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THE FREAK ACCIDENT – The Midnight Show

2026 (Nerve Center Recordings/ Nadine Records) - Stil: Punk Rock

Mit ´The Midnight Show´ legen THE FREAK ACCIDENT ein fünftes Studioalbum vor, das wie ein konzentrierter Befreiungsschlag wirkt. Die Band aus San Francisco, angeführt von Ralph Spight, flankiert von Henry Austin Lannan am Bass und Stark Raving Brad am Schlagzeug, bündelt hier all das, was diese Formation in den vergangenen Jahren aus dem Untergrund herauskatapultiert hat. ´The Midnight Show´ knüpft an ´Outer Space Is Boring´ an und geht doch hörbar weiter.

Schon das kurze, nur wenige Sekunden dauernde Intro ´The Midnight Show´ setzt einen schrägen Akzent. Ein verspieltes Café-Jazz-Motiv, leicht schief in den Akkorden, mit augenzwinkernder Varieté-Note, wirkt wie der Vorhang zu einer schummrigen Spätvorstellung. Dann bricht ´Don’t Blame Me´ los, ein kompakter Rock-Song mit deutlicher Neunziger-Note. Man hört den trockenen Anschlag einer Fender-Gitarre, die Akkorde klar geschlagen, dazu ein treibender Midtempo-Beat, der an die Power-Pop-Schule erinnert. Ralph Spight singt mit rauer Entschlossenheit von den Demütigungen eines Musikerlebens, von Proben in muffigen Kellern und von Abenden, an denen man als Letzter auf die Bühne muss.

´Fairy Tales´ verbindet geradlinigen Punk mit einem dünn schimmernden Synthesizer, der wie ein kaltes Licht über dem Riff liegt. Dann reißt plötzlich ein ausgedehntes Solo die Struktur auf, roh und laut, fast trotzig. Inhaltlich nimmt Ralph Spight religiöse Heilsversprechen auseinander, stellt Bilder von Engeln und Erlösung neben Alltagsfrust und Selbstzweifel, und tut das mit scharfem Witz.

Mit ´Catbird Seat´ folgt ein schneller, dreckiger Drei-Akkord-Kracher, der deutlich in Richtung späten Siebziger-Punk weist. Die Gitarren sägen metallisch, der Refrain kommt wie ein Ruf aus einem stickigen Club. ´I’m Still Here´ setzt auf einen schweren, fast hymnischen Rock-Groove. ´Busted Time Machine´ spielt mit Garage-Surf-Elementen, das Riff erinnert an alte Westküsten-Bands, nur dunkler und rauer produziert.

´I’ll Be Your Toilet´ beginnt wie ein harmloser Pop-Song, mit eingängigem Refrain und klarer Melodie, mündet jedoch in einem ausufernden Noise-Jam. ´Gill Transplant´ gehört zu den experimentelleren Momenten der Platte. Ein schleppender, schwerer Groove legt den Grundstein, doch zwischendurch tauchen schiefe Bläserfiguren auf, die dem Stück eine absurde Färbung geben.

´Down In The Dumps´ setzt auf dissonanten Swing, während der Gesang zwischen bitterem Humor und grantiger Schärfe schwankt. Hier blitzt eine bluesige Exzentrik auf, die an die Ränder amerikanischer Rockgeschichte erinnert. Den Abschluss bildet ´Mean Old World´, der schwerste Song des Albums. Ein massives Riff eröffnet, langsam und wuchtig, dann steigert sich das Stück in einen aggressiven Rock-Ausbruch. Ralph Spight singt mit heiserer Intensität über eine Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Thematisch wirkt ´The Midnight Show´ wie eine düstere Revue. Der Titel bezieht sich auf den internen Witz der Band, bei Konzerten stets als letzte aufzutreten, doch daraus wird ein größeres Bild: eine Endzeit-Show, in der Religion, Autoritarismus, Depression und digitale Hetze wie groteske Figuren aufmarschieren. Ralph Spight formuliert mit trockenem Spott, ohne erhobenen Zeigefinger.

Musikalisch zeigt sich das Trio geschlossen und entschlossen. ´The Midnight Show´ ist ein vielschichtiges Werk, das Punk Rock, Garage, Noise und Power Pop zu einer eigenständigen Handschrift verbindet. Es ist klug geschrieben und musikalisch ambitioniert. THE FREAK ACCIDENT beweisen, dass Reife im Punk nichts mit Abmilderung zu tun hat, sondern mit Schärfung. Hier spielt eine Band, die ihr Handwerk beherrscht und den Mut hat, es bei jedem Song neu auf die Probe zu stellen.

(8 Punkte)

https://thefreakaccident.bandcamp.com/track/the-midnight-show
https://www.facebook.com/thefreakaccident

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