnellen und komplexen Läufen geprägt wird, die auf den punktgenauen Einsätzen der massiven Bläser antworten.
Die zweite Hälfte des Albums entfaltet eine andere Magie. Aufgenommen am 10. Juli 1958 in den “Beltone Recording Studios”, NYC. Das Trio mit Henry Grimes am Bass und Specs Wright am Schlagzeug öffnet einen anderen Klangraum. Ohne Klavier oder Blechbläser erlangt Sonny Rollins einen enormen spielerischen Freiraum. Bereits in ´What’s My Name?´ nutzt er diesen Platz äußerst ideenreich, doch auch Specs Wright kann mit einem kurzen Solo glänzen. Die alte Varieté-Melodie ´If You Were The Only Girl In The World´ verwandelt Sonny Rollins in eine rasante Up-Tempo-Nummer, mit einem langen, extrem druckvollen Solo.
´Manhattan´ gleitet gemächlich im Mid-Tempo, fast filmisch, im New Yorker Flair durch vertraute Straßenszenen. Sonny Rollins suhlt sich in der berühmten Melodie, spielt mit kleinen ironischen Zitaten und rhythmischen Verzögerungen um sie herum und lässt sein Saxophon gewissermaßen singen. Das weder vom Bass noch vom Schlagzeug begleitete Solo ´Body And Soul´ setzt abschließend Maßstäbe. Das Konzept des Cadenza-Stils, das freie Spiel am Ende eines Liedes, dehnt er auf ein ganzes Stück aus. Die volle Pracht seines Tenorsaxophons nutzt extreme Temposchwankungen und zerlegt das Balladen-Thema in kleine Motive. Diese Solo-Performance wird daher in Jazz-Analysen oftmals als Referenz zitiert.

Das Album dokumentiert einen außergewöhnlichen Moment in Sonny Rollins’ Schaffen, in dem Experimentierfreude und technisches Können zusammenfallen. Die Neuauflage in der “Verve Vault”-Series, analog geschnitten von Ryan K. Smith und auf schwerem 180g-Vinyl gepresst, bringt die Detailfülle der Bläser, die subtile Präsenz des Trios und die unmittelbare Wärme des unbegleiteten Solos mit beeindruckender Klarheit zum Vorschein. Hörer können die Interaktion zwischen Saxophon und Ensemble ebenso genießen wie das minimale, doch komplexe Zusammenspiel des Trios, wodurch das Album lebendig bleibt, von der ersten Note bis zum letzten Ausklang.
´Brass / Trio´ bleibt ein essenzieller Klassiker, weil es Sonny Rollins in zwei kontrastierenden Klangwelten zeigt: die orchestrale Kraft eines Big-Band-Erlebnisses und die intellektuelle Freiheit eines pianolosen Trios. Zugleich folgt das Album einer subtilen Dramaturgie: Es beginnt mit mehreren Solisten im kollektiven Austausch, konzentriert sich im weiteren Verlauf zunehmend auf Sonny Rollins selbst und endet schließlich in einer vollständig unbegleiteten Solo-Performance – als würde sich das Ensemble Schritt für Schritt zurückziehen, bis nur noch das nackte, unverstellte Tenorsaxophon übrig bleibt. ´Brass / Trio´ ist daher ein Album, das man immer wieder hören möchte, um die Feinheiten, das Timing, die kleinen Überraschungen in jedem Solo zu entdecken, und es vermittelt auf eindrucksvolle Weise, warum Sonny Rollins als einer der bedeutendsten Tenorsaxophonisten der Jazzgeschichte gilt.
(Klassiker)
https://www.facebook.com/officialsonnyrollins
´Brass´-Besetzung
Sonny Rollins – Tenorsaxophon
Nat Adderley – Kornett
Reunald Jones, Ernie Royal, Clark Terry – Trompete
Billy Byers, Jimmy Cleveland, Frank Rehak – Posaune
Don Butterfield – Tuba
Dick Katz – Klavier
René Thomas – Gitarre
Henry Grimes – Bass
Roy Haynes – Schlagzeug
Ernie Wilkins – Arrangeur, Dirigent
´Trio´-Besetzung
Sonny Rollins – Tenorsaxophon
Henry Grimes – Bass
Specs Wright – Schlagzeug



