
Es ist Winter. Der Schnee liegt schwer auf den Dächern der Stadt, und die Kälte kriecht durch jede Faser des Baumhauses, in das ich mich zurückgezogen habe. Das Holz knistert im kleinen Ofen, der Rauch zieht gemächlich durch die niedrigen Balken. Meine Nachbarin ist vor einigen Wochen weggezogen, und für einen Moment genieße ich die Stille, unterbrochen nur vom Feuer. Ich atme den Duft von Holz, spüre die kalte Luft auf der Haut und lasse die Vorfreude auf die Musik in mir aufsteigen.
Ein leises Klopfen reißt mich aus der Stille. Der gelbe Paketbote steht draußen, Schneeflocken hängen an seinen Schultern. Ich öffne einen Spalt, halte die Kälte draußen, und er überreicht mir einige Pakete – die heiß erwarteten neuen Platten.
Kaia steht plötzlich hinter dem Postboten vor der Tür, drängt sich an diesem vorbei und tritt leicht fröstelnd eiligst herein, Augen funkelnd vor Neugier und leichter Belustigung über meine vielen Bestellungen. „Schon wieder so viele?“ sagt sie, ihre Stimme neckisch. Ich zucke nur mit den Schultern, ein Lächeln spielt um meine Lippen.
Die Tür verschlossen und die Pakete abgestellt, findet ihre Hand recht schnell die meine, unsere Finger verschränken sich, und sofort zieht eine Wärme durch uns, die der Kälte draußen trotzt. Ein flüchtiges Lachen, ein Spiel aus Berührung und Nähe, das zu mehr wird, als wir beide erwarten.
Vorsichtig lege ich die Nadel auf die neue SOEN-Platte, die der Postbote gebracht hat. Sofort breitet sich die Musik im Raum aus. Von der Band, gegründet von Schlagzeuger Martin Lopez und Sänger Joel Ekelöf, muss ich Kaia nicht mehr viel erzählen, dies tat ich bereits beim Album ´Lotus´. In der Zwischenzeit haben sich SOEN von atmosphärischem Prog über melodisch-druckvolle Werke bis zu introspektiven Alben wie ´Imperial´ und ´Memorial´ entwickelt. Kaia lehnt sich an mich, ihre Hand auf meinem Arm, während wir die ersten Klänge spüren.
´Primal´ rüttelt uns mit kraftvollen Riffs, Bass und Schlagzeug, im Sinne einer modern Metal-Riff-Schlacht auf. Joel Ekelöfs Stimme brüllt dementsprechend existenzielle Konflikte hinaus. Kaia schließt die Augen, ihr Atem wird schneller, unsere Hände greifen sich fester. Mit ´Mercenary´ jagt aggressiver Rock nach vorn, Joel Ekelöf pendelt gewohnt zwischen Melodie und eruptiver Kraft, und unsere Körper folgen unbewusst dem ruppigen Takt, ein leises, prickelndes Spiel entsteht.
´Discordia´ verlangsamt die Geschwindigkeit, dunkle Klanglandschaften breiten sich aus – mit einer mächtigen Wucht zum Refrain hin. Ich spüre Kaia, wie sie sich an mich lehnt, ihre Stirn fast an meiner Schulter, wir lassen uns von der Musik tragen. ´Axis´ treibt hingegen das musikalische Spiel wieder nach vorn, in einem hektischen Uptempo, mit einem ebenso ruhelosen Refrain. Die Luft im Baumhaus pulsiert, unsere Hände finden sich immer wieder, gleiten über Arme und Rücken, ein fast unmerklicher Tanz im Takt der Musik.
´Huntress´ zeigt im Midtempo, mit elegischen Strophen seine Verletzlichkeit, samt Gitarrensolo voller Sehnsucht. Kaia schaut mich an, Augen glänzend, ich flüstere, dass wir diesen Moment spüren. ´Unbound´ explodiert melodisch, modern im Herzschlag. Gitarren und Keyboards tragen Loslösung und Befreiung, und unsere Nähe wird zu einem Schweigen voller Verlangen, ein leises Zusammenspiel von Musik und Berührung.
´Indifferent´ wartet mit Piano, punktuellen Gitarrensoli und Joel Ekelöfs verletzlicher Stimme auf – wir lehnen uns zurück, Kaia drückt sich an mich, ihre Finger wandern über meinen Körper, wir atmen im Gleichklang, während die Musik uns umhüllt. Jeder Ton fühlt sich an wie ein feiner Strom, der durch unsere Leiber fließt.
´Drifter´ verbindet runtergestimmten Midtempo-Rock mit subtilen Melodien, eine kleine Reise durch unser Baumhaus, während wir uns eng aneinander schmiegen. ´Draconian´ erreicht eine druckvolle Dimension. Die Riffs und das Schlagzeug wie Blei, Joel Ekelöfs Gesang intensiv und predigend. Wir spüren die Vibrationen im Holz, in unseren Körpern, durch Fingerspitzen und Puls.
Der Abschluss, ´Vellichor´, tönt sanft, Gitarren und Keyboards umrahmen Joel Ekelöfs warme Stimme, reflektierend, versöhnlich. Wir halten uns an den Händen, an den Stirnen fast vereint, unsere Blicke verschmelzen. Die Eichhörnchen draußen auf den Fensterbänken knabbern indes an ihren Nüssen, völlig unbeeindruckt vom Sturm der Töne in unserem kleinen Baumhaus. Alles fügt sich zu einer vollkommenen Winterstimmung: Musik, Nähe, Körper, Sinnlichkeit.
Kaia lächelt, unsere Körper noch immer ineinander verknotet, und ich spüre, dass wir diese Stunde gemeinsam in jeder Berührung auskosten. Ich flüstere, dass dies zwar kein audiophiles Meisterwerk, aber immerhin ein melodisches, modernes Metal-Album ist. Und während der Schnee draußen weiterfällt und das Holz in der Heizung glüht, wird mir klar: Solche Momente sind selten, kostbar, und unvergesslich. Wir lehnen uns zurück, lachen leise über die Erlebnisse des Tages, spüren das Feuer in uns – und wissen, dass die Nähe und die Leidenschaft noch lange nachklingen werden.
(8 Punkte)
(VÖ:16.01.2026)



