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THE OBSESSED – Gilded Sorrow

~ 2024 (Ripple Music) – Stil: Doom/Heavy Rock ~


Genau wegen solcher Platten ist „Ripple“ momentan mein Lieblingslabel. Nachdem Perle et moi die US Kultband um den unverwüstlichen Scott „Wino“ Weinrich letzten Sommer in Hamburg im Hafenklang mit den genialen EARTHBONG aus Kiel im Vorprogramm live genossen haben, war ich umso heißer auf die neue Platte. Und ich werde belohnt.

Wino und seine Crew bleiben der Linie einer Mischung aus erdigem Heavy Rock und klassischem Slow Motion Doom natürlich treu ergeben. Aber sie sind immer für kleine Nuancen gut, die aus einem soliden Album einen Killer machen.

Machen wir uns nichts vor, die Seele dieser Schallplatte ist irgendwo 55 oder 56 Jahre jung. Die Melodiebögen, Akkordfolgen und die Art der Performance haben ihre Entwicklung vor etwa dreißig Jahren aufgegeben. Ist diese Musik nun schiere Resignation? Heute wird ja viel auf OS, sprich „Old School“ gemacht, weil die meiste moderne Musik kalt, seelenlos und rein zur wenig beanspruchenden Hintergrundbeschallung gedacht ist. Selbst beim Heavy Rock und Metal.

Und diesen Weg wollen viele Silberrücken wie ich, aber auch viele Jungspunde nicht mitgehen. Sie wollen Musik mit Tradition und voller Gefühl. Die Bewegung der Alten Schule bietet genau das, Bedeutsamkeit, Kultgefühl.

Und THE OBSESSED sind mittenmang dabei.

Schon der Opener ´Daughter Of An Echo´ kann unter „traditionsbewusster Genussmusik“ gespeichert werden. Stampfender doomiger Heavy Rock mit bedrohlicher, leicht monotoner Gesangslinie. Aber verdammt düster und morbide in seiner Gesamtstimmung. Die raue Stimme von Wino ist dabei das augenblickliche Erkennungsmerkmal.

´It’s Not OK´ ist dann sogar mehr als okay. Treibend, rockig, groovig mit geilen Riffs und hier und da kleinen melodischen Soloeruptionen vor dem langen intensiven Gitarrensolo, das gar nicht aufhören will und sich immer ein Stück anders entwickelt. Dieser Song ist so schön heavy und dreckig. Auch wenn die Gesangsmelodien spröde, erdig und trocken scheinen, sie durchdringen Deine Seele.

´Realize A Dream´ rockt nach sphärischem Anfang behäbig und mit emotionsgeladener einfacher Gesangslinie voran. Der Refrain ist rhythmisch wirbelnder, ebenso das dazugehörige Riff, während Wino den Refrain rausschnoddert. Die Soli sind kurz und umso marternder. Zum Ausklang kommt wieder kurz die sphärische Einleitung.

Der Titelsong schließt sich an und es handelt sich um einen machtvollen Doomer mit von Tragik singenden Leadgitarren. Die Stimmung dieser Kriechnummer ist erdrückend und von Resignation geprägt. Wino kann noch immer doomen wie zu besten VITUS-Tagen. Wer davon nichts weiß, ist definitiv „born too late“. Soliert wird hier auch, teilweise mit feinem Hardrock Flair klassischer Prägung. Keins der Riffs scheint vorher noch nie dagewesen zu sein, aber wenn man so weit drin ist, nimmt einen die Platte gefangen. Der Spacepart zum Ende hin ist gigantisch. Hallende, grollende Geräusche auf doomigem Schlagzeug, dann immer mehr Gitarre und vor allem die Seele zermalmende Leitharmonien.

´Stoned Back To The Bomb Age´ ist vom Titel her ein gehässiger Seitenhieb auf die militaristische Außenpolitik der USA, der Russen und generell vieler Staaten. Musikalisch hingegen ultraschwerer, knirschender Doom, monoton, bedrohlich, verstörend und makaber. Spröde in allen Belangen, aber von wahrlich spröder Schönheit. Der Solopart auf tänzelndem Rhythmus ist kurz, wild und intensiv. Die Leadgitarre brennt so heiß, dass Dir die Haut vom Gesicht geschält wird. Wino erzählt mehr eine Geschichte von Lovecraftscher Tiefe, als dass er singen würde. Aber mit welch Inbrunst. Wow…

´Wellspring Dark Sunshine´ ist ein weiterer spröder und schroffer Doomkracher, meist im Mid Tempo, schön düster und makaber. Die Leadgitarre explodiert im kurzen Solopart aus der knirschenden und brodelnden Riffursuppe heraus, lässt ihre Höhepunkte immer wieder von Gesangspassagen unterbrechen. Dann kriecht der Song eine Weile und verabschiedet sich tänzelnd.

´Jailine´ ist flott und cool, ein erdiger Hardrocker mit sexy sleazigen Gesangslinien. Hier könnten THE OBSESSED einen echten Livekracher geschaffen haben. So urtraditionell die Band hier auch agiert, irgendwie hat die Nummer einen eigenen Kopf und Hymnen Charakter, gerade auch durch die coolen Backingvocals im hinteren Refrain.

Nach dem eher leichtfüßig wirkenden Gitarrenspiel am Anfang von ´Yen Sleep´ erwartet man eigentlich keinen so düsteren Doomfuzz. Bekommt man aber. Und das entfesselte Solo im besten Wino-Stil gibt es dazu.

Aber die Platte ist versöhnlich mit der Welt. ´Lucky Free Nice Machine´ beschließt das Album dann tatsächlich mit über den Dingen schwebenden, optimistisch wirkenden Gitarrenläufen. Ein schönes, kurzes Instrumental zum Abschied. Damit sagen uns THE OBSESSED „goodbye“ bis zum nächsten Mal und versprechen uns eine Menge Freude.

Letztere haben wir jetzt schon am unprogressiven, althergebrachten und konservativen Doom und Heavy Rock der Amis.

Sie punkten durch ein allgemein gutes Werk, welches sich sogar 40 Jahre später mit dem kultigen Debüt messen kann. Ich weiß, es erschien erst vor 34 Jahren, wurde aber bereits 1984 aufgenommen. THE OBSESSED sind spröder, schroffer und schnodderiger denn je und ihr Doom ist so kauzig und eigensinnig wie noch nie.

Rednecks auf Mopeds of Doom in ihrer Wüstenhütte mit Tankstelle und Saloon sind mein Bild vor Augen beim Anhören des Albums.

(Satte 9 Punkte)

 

https://facebook.com/TheObsessedOfficial


(VÖ: 16.02.23)