
ENCHANTER – Defenders Of The Realm
2008/2026 (Arkeyn Steel Records) - Stil: Epic/Power Metal
Manche Bands hinterlassen kein umfangreiches Werk, sondern ein Vermächtnis. ENCHANTER aus Jackson, Michigan gehören zu jener seltenen Garde amerikanischer Epic- und Power Metal-Formationen der späten Achtziger, die mit zwei Demos und einem letzten, unveröffentlichten Studiostück ein eigenes Kapitel im US Metal geschrieben haben.
Was 1988 mit dem Demo ´Defenders Of The Realm´ begann und 1989 mit dem Nachfolger ´Time Gone Past Nevermore´ fortgeführt wurde, erhält nun durch “Arkeyn Steel Records” eine würdige Neuauflage: 500 handnummerierte CDs, neu remastert von Kostas Scandalis in den “Infinity Studios”, mit überarbeitetem Booklet von Kostas Athanasoglou, vollständigen Texten und bislang ungesehenem Bildmaterial.
Im Zentrum stand stets Gitarrist James Shellberg, der hier seine weit gefasste Vorstellung von epischem Metal ausformulierte. Seine Musik trägt den Geist früher FATES WARNING in sich, besonders der Arch-Ära, kombiniert mit der heroischen Wucht von MANOWAR, der mystischen Schwärze von MANILLA ROAD und der kraftvollen Direktheit von OMEN. Brian David Osborne prägt den Bandsound mit einer hohen, schneidenden Stimme, die auch markerschütternde Schreie ausstoßen kann. Richard L. Copeland am Schlagzeug und Jimmy Delamater am Bass, denen diese Neuauflage gewidmet ist, bereiten den Boden für die Musik, während Harold LaRue an den Tasten und später Kelly Coleman zusätzliche Farben einbringen.

Der Opener ´Thor´ ist ein triumphaler Power-Kracher. Treibende Riffs, kraftvolles Schlagzeug und messerscharfe Gitarrenleads treiben die Hymne voran, während Brian David Osborne den Donnergott mit aufgerissener Stimme beschwört. Das ist hymnischer US Metal in Reinform, stolz, aufrecht, kompromisslos. Danach arbeitet ´Beckoned With A Call´ mit vertrackten Riffwechseln, dissonanten Akkorden sowie einer unheimlichen Akustikpassage im Mittelteil. Und nicht erst wenn Brian David Osborne die Zeilen in die Höhe treibt, zeigt sich der progressive Einschlag, der ENCHANTER von vielen Zeitgenossen abhob.
Der Titelsong ´Defenders Of The Realm´ ist eine klassische Metal-Hymne. ´Tomb Of The Unknown Soldier´ ist das längste Stück des ersten Demos und entfaltet sich über drei Etappen. Ein majestätischer Einstieg, ein erzählerischer Mittelteil mit Akustikgitarren und harmonischem Gesang, und ein energiegeladener Abschluss, in dem sich die Schreie von Brian David Osborne mit dem virtuosen Gitarrenspiel von James Shellberg vereinen, erzeugen eine dramatische Reise von Ruhe zu Sturm.
Das zweite Demo eröffnet mit ´Time Gone Past Nevermore´, einem komplexeren, technisch versierteren Stück. Die Struktur ist verschachtelt, der Gesang bewegt sich zwischen düsterer Beschwörung und triumphaler Steigerung. Hier rückt die Nähe zu FATES WARNING deutlich in den Vordergrund, ohne die eigene Identität preiszugeben. Die anschließende Neueinspielung von ´Beckoned With A Call´ wirkt durch den Einsatz von Synthesizern dichter und geschlossener.
´Keepers Of The Dawn´ verbindet mystische Akustikpassagen mit kraftvollen E-Gitarren. Der Song beginnt getragen, steigert sich in einen dynamischen Mittelteil und endet im beschleunigten Höhepunkt. Auch in ´Imaginary Throne´ zeigt sich mit dramatischen Wechseln, progressiver Struktur und orchestralen Leads noch einmal jene Balance aus Epik und technischer Finesse, die ENCHANTER auszeichnete.
´Intro´ leitet dann zu ´Ethereal Quarter´ über, dem letzten und nicht von den Demos bekannten ENCHANTER-Song von knapp sieben Minuten. Das Stück ist komplex, episch und emotional, verbindet ruhige, fast sphärische Passagen mit aufbrausenden Gitarren- und Schlagzeugmomenten. Dieser Abschluss zeigt ENCHANTER auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft, bevor sie sich unter dem Namen LONGINGS PAST neu formierten.
Für einen Moment scheint die Band an der Schwelle zu etwas Größerem zu stehen – zu einem Debütalbum, das nie kam. So bleibt nur ´Defenders Of The Realm´ als lebendiges Zeitdokument. Denn diese Sammlung zeigt eine Band im Werden, hungrig und ambitioniert. Sie dokumentiert eine Phase des US Metal, in der Epik, Progressive-Ansätze und rohe Energie noch selbstverständlich nebeneinanderstanden. Die Neuauflage von “Arkeyn Steel Records” verleiht diesem Vermächtnis den angemessenen Rahmen. Das Remaster bringt Transparenz in die Gitarren, verleiht dem Bass mehr Präsenz und lässt die Schlagzeugdynamik atmen, ohne den ursprünglichen Demo-Charakter zu glätten.
´Defenders Of The Realm´ ist kein glattpoliertes Klassiker-Album, sondern ein leidenschaftliches Zeugnis einer Szene, die von Idealismus und Vision lebte. Wer US Epic Metal jenseits der großen Namen sucht, findet hier ein ehrliches, kraftvolles Stück Geschichte.
(9 Punkte)



