PlattenkritikenPressfrisch

NO-MAN – Loveblows & Lovecries – A Confession

1993/2026 (One Little Independent Reecords) - Stil: Electronic, Pop

Mit ´Loveblows & Lovecries – A Confession´ veröffentlichten NO-MAN 1993 ein Debüt, das den Nerv seiner Zeit traf und zugleich weit darüber hinauswies. Tim Bowness und Steven Wilson verbanden Art-Pop, Trip-Hop, Ambient und anspruchsvolle Songdramaturgie zu einem Werk, das ebenso clubtauglich wie introvertiert wirkt. Die Beats tragen deutlich die Handschrift der frühen Neunziger, doch die Eleganz der Arrangements hebt das Album über bloße Zeitkoloratur hinaus.

Das kurze Intro ´Loveblow´ eröffnet wie eine kammermusikalische Ouvertüre. Streicher, programmiertes Schlagwerk und schwebende Harmonien stimmen auf eine Platte ein, die Emotion und Rhythmus eng verzahnt. ´Only Baby´ steigt mit einem federnden Beat und einer warm rollenden Bassfigur ein, darüber legt sich ein Refrain, der epische Größe andeutet und zugleich subtil progressive Akzente setzt. Tim Bowness singt beinahe flüsternd, mit jener eleganten Melancholie, die an David Sylvian denken lässt. Steven Wilson rahmt das Ganze mit schimmernden Synthesizern und fein gesetzten Gitarrenlinien, die dem Song zusätzlichen Glanz verleihen.

´Housekeeping´ entfaltet sich erst sphärisch, dann als zurückgenommene Pop-Ballade mit sanftem, mitreißendem Beat und weicher Violine von Ben Coleman. Der Song kreist im ergreifenden Gesang um intime Alltagsbilder, um Nähe und Entfremdung in privaten Momenten. Mit ´Sweetheart Raw´ erreicht das Album einen ersten Höhepunkt. Mick Karn steuert einen markanten Fretless-Bass bei, Steve Jansen und Richard Barbieri bringen das Erbe von JAPAN ein. Der Groove ist geschmeidig, die Strophe gesprochen, der Refrain hell leuchtend, und gegen Ende setzt Steven Wilson zu einem eleganten, leicht verzerrten Gitarrensolo an, das dem Song eine rockige Spitze verleiht.

´Lovecry´ steigert zum Abschluss der A-Seite die emotionale Intensität. Ein treibender Beat, verhallte Keyboards und eine sehnsüchtige Gesangslinie formen eine traurig-düstere Hymne über seelische Erschütterung. ´Tulip´ wirkt dagegen zur Einleitung von Seite B fast minimalistisch, mit einer Melodie, die sich langsam entfaltet, bevor sie in einen eleganten Refrain mündet. Allein der Rhythmus lässt von Beginn an nicht mehr ab.

´Break Heaven´ verbindet tanzbare Elektronik mit dramatischer Zuspitzung. Die Produktion bleibt klar, jeder Synth-Akkord sitzt präzise, der Bass setzt obendrein funky Akzente, am Ende sogar noch die Tasten. ´Beautiful And Cruel´ führt als nächster großer Höhepunkt diesen Ansatz im schweren Beat fort, eine bittersüße Pop-Perle mit melancholischem Unterton und starkem Hook.

´Painting Paradise´ weitet den Blick. Über sieben Minuten entfaltet sich ein epischer Pop-Song mit cineastischer Steigerung und einem Violinen-Solo. Gitarren und Keyboards schichten sich übereinander, während Tim Bowness urbane Verlorenheit besingt. Das abschließende ´Heaven’s Break´ greift Motive des Openers auf und beschließt das Album mit ruhiger Geste.

Die Zusammenarbeit von Tim Bowness, Steven Wilson und Ben Coleman verleiht dem Werk seine charakteristische Handschrift. Gastbeiträge von Richard Barbieri, Mick Karn und Steve Jansen vertiefen die klangliche Farbpalette. Die 30th Anniversary Edition mit dem von Steven Wilson 2023 überarbeiteten Remaster präsentiert die Songs in klarer, detailreicher Klangqualität und unterstreicht die bleibende Relevanz dieses Albums.

´Loveblows & Lovecries – A Confession´ ist ein stilprägendes Dokument britischer Art-Pop-Kultur der frühen Neunziger. NO-MAN formulieren hier eine ästhetische Vision, die elektronische Beats, introspektive Lyrik und progressive Sensibilität selbstverständlich zusammenführt. Ein Debüt von seltener Geschlossenheit und zeitloser Eleganz.

https://www.facebook.com/nomanofficial

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"