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PATTI SMITH – Horses

1975/2025 (Sony Music) - Stil: Punk Rock / Garage / Art Rock

Fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung von ´Horses´ lässt sich kaum fassen, wie radikal, wie frisch dieses Album noch immer klingt. Patti Smith tritt hier auf wie eine Gestalt, die zugleich aus der Literatur, aus dem Geist der 1960er und aus dem pulsierenden New York der frühen Siebziger erwächst. Mit der Stimme einer Dichterin, die schreit und flüstert, leitet sie ´Gloria´ ein, legt die Worte „Jesus died for somebody’s sins but not mine“ wie einen Schwur in den Raum, bevor die Gitarre von Lenny Kaye wie ein zorniger Windstoß einsetzt. Die Band ist jung, ungestüm und voller Ideen, doch John Cales bewusst rohe Produktion hält alles zusammen, bewahrt die rohe Energie, die Patti Smiths Vision so unvermittelt und echt macht. Das Album strahlt Selbstbewusstsein und Unmittelbarkeit aus und markiert zugleich einen Bruch mit der vorangegangenen Rocktradition, eine Neuausrichtung der kulturellen Ordnung, in der Künstlerinnen und Künstler die Kontrolle über ihre eigene Stimme beanspruchen.

´Redondo Beach´ öffnet sich wie ein sonnendurchfluteter, melancholischer Tag am Meer, auf dem die sanften Reggae-Rhythmen und Richard Sohls klare Pianoakkorde Patti Smiths persönliche Geschichte transportieren. Sie erzählt von einem Streit mit ihrer Schwester, von Sorgen, von Verlust, und dennoch trägt die Musik Leichtigkeit in sich, eine Mischung aus Schmerz und Versöhnung. In ´Birdland´ breitet sich eine andere Dimension aus. Das Klavier zieht schleppend, beinahe hypnotisch, während Patti Smiths Stimme wie ein Strom von Gedanken und Bildern durch die Räume fließt. Man spürt die Einflüsse von Wilhelm Reich und der experimentellen Kunstszene, die Sehnsucht nach einer neuen Ordnung, in der Musik nicht länger nur Unterhaltung, sondern Ausdruck, Manifest und Provokation zugleich sein kann.

Mit ´Free Money´ verwandelt sie eine simple Fantasie über den Lottogewinn in ein aufregendes Spektakel, das aufsteigt, wütend wird und dennoch ein Lächeln trägt. Die zweite Albumseite beginnt mit ´Kimberly´, das mit seinen verschlungenen Melodien und zarten Gitarrenlinien bereits auf das aufkeimende New Wave-Gefühl verweist. ´Break It Up´ ist ein stilles Gebet an Jim Morrison, eine Ballade, die zwischen Respekt, Erinnerung und einer Spur von Trauer schwingt.

Dann tritt ´Land´ in den Raum, fast zehn Minuten voller Explosionen und erzählerischer Kraft. Patti Smith verknüpft ihre Stimmen mit der Band, schichtet Texte, Zitate und Melodien übereinander, streift das Soul-Standardstück ´Land Of A Thousand Dances´ und erschafft daraus eine Art Ritual, in dem Realität und Imagination, Geschichte und Gegenwart aufeinanderprallen. Jede Note von Lenny Kaye, jeder Basslauf von Ivan Král, jeder Schlag von Jay Dee Daugherty trägt die Geschichten weiter, die Patti Smith in diesen Texten ausbreitet. Mit ´Elegie´ endet das Album auf eine fast schmerzlich schöne Weise, eine Erinnerung an Jimi Hendrix, Jim Morrison und andere verstorbene Ikonen, deren Geist die Musik durchdringt, ohne sie zu dominieren.

Die Veröffentlichung 1975 fällt in eine Zeit tiefgreifender kultureller Transformation. New York, damals noch ein rauer, ungeschliffener Schmelztiegel aus Kreativen, Künstlern, Schriftstellern, Filmemachern und Musikern, bot den Nährboden für eine neue Generation, die Regeln infrage stellte, Genres sprengte und soziale Konventionen herausforderte. Patti Smith trat nicht als rebellische Rockerin, sondern als Dichterin mit elektrischer Gitarre auf, als jemand, der Musik, Poesie und Performance verschmolz, und auf diese Weise neue Maßstäbe setzte. Sie definierte, was Punk bedeuten konnte: nicht nur Geschwindigkeit und Lärm, sondern künstlerische Selbstbestimmung, rohe Authentizität und die Freiheit, alle Traditionen zu hinterfragen.

Die Wirkung auf nachfolgende Musikergenerationen ist monumental. Michael Stipe hat in Interviews betont, dass Patti Smiths Verschmelzung von Text und Musik, ihre unerschütterliche Präsenz auf der Bühne und ihre kompromisslose Haltung als Künstlerin ihn ebenso geprägt haben wie Courtney Love und die frühen Mitglieder der SMITHS. Bands und Künstlerinnen, die Punk und Post Punk in den 1980er-Jahren formten, zogen Inspiration aus Patti Smiths Fähigkeit, Literatur, Mythos und Zeitgeist in Songs zu verwandeln, die zugleich intim und universal wirken. Die Art und Weise, wie ´Horses´ das urbane New Yorker Umfeld in Klang und Bild übersetzt, setzte Maßstäbe für die visuelle, performative und textliche Gestaltung von Rockalben.

Die Jubiläumsausgabe auf Vinyl – die das Originalalbum zusammen mit Demos, Alternativversionen und Outtakes enthält – erlaubt es, diesen kreativen Prozess noch einmal nachzuvollziehen. Man hört, wie Songs entstehen, wie Ideen wachsen, wie Patti Smiths Vision und die musikalische Umsetzung ineinanderfließen. Die Bonusaufnahmen zeigen die Band beim Experimentieren, beim Finden ihrer Stimme, und offenbaren die Spuren, die später das Fundament für unzählige Musikerinnen und Musiker bilden sollten.

´Horses´ ist ein Denkmal, dessen Kraft über die Jahrzehnte nicht nachlässt. Es markiert den Moment, in dem eine Künstlerin das Erbe der Vergangenheit annahm, es neu ordnete und daraus etwas vollkommen Eigenes erschuf. Patti Smith betrat die Bühne der Welt als Dichterin, Musikerin und Visionärin, und selbst fünfzig Jahre später bleibt ihre Stimme ein Leuchtfeuer, das zeigt, wie weit Musik reichen kann, wenn sie Literatur, Rebellion und Leben vereint. Dieses Album erzählt von einer neuen kulturellen Ordnung, von der Möglichkeit, mit Kunst Grenzen zu verschieben und Generationen zu inspirieren, und von der unsterblichen Energie eines Moments, der sich nie wiederholt und doch immer weiterwirkt.

(Klassiker)

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