
JOHNNY CASH – Johnny Cash With His Hot And Blue Guitar!
1957/2026 (Sun/Intervention Records) - Stil: Rock, Folk & Country
Mit ´Johnny Cash With His Hot And Blue Guitar!´ veröffentlicht Johnny Cash im Jahre 1957 ein Debütalbum, das heute zu den Grundsteinen der US-amerikanischen Popmusik gehört. Die Platte erscheint beim legendären Label “Sun Records” und trägt bereits all jene Elemente in sich, die den jungen Sänger bald zu einer der markantesten Stimmen der amerikanischen Musik machen sollten: Country, Folk, Gospel und früher Rockabilly verschmelzen zu einem Stil, der schlicht wirkt und doch sofort wiederzuerkennen ist.
Die Besetzung bleibt bewusst auf das Wesentliche reduziert. Neben Johnny Cashs tiefer Stimme erklingen lediglich die elektrische Gitarre von Luther Perkins und der Kontrabass von Marshall Grant. Gemeinsam sind sie auch unter dem Namen THE TENNESSEE TWO bekannt. Schlagzeug gibt es keines. Stattdessen entsteht dieser berühmte Boom-Chicka-Boom-Rhythmus, der später zum Markenzeichen wird. Kurze, präzise Gitarrenschläge von Luther Perkins treffen auf den gleichmäßig gezupften Bass von Marshall Grant, während Johnny Cash auf der Akustikgitarre das Fundament legt.
Dass dieses Album überhaupt zustande kam, ist einer kleinen Episode aus den Anfangstagen von “Sun Records” zu verdanken. Als Johnny Cash 1955 erstmals bei dem Label vorsingt, bringt er ausschließlich Gospelstücke mit. Produzent Sam Phillips bleibt skeptisch und empfiehlt ihm, mit eigenen Songs zurückzukehren. Wenig später steht Johnny Cash wieder im Studio – diesmal mit neuem Material. Einer dieser Songs trägt den Titel ´Cry! Cry! Cry!´ und entwickelt sich rasch zu seiner ersten erfolgreichen Single.

Der Einstieg gelingt mit ´Rock Island Line´, einem schnellen Railroad-Song aus der amerikanischen Folküberlieferung. Johnny Cash erzählt zunächst im gesprochenen Ton von einem Lokführer, der einen Mautwärter überlistet. Sobald der dynamische Song immer mehr an Fahrt aufnimmt, klingt die Musik, als würde der Zug selbst über die Schienen donnern.
Mit ´I Heard That Lonesome Whistle´ von Jimmie Davis und Hank Williams wird Einsamkeit und Sehnsucht melancholisch vermittelt. Ein Gefangener sitzt in seiner Zelle und hört draußen das Pfeifen eines vorbeifahrenden Zuges. Johnny Cash singt diese Geschichte ruhig und beinahe stoisch. Gerade diese Zurückhaltung lässt die Einsamkeit, vor der man nicht weglaufen soll, umso stärker wirken.
´Country Boy´ bringt danach eine leichtere Szenerie ins Spiel. Der Song beschreibt das einfache und sorglose Leben auf dem Land – Arbeit auf den Feldern, Angeln am Bach und am Abend vielleicht frisch gebratener Fisch aus der Pfanne. Johnny Cash erzählt dies wie eine Liebeserklärung, die dem Stück eine sympathische Leichtigkeit gibt.
In ´If The Good Lord’s Willing´ entsteht das Bild eines Mannes, der zunächst seine tägliche Arbeit erledigt, bevor er sich geschniegelt auf den Weg zu seiner Geliebten macht. Tiere versorgen, Holz hacken, den besten Anzug anziehen – und dann optimistisch sein, auf das Schicksal vertrauen, dass nichts dazwischenkommt.
Mit ´Cry! Cry! Cry!´ folgt einer der frühen Hits des Albums. Der Song erzählt im flotten Tempo von einer Beziehung voller Ausflüchte und Lügen. Johnny Cash bleibt dabei erstaunlich gelassen und sagt seiner ehemaligen Partnerin voraus, dass sie eines Tages selbst mit den Folgen leben muss.
´Remember Me´ wirkt nach den vorangegangenen Liedern, zum Abschluss der A-Seite des Vinyls, wie ein ruhiger Gegenpol. Die Ballade von Stuart Hamblen stellt Johnny Cashs Stimme in den Mittelpunkt. Der Sänger verspricht darin Treue, auch wenn sich die Welt einmal gegen den geliebten Menschen wenden sollte.
´So Doggone Lonesome´ greift zu Beginn der B-Seite mitsamt dem Boom-Chicka-Boom-Rhythmus erneut das Thema der Einsamkeit auf. Der Protagonist versucht, im Alltag Haltung zu bewahren. Doch sobald der Abend kommt, kehrt die Erinnerung an eine verlorene Liebe zurück. Johnny Cash bringt diese Geschichte mit einem feinen Gespür für Ironie und Schmerz zugleich.
Mit ´I Was There When It Happened´ taucht doch noch ein deutlicher Gospelmoment auf. Johnny Cash singt von einer persönlichen religiösen Erfahrung und von der Gewissheit, die daraus entsteht. Der Song wirkt schlicht, fast wie ein traditionelles Kirchenlied aus dem Süden.
Der bekannteste Titel des Albums ist ohne Zweifel ´I Walk The Line´. Der Song nutzt eine ungewöhnliche Akkordfolge und wechselt zwischen den Strophen ständig die Tonart. Zu Beginn jeder Strophe summt Johnny Cash die Tonhöhe kurz an, um die richtige Tonhöhe für den nächsten Tonartwechsel zu finden, bevor er weitersingt. Inhaltlich geht es um Treue und Selbstkontrolle – ein Mann hält sich an seine Versprechen, weil ihm die geliebte Frau alles bedeutet.
´The Wreck Of Old ’97´ greift eine reale Eisenbahnkatastrophe aus dem Jahr 1903 auf. Johnny Cash erzählt die Geschichte eines Lokführers, der versucht, die Verspätung seines Zuges, des Postzuges “Old 97” der Southern Railway, mit überhöhter Geschwindigkeit aufzuholen und dabei in einer Kurve die Kontrolle verliert. Die Musik läuft in einem immer zügigeren Tempo, als würde der Zug selbst die Strecke hinabjagen.
Mit ´Folsom Prison Blues´ erscheint schließlich einer der berühmtesten Songs von Johnny Cash, geschrieben während er in Deutschland als Soldat stationiert war. Ein Gefangener sitzt in seiner Zelle und hört den Zug vorbeifahren, während draußen Reisende in komfortablen Waggons speisen und rauchen, inspiriert durch den Film “Inside the Walls of Folsom Prison”. Der düstere Vers über den Mord in Reno verleiht dem Stück seine unverwechselbare Schärfe, und ein unter seine Gitarrensaiten geklemmtes Dollarstück imitierte, aufgrund des fehlenden Schlagzeugs, beim Schlagen den rasselnden Snare-Sound.
Den Abschluss bildet ´Doin’ My Time´. Wieder steht ein Gefangener im Mittelpunkt. Er arbeitet in einer Strafkolonie unter harter Aufsicht und zählt die Tage bis zur Entlassung, während seine Gedanken immer wieder zu der Frau wandern, die draußen auf ihn wartet.

Schon dieses erste Album zeigt erstaunlich deutlich, welche Themen Johnny Cash später immer wieder aufgreifen wird: Gefängnisgeschichten, verlorene Liebe, Glauben, einfache Menschen aus dem amerikanischen Süden – perfekt für Johnny Cashs „Outlaw“-Image. Die Musik bleibt dabei bewusst reduziert, wodurch jede Geschichte direkt beim Hörer ankommt.
Die 2026 veröffentlichte Neuauflage von “Intervention Records” in Zusammenarbeit mit “Sun Records” bringt diese Aufnahmen klanglich noch einmal eindrucksvoll zur Geltung. Für diese Edition wurden analoge Masterbänder aus den Sun-Archiven neu zusammengestellt. Das Mastering übernahm Kevin Gray bei “Cohearent Audio”, geschnitten auf 45-RPM-Vinyl.
Die Pressung klingt erstaunlich präsent. Johnny Cashs Stimme steht klar im Vordergrund, während Gitarre und Kontrabass eng miteinander verbunden bleiben. Der typische Slapback-Echo des Sun-Studios verleiht dem Gesang diese leicht hallende, fast schwebende Wirkung, die sofort an die frühen Tage des Rockabilly erinnert. Gepresst wurde das Vinyl bei “Gotta Groove Records”, deren saubere Verarbeitung für eine sehr ruhige Wiedergabe sorgt.
Auch nach vielen Jahrzehnten wirkt ´Johnny Cash With His Hot And Blue Guitar!´ erstaunlich lebendig. Es ist das Werk eines Künstlers, dessen Stimme und Persönlichkeit bereits in jungen Jahren eine außergewöhnliche Reife erkennen lassen. Als erstes Full-Length-Album auf Sam Phillips’ legendärem Label “Sun Records” setzte es Maßstäbe für den aufkommenden Rockabilly- und Country-Sound und legte den Grundstein für den ikonischen „Man in Black“. Die 2026er Vinyl-Neuauflage bringt die Energie des Originals zurück und lässt jedes Stück so lebendig wirken wie bei der Aufnahme 1957.
(9,5 Punkte)



