
THE HIRSCH EFFEKT – Der Brauch
2026 (Long Branch Records / OPEN / The Orchard) - Stil: Progressive Metal, Artcore
Sechzehn Jahre Bandgeschichte, sechs Alben, unzählige Konzerte – und plötzlich steht alles auf dem Prüfstand. Noch vor fünf Jahren schien die Welt für viele Bands kurz stillzustehen, doch für Nils Wittrock fühlte sich diese Zeit wie ein tiefer Einschnitt an. Gerade als THE HIRSCH EFFEKT nach ´Urian´ bereit schienen, den nächsten Schritt zu gehen, brach die Realität ein. Tourneen und Perspektiven verschwanden, und mit ihnen wuchs die Frage, wohin dieser Weg eigentlich noch führen sollte. Aus dieser Phase des Zweifelns entstand zunächst ein Buch, eine sehr persönliche Bestandsaufnahme über Familie, Bandleben und die ernüchternde Erkenntnis, dass Leidenschaft allein selten eine sichere Zukunft garantiert. Kurz darauf begann im Proberaum der Band ein zweiter, noch intensiverer Prozess. Allein zwischen Verstärkern, Gitarren und einem kaum beheizten Raum schrieb Nils Wittrock neue Musik. Sieben Stücke entstanden in dieser Zeit, roh und so persönlich wie noch nie zuvor. Daraus entwickelte sich schließlich ´Der Brauch´, das siebte Album von THE HIRSCH EFFEKT.
Die Platte wirkt dementsprechend konzentrierter als viele ihrer Vorgänger. Moritz Schmidt stößt erst später zum Schreibprozess hinzu, Ilja John Lappin bringt mit Bass und Cello zusätzliche Farben ein, doch das Fundament stammt klar aus der Feder von Nils Wittrock. Die Themen sind persönlicher geworden. Zweifel, Müdigkeit, Selbstbefragung und der Versuch, aus all dem wieder Kraft zu ziehen, bestimmen die Richtung. Gleichzeitig bleibt der unverwechselbare Stil der Band erhalten. Progressive Metal, Artcore, Indie-Anklänge und klassische Einflüsse greifen ineinander, während komplexe Rhythmen und plötzliche Ausbrüche weiterhin zum Markenzeichen gehören. Dennoch wirkt vieles fokussierter. Das Cello erhält mehr Raum, akustische Gitarren tauchen häufiger auf, und wenn Moritz Schmidt mit Blastbeats oder Raserei eingreift, treffen diese Momente mit voller Wucht.
Schon der eröffnende Titeltrack ´Der Brauch´ führt in diese neue Bandphase. Eine gezupfte Akustikgitarre eröffnet ruhig, bevor sich der Song langsam steigert. Nils Wittrocks Stimme klingt zunächst zurückgenommen, dann brechen exzentrische Gesangslinien hervor, während die Band mit vertrackten Rhythmuswechseln Spannung aufbaut. Aus der anfänglichen Ruhe entwickelt sich ein dramatischer Progressive Metal-Song, der die Unsicherheit der Texte musikalisch widerspiegelt.
´Der Faden´ setzt anschließend einen eher melancholischen Ton. Das Stück beginnt vorsichtig, mit schwebenden Gitarren und einem zurückhaltenden Rhythmus, steigert sich jedoch Schritt für Schritt. Aus der introvertierten Anfangsstimmung wächst ein kraftvoller Post Metal-Song, der immer mehr Druck aufbaut. Moritz Schmidt treibt das Stück mit schweren Grooves voran, während Nils Wittrock die existenziellen Fragen des Textes fast beschwörend formuliert.
´Das Seil´ knüpft direkt daran an, sowohl thematisch als auch musikalisch. Die Gitarren kreisen zunächst um ein markantes Motiv, bevor der Song an Intensität gewinnt. Zwischendurch öffnet sich die Harmonik überraschend in eine hellere Klangfarbe, ehe das Finale wieder in dunklere Regionen zurückführt. Der Aufbau wirkt fast wie ein Balanceakt über einem Abgrund, passend zur Geschichte über Selbstbild und Geheimnisse.
Mit ´Brauch Reprise´ folgt ein kurzes instrumentales Interlude. Klassische Gitarren stehen im Mittelpunkt, greifen Motive der ersten Songs auf und verbinden sie miteinander. Das Stück wirkt wie ein kurzer Moment der Sammlung, bevor das Album in seine zweite Hälfte übergeht. In dieser folgt ´Der Doppelgänger´. Das Stück beginnt beinahe bluesrockig, doch im Verlauf wächst die Spannung. Ein mehrstimmiger Chorsatz, ein aggressiver Hardcore-Part und schnelle Sechzehntel-Riffs treiben den Song in ein rasendes Finale, während der Text den inneren Monolog eines Menschen beschreibt, der sich selbst gegenübersteht.
´Die Lüge´ richtet den Blick anschließend auf die Welt sozialer Medien. Der Song läuft größtenteils unruhig, in einem ungeraden 5/8-Takt. Die Gitarren bewegen sich zwischen scharfen Riffs und dissonanten Akkorden, während Nils Wittrock die permanente Selbstinszenierung mit ironischer Schärfe kommentiert. Nach dieser Schwere wirkt ´Die Brücke´ beinahe wie ein stiller Moment. Das Stück erzählt von zwei Menschen nach einem langen Tag, von Müdigkeit, Verantwortung und kleinen Gesprächen zwischen Tür und Angel. Musikalisch bleibt es melodischer und zugänglicher, erinnert stellenweise an melodischen Alternative Rock.
´Das Nachsehen´ bringt die Spannung in Strahlkraft zurück. Polyrhythmische Riffs treffen auf eine dunkle Grundstimmung. Der Song wirkt wie ein aufgestauter Konflikt. Das Thema Kommunikationslosigkeit zieht sich durch jede Zeile, während Moritz Schmidt mit präzisen Breaks und schnellen Wechseln das Stück immer weiter antreibt. Am Ende steht ´Die Heimkehr´, intim, fast wie eine akustische Ballade. Gesang und Gitarre stehen zunächst allein im Raum, später kommen Mellotron-Klänge und Streicher hinzu. Das Stück wächst langsam zu einem großartigen Finale. Gegen Ende wird die Band noch einmal lauter, doch im Mittelpunkt stehen nun Streicher und eine melancholische Melodie, die das Album mit einem nachdenklichen Abschluss beendet.
Mit ´Der Brauch´ öffnen THE HIRSCH EFFEKT ein neues Kapitel. Die Platte wirkt persönlicher und gleichzeitig vielseitig. Blastbeats und Mathcore-Passagen sind weiterhin vorhanden, doch sie stehen nicht mehr allein im Mittelpunkt. Stattdessen entsteht ein Werk, das Progressive Metal, Artcore, klassische Instrumente und introspektive Themen miteinander verbindet. Die Band klingt reflektierter und dennoch voller Energie. Aus Zweifeln ist ein Album entstanden, das genau deshalb so überzeugend wirkt, weil es nichts beschönigt. Hier schreibt eine Band über ihr eigenes Leben – ehrlich, kompromisslos und musikalisch so mutig wie eh und je.
(8,5 Punkte)



