MeilensteineVergessene Juwelen

LITTLE FEAT – Waiting For Columbus

1978/2022 (Warner Records) - Stil: Jazz, Rock, Funk, Soul, Blues

Jeder kennt LITTLE FEAT als die unbestrittenen Giganten des amerikanischen Southern Rock. Gegründet Anfang der Siebzigerjahre um Lowell George, Bill Payne, Paul Barrère, Sam Clayton, Kenny Gradney und Richard Hayward, einten sie Rock, Funk, Blues sowie Jazz zu einem unverwechselbaren Sound, der virtuos als auch tief verankert in den Wurzeln amerikanischer Musik ist. Mit ´Dixie Chicken´ zeigten sie, dass sie Hits schreiben können. Doch erst das Live-Album ´Waiting For Columbus´ brachte das volle Potenzial der Band zur Geltung. Es machte deutlich, warum LITTLE FEAT nicht nur als außerordentliche Musiker, sondern als echte Institution gelten.

Die Aufnahmen für dieses erste Live-Album entstanden über sieben Nächte im Sommer 1977. Sie zeigten eindrucksvoll, wie ausgereift die damalige Live-Aufnahmetechnik bereits war. LITTLE FEAT spielten auf der Bühne wie entfesselt, viermal im legendären „Rainbow Theatre“ in London und dreimal im „Lisner Auditorium“ in Washington, unterstützt von der TOWER OF POWER-Horn Section, deren messerscharfe Bläserattacken Songs wie ´Spanish Moon´ und ´Dixie Chicken´ zu regelrechten Funk-Stürmen emporhoben.

Zwischen dem stimmgewaltigen A-cappella-Intro ´Join The Band´ und dem kraftvollen ´Fat Man In The Bathtub´ ergab sich jener ikonische Moment, als der Radiomoderator Don „Cerphe“ Colwell die Menge animierte, „F-E-A-T“ zu buchstabieren, und die Halle in kollektiven Jubel ausbrach – das Publikum wurde Teil der Show, und dieser Augenblick blieb unvergesslich.

Später wurden die Aufnahmen im Studio behutsam überarbeitet, wobei Lowell George Gesang und Gitarrenpassagen verfeinerte. So entstand ein Album, das die rohe Energie der Bühne einfing und zugleich die Präzision und Detailfülle einer meisterhaften Studioproduktion besaß, in vielen Momenten sogar druckvoller als die eigenen Studioaufnahmen – ein Kunststück, das bis heute beeindruckt.

Das Album eröffnet mit dem A-cappella-Intro ´Join The Band´, das den Raum der Backstage-Mikrofone wie ein heimliches Versprechen füllt, bevor ´Fat Man In The Bathtub´ mit funkigem Schwung die Band in Hochform präsentiert. ´All That You Dream´ und ´Oh Atlanta´ entfalten ihre melodische Kraft, getragen von Paul Barrères klarer Stimme und Bill Paynes spritzigem Piano.

´Old Folks’ Boogie´ bringt die Band in eine heitere, swingende Groove-Phase, während ´Time Loves A Hero´ und ´Day Or Night´ den jazzigen Anspruch der Gruppe hörbar ausloten. ´Mercenary Territory´ zeigt Sänger Lowell George in emotionaler Höchstform, neben Gitarre und Saxophon, die wie gegensätzliche Stimmen in einem Dialog stehen.

´Spanish Moon´ explodiert im vollen Horn-Arrangement der TOWER OF POWER, treibend, polyrhythmisch und unaufhaltsam, und zeigt auf, weshalb die Live-Situation gegenüber den Studioaufnahmen überlegen ist, durch mehr Raum und Freiheit, die sich auf Dynamik und Groove übertragen. ´Dixie Chicken´ ist ein epischer Track, der mit Bill Paynes ausgedehntem Piano-Solo beginnt, über ein Dixieland-Horn-Arrangement zu einem dualen Gitarrenjam zwischen Lowell George und Paul Barrère führt, und die Band in einen ekstatischen Groove treibt, der das Publikum aufstachelt.

´Tripe Face Boogie´ prescht danach wie ein schneller Rock-Kracher voran, gefolgt von dem trockenen Funk von ´Rocket In My Pocket´. ´Willin’´ entfaltet seine hymnische Country-Rock-Melancholie, bei der die Menge immer wieder mitsingt, und ´A Apolitical Blues´ erhält durch Mick Taylors Slide-Gitarre eine unverwechselbare, dreckige Note. Das Album schließt mit ´Feats Don’t Fail Me Now´, einem ekstatischen Finale, das alle Kräfte und die Virtuosität der Band bündelt.

Die Entstehung von ´Waiting For Columbus´ erzählt ebenfalls Geschichten hinter den Kulissen. Lowell George und die Band verfeinerten die Tracks nachträglich im Studio, wodurch die Aufnahme ein Gleichgewicht zwischen roher Live-Energie und polierter Klangpräzision erreichte. Die ursprüngliche Setlist war so umfangreich, dass genug Material für ein Dreifach-Album aufgenommen wurde, doch aus Marketinggründen entschied man sich für eine Doppel-LP. Einige der ausgelassenen Tracks erschienen erst Jahre später auf ´Hoy-Hoy!´ oder den Deluxe-Editionen. Technisch setzte die Band auf mobile Studios, in London den “Manor Mobile Truck” von “Virgin und in Washington D.C. “Fedco Audio Labs”, um die atmosphärische Kraft der Hallen und die Interaktion mit dem Publikum einzufangen. Die Mischung aus präziser Mikrofonierung, Raumaufnahmen und späterem Mastering erlaubte es, dass jedes Instrument perfekt herausgearbeitet wurde, ohne die Spontanität zu verlieren.

Audiophile kommen besonders bei der 2022er Vinyl-Edition auf ihre Kosten. Bernie Grundman masterte direkt von den Original-Analogbändern und schuf einen Mix, der klarer und definierter wirkt als jede frühere Pressung. Die Instrumente stehen hier präzise im Raum. Das schwere 180g-Doppel-Vinyl garantiert eine laufruhige Wiedergabe, während das Gatefold-Cover und die farblich brillanten Neon Park-Motive die visuelle Seite der Magie transportieren. Wer die “MoFi”-Pressungen kennt, weiß deren Wärme zu schätzen; die 2022er Vinyl-Edition liefert hingegen Authentizität, Präzision und ein modernes Klanggefühl, das den Live-Moment nahezu greifbar macht.

´Waiting For Columbus´ ist ein Klassiker in jeder Hinsicht. Das Album zeigt LITTLE FEAT auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Gleichzeitig fängt es die Magie ihrer Bühnenpräsenz ein und verbindet den rauen Groove des Southern Rock mit Funk, Blues und jazzigen Feinheiten. Die Band demonstriert die perfekte Balance zwischen präziser Musikalität, spontaner Improvisation als auch dem ikonischem Zusammenspiel mit der TOWER OF POWER-Horn Section. Songs wie ´Dixie Chicken´ oder ´Willin’´ werden durch diese Live-Versionen neu definiert, und die Aufnahmen beweisen, warum LITTLE FEAT als Institution gelten. ´Waiting For Columbus´ bleibt ein zeitloses, monumentales Live-Dokument, das rohe Energie und technische Brillanz vereint, Maßstäbe sprengt und zeigt, warum LITTLE FEAT auf ewig zu den unangefochtenen Giganten des Southern Rock gehören.

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