
CHET BAKER – Chet Baker In New York
1959/2026 (Analogue Productions/Riverside Records) - Stil: Jazz
Als Chet Baker 1958 für “Riverside Records” ´Chet Baker In New York´ einspielte, war er längst das Gesicht des West Coast Jazz. Der schlanke, fast zerbrechlich wirkende Ton, die lyrische Phrasierung, der Mythos des „Prince of Cool“.
In New York traf er auf ein anderes Klima. Johnny Griffin am Tenorsaxofon, Al Haig am Klavier, Paul Chambers am Bass und Philly Joe Jones am Schlagzeug bildeten eine Rhythmusfront, die aus dem innersten Kern der Miles-Davis-Ära stammte. Hier ging es um Tempo, Präzision und Durchsetzungskraft. Chet Baker stellte sich dem mit klarem Blick und festem Ansatz.

´Fair Weather´ von Benny Golson eröffnet das Album im mittlerem Swing. Tenorsaxophonist Johnny Griffin setzt mit einem kernigen Ton ein deutliches Zeichen, während Schlagzeuger Philly Joe Jones das Stück mit trockenen Wirbeln antreibt. Chet Baker steigt mit seiner Trompete ein, phrasiert geschmeidig, zieht seine Töne lang und formt daraus ein Solo, das Eleganz mit urbaner Schärfe verbindet. Paul Chambers legt einen federnden Basslauf darunter, Al Haig steuert flüssige, bluesige Akkorde am Piano bei. Das Quintett spielt fokussiert, kompakt, ohne Zierde.
´Polka Dots And Moonbeams´ ist die große Ballade des Albums. Chet Baker formt jede Phrase mit leiser Intensität, fast vibratolos, die Trompete klingt wohlig weich. Sein gesangliches Trompeten-Spiel tritt in den Vordergrund. Al Haig untermalt das Stück am Piano mit zurückhaltenden Harmonien, Paul Chambers fungiert als ruhender Pol im rhythmischen Gefüge, Philly Joe Jones streicht mit Besen über die Felle. In dieser klassischen Jazz-Ballade, die in dieser Fassung zeitlos wirkt, zeigt sich Chet Bakers Gespür für Melodie.
Mit ´Hotel 49´ von Owen Marshall wird die Stimmung heißblütig. Uptempo, klarer Hard-Bop, Chet Baker legt ein energisches Solo hin, schnell und druckvoll. Johnny Griffin bildet mit seinem Tenorsaxophon den kraftvollen Gegenpol. Philly Joe Jones treibt das Ensemble mit aggressiven Snare-Schlägen voran. Al Haig belegt mit einem melodischen Piano-Solo den Mittelpart des fast zehnminütigen Stückes. Paul Chambers wechselt im Verlauf zum gestrichenen Bass und bringt ein markantes Solo ein, dunkel und resonant. Philly Joe Jones hält mit einem furiosen und langen Schlagzeugsolo dagegen. Ein echtes Bop-Vehikel.
´Solar´, damals eng mit Miles Davis verbunden, gerät zu einer echten Studie in moderner Coolness. Die Melodie wird sachlich vorgestellt, dann öffnet sich das Stück für improvisierte Passagen. Die Rhythmusgruppe Paul Chambers und Philly Joe Jones, beide seinerzeit Mitglied bei Miles Davis, arbeitet mit synkopierten Akzenten. Al Haig liefert ein technisch versiertes Piano-Solo, die Trompete von Chet Baker bleibt kontrolliert, beinahe kühl, und entwickelt gerade dadurch Spannung. So vereint sich das “Cool Jazz”-Feeling von Chet Baker und die “Hard Bop”-Energie der New Yorker in dieser Komposition besonders fruchtbar.
´Blue Thoughts´ führt wieder zu Autor Benny Golson zurück. Das Thema ist bluesgetränkt, leicht melancholisch. Chet Baker setzt umgehend den blauen Ton. Johnny Griffin antwortet zurückhaltend und bluesig, mit einem besonders gefühvollen Solo. Al Haig glänzt mit perlenden Läufen, während die Rhythmusgruppe einen stabilen Grund ebnet, der das Stück erdet. Der dabei zu Tage tretende Kontrast zwischen lyrischem Trompetenton und kraftvollem Tenor, schärft das Albumprofil.
Zum Abschluss swingt ´When Lights Are Low´ beschwingt und konzentriert. Die Formation bleibt diszipliniert, vermeidet Effekte und setzt auf sauberes Zusammenspiel. Chet Baker bleibt seinem lyrischen Stil treu, spielt allerdings mit einem deutlich selbstbewussteren Ton als in früheren Jahren. Philly Joe Jones strahlt eine unglaubliche Leichtigkeit und Eleganz aus, derweil Paul Chambers Chet Baker den nötigen Raum für seine melodischen Einfäll verschafft und den Song mit seinem “Walking Bass”-Fundament stabil hält. Ein eleganter Ausklang mit klarer Kontur.

´Chet Baker In New York´ markiert einen entscheidenden Moment. Chet Baker beweist hier, dass er im Hard-Bop-Umfeld bestehen kann, ohne seine Identität aufzugeben. Das Album wirkt geschlossen und fokussiert, getragen von einer Rhythmusgruppe auf höchstem Niveau.
Audiophil betrachtet zählt diese Aufnahme zu den stärksten “Riverside”-Produktionen ihrer Zeit. Die “Craft”-Pressung von 2021, komplett analog von Kevin Gray gemastert und bei RTI gepresst, liefert ein ausgewogenes Klangbild. Die Trompete steht präsent im Stereobild.
Die “Analogue Productions” 45-RPM-Edition von 2026, ebenfalls von Kevin Gray geschnitten, legt in der Feinzeichnung minimal zu. Auf einfachen Setups wirkt sie etwas sauberer. Wer maximale Detailtreue sucht und häufig wechselt, greift zur 45er. Wer ein ausgereiftes Setup besitzt, bekommt mit der “Craft”-Ausgabe bereits eine Referenzpressung.
So bleibt ´Chet Baker In New York´ ein urbanes Statement eines Künstlers auf dem Sprung, fest verankert zwischen Cool Jazz und Hard Bop, eingefangen in einer Aufnahme, die bis heute Maßstäbe setzt.
Analogue Productions APJ 206-45, Teil der Fantasy 45 Series, Doppel-LP 2 x 12″ Vinyl, 45 RPM, Limited Edition, Reissue, Remastered, Repress, Stereo, 180-Gramm-Vinyl, gemastert von Kevin Gray und Steve Hoffman bei Acoustech Mastering, gepresst bei Quality Record Pressings, Stoughton Printing Old Style Tip-On Gatefold-Cover mit kratzfester matter Oberfläche, USA, veröffentlicht Januar 2026, Genre Jazz, Stil Swing und Cool Jazz.
Chet Baker – Trompete
Johnny Griffin – Tenorsaxophon (Titel 1, 3 & 5)
Al Haig – Klavier
Paul Chambers – Bass
Philly Joe Jones – Schlagzeug



