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FLEETWOOD MAC – Tango In The Night

1987/2025 (Rhino Records) - Stil: Pop/Rock

Tango oder Walzer

Als FLEETWOOD MAC im Frühjahr 1987 ´Tango In The Night´ veröffentlichten, war die Band innerlich längst zerrissen. Lindsey Buckingham hatte die Arbeit ursprünglich als Soloprojekt begonnen, Mick Fleetwood kämpfte mit massiven Drogenproblemen, John McVie rang mit seiner eigenen Stabilität, Stevie Nicks pendelte zwischen Solokarriere und Entzugsklinik und Christine McVie schrieb zurückgezogen an ihrem Klavier. Über achtzehn Monate erstreckte sich die Produktion, die meiste Zeit davon in Lindsey Buckinghams Heimstudio in Los Angeles. Dass unter solchen Umständen ein Album entstand, das heute als zweites großes Werk der “Buckingham-Nicks-Ära” gilt, grenzt an ein Wunder.

Musikalisch markiert ´Tango In The Night´ den Schritt in eine hochtechnisierte Popwelt der späten Achtziger. Synthesizer, programmierte Drums und digitale Effekte bestimmen das Klangbild, doch im Zentrum stehen weiterhin starke Songs.

Tango in the Night –
Das Studio-Drama hinter den Kulissen

Lindsey Buckingham arbeitete ursprünglich an seinem dritten Soloalbum und hatte drei Songs fast fertig produziert • Mick Fleetwood erkannte das Potenzial und überzeugte Buckingham, das Material für ein neues FLEETWOOD MAC-Album freizugeben • Die Produktion begann in Los Angeles im Homestudio von Buckingham • Buckingham kontrollierte jeden Aspekt, schichtete Gitarrenspuren in extremer Zahl übereinander und brachte die Tonbänder an ihre technischen Grenzen • Die digitalen Masterbänder waren so empfindlich, dass sie klebten und Fehlermeldungen produzierten • Über Nacht wurden die Bänder im Kühlschrank gelagert, um sie zu stabilisieren • Toningenieur Greg Droman musste beim Schneiden weiße Baumwollhandschuhe tragen, um die Daten nicht zu beschädigen • Für den Hall in ´Big Love´ stellte Buckingham Mikrofone im Badezimmer auf •

Stevie Nicks kam frisch aus der Betty-Ford-Klinik und stand unter dem Einfluss von Klonopin • Sie war insgesamt nur etwa zwei Wochen an den Aufnahmen beteiligt • Teile ihres Gesangs musste sie in Buckinghams Schlafzimmer einsingen, während Buckinghams neue Freundin im Haus anwesend war • Buckingham war mit vielen Vocal-Takes unzufrieden, löschte Spuren oder ersetzte Harmonien durch seine eigene digital manipulierte Stimme • Bei ´Seven Wonders´ erhielt Nicks einen Co-Autoren-Credit, weil sie eine Textzeile falsch verstanden hatte •

Christine McVie benötigte für einen bestimmten Klaviersound sechs Tage, neun verschiedene Instrumente und drei professionelle Klavierstimmer • John McVie zog sich häufig zurück und trank große Mengen Bier, um die psychische Belastung auszuhalten • Mick Fleetwood war offiziell bankrott und lebte zeitweise in Buckinghams Gästehaus • Er ließ alle Uhren aus dem Studio entfernen, damit niemand ein Zeitgefühl behielt • Buckingham verlor dadurch phasenweise komplett das Zeitgefühl und vergaß zu essen •

Die Spannungen eskalierten zunehmend • Ein Wohnmobil wurde in der Einfahrt als Rückzugsort aufgestellt, damit Bandmitglieder den Konflikten im Haus entkommen konnten • In einer paranoiden Nacht glaubte Fleetwood, den Dämon „Beelzebub“ im Studio zu hören, und rief einen katholischen Priester zum Exorzismus • Die Band mischte Drogen so weit, dass ein Salzstreuer mit Kokain gefüllt wurde, um gelieferte Pizzen zu „würzen“ • In einer besonders exzessiven Nacht wurden Buckingham und Fleetwood am Morgen nackt und eng umschlungen im Studio aufgefunden •

Das Albumcover zeigt kein Foto, sondern das Ölgemälde „Homage to Henri Rousseau“ des australischen Künstlers Brett-Livingstone Strong, das Buckingham in einer Galerie entdeckte • Das Motiv verneigt sich bewusst vor Rousseau, der für seine Dschungelszenen bekannt war, obwohl er nie einen echten Dschungel gesehen hatte • Das Bild wurde so fotografiert, dass die Farben extrem gesättigt wirken und den typischen Achtziger-Neoncharakter unterstreichen •

Songs des Großstadtdschungels

Der Opener ´Big Love´ prescht mit nervösem Beat und schneidendem Gitarrenriff voran, Lindsey Buckingham singt gehetzt, während im Refrain die berühmten, theatralischen Atem-Laute wie ein Echo durch den Track schnellen, obgleich die atemlosen Stimmen nicht von Stevie Nicks und Lindsey Buckingham stammen, sondern durch unterschiedlich schnell ablaufende Gesangsspuren beide ihren Ursprung in Stimmlauten von Buckingham haben. Es ist der erste Pop-Hit des Albums, kühl und elektrisiert, womöglich sogar mit Anklängen zu Kate Bush. Der Titelsong ´Tango In The Night´ schwebt hingegen geheimnisvoll, mit röhrenden Gitarren und nächtlicher Stimmung, als würde man durch tropisches Dickicht streifen, vergleichbar mit dem Art Pop von David Bowie.

Christine McVie präsentiert mit ´Everywhere´ eine der edelsten Pop-Hymnen der Dekade. Sanfte Keyboards, ein federnder Rhythmus, eine Melodie, die sofort begeistert und ein Groove im Sinne des New Yorker-Dschungels, der TALKING HEADS und der von Lindsey Buckingham geliebten Post Punk-Ära. Auch der 80s-Classic-Hit ´Little Lies´ stammt aus der Feder von Christine McVie, ein eleganter Midtempo-Popsong mit präzisem Beat und eingängigem Keyboard-Motiv. Hinter der freundlichen Oberfläche erzählt der Text von der bitteren Wahrheit einer zerbröselnden Beziehung. ´Isn’t It Midnight´ vereint hingegen diverse Einflüsse der Achtzigerjahre, High-Tech-Sound, Power-Balladen-AOR und aggressive Gitarren, beinahe wie aus dem Kosmos von GENESIS, HEART und Prince.

Stevie Nicks ist auf dem Album weniger präsent, setzt aber markante Akzente. Der synthielastige Pop-Song ´Seven Wonders´ entwickelt sich mit schimmernden Hooks zu einem jener Songs, die sofort im Ohr bleiben. Ihre Stimme klingt allerdings rauer als früher, beinahe brüchig. Der Song kann zudem musikalisch in der Nachfolge zum Sound von THE CARS betrachtet werden und als Vorläufer des Dream Pop. In ´Welcome To The Room… Sara´, als direkte Anspielung auf ihre Ankunft in der “Betty-Ford”-Entzugsklinik unter dem Pseudonym Sara Anderson, verarbeitet sie ihren dortigen Aufenthalt. Der Song beginnt verhalten, beinahe zerbrechlich, mit jazzigen Akkorden, steigert sich zu einem getragenen Refrain und wirkt wie das Protokoll einer schwierigen Lebensphase.

Selbst ruhigere Stücke wie ´When I See You Again´ oder ´Mystified´ wirken sorgfältig produziert, mit vielschichtigen Chören und feinen Details, die sich nach und nach entfalten. ´When I See You Again´ dokumentiert die Zerrüttung zwischen Stevie Nicks und Lindsey Buckingham, mit einer cleanen Mark Knopfler-artigen Gitarre. ´Mystified´ tönt zwar fast wie ein Ambient-Track von Brian Eno, besitzt aber auch diese perfekt gestapelten Satzgesänge aus der Liebe von Lindsey Buckingham zu den BEACH BOYS, die er durch die Achtzigerjahre Hall-Effekte jagt.

Mit ´Family Man´ und ´Caroline´ zeigt Lindsey Buckingham zwei weitere Seiten seines Songwritings. Ersteres groovt verspielt und äußerst vertrackt, Weltmusik-Rhythmen im Sinne von Paul Simon ergeben in dieser Ausführung einen Art Pop mit Gitarren-Akrobatik, flinke Solo-Einlagen auf der Nylonsaiten-Gitarre mit einem Zwinkern an den Flamenco sowie übereinandergeschichtete Gitarrenspuren mit einem Gruß an Brian May. Zweiteres Lied überrascht mit hartem Taktschlag aus dem Großstadtdschungel und verzerrten Gitarren, ein düsterer Rocksong mit ungewöhnlichen Akzenten, der aufgrund seiner rhythmischen Intensität ebenso an Art Pop der Marke Peter Gabriel erinnert.

´You And I, Part II´ schließt das Album mit einem offenen Arrangement ab. ´You And I, Part I´ existiert im Übrigen auch, als nicht veröffentlichte Single-B-Seite. Doch Lindsey Buckingham widmet sich im Studio erst einmal ´You And I, Part II´. Derweil die Band in der Realität implodiert, singt er von einer heilen Welt, in einem perfekten britischen Pop-Song, in einem perfekten modernen Sound und mit einem dermaßen breiten Grinsen, dass alle Tränen unterdrückt werden. 

Zeitloses Meisterwerk

Rückblickend erscheint ´Tango In The Night´ wie das glänzende Endkapitel einer Ära. Nach der Fertigstellung des Albums eskalierte ein Streit zwischen Stevie Nicks und Lindsey Buckingham. Nicks wollte Buckingham körperlich angreifen, er packte und schüttelte sie. Kurz darauf verließ er die Band, die geplante Tour musste ohne ihn stattfinden. Der enorme kommerzielle Erfolg mit über fünfzehn Millionen verkauften Exemplaren hielt FLEETWOOD MAC zusammen, zumindest äußerlich. Hinter den Kulissen lagen die Nerven blank.

Heute hört man das Album als Momentaufnahme einer Band am Limit, die ihre Spannungen in aufwendig produzierte Popsongs verwandelte. Es besitzt nicht die rohe emotionale Wucht von ´Rumours´, doch FLEETWOOD MAC zeigen sich auf dem Höhepunkt ihres handwerklichen Könnens, technisch versiert, melodisch treffsicher und erstaunlich geschlossen – ein Werk, das die Dekade spiegelt und irgendwie zeitlos geblieben ist.

Audiophiles Meisterwerk

Mit der jüngsten „Rhino Reserve“-Ausgabe erfährt ´Tango In The Night´ eine klangliche Neubewertung, die selbst langjährige Hörer überrascht. “Rhino Entertainment” positioniert diese Pressung bewusst neben der renommierten “Rhino High Fidelity”-Reihe. Die Lacke wurden von Matthew Lutthans im “The Mastering Lab” direkt von den originalen analogen 1/2-Zoll-30-IPS-Mixdown-Mastern geschnitten – Bänder, die für frühere Vinylauflagen offenbar nie genutzt wurden. Gepresst auf 180g-Vinyl bei “Fidelity Record Pressing” in Kalifornien, zeigt die Platte ihren eigenen Charakter.

Im direkten Vergleich zur Pressung aus der 2019/2025 erschienenen Vinylbox ´Fleetwood Mac 1975 To 1987´ werden die Unterschiede besonders deutlich. Die Box-Version von ´Tango In The Night´, auf einem hochauflösenden digitalen Master basierend, klingt sauber, präzise und strahlend, mit klaren Höhen und deutlich hörbaren Synthesizern – typisch für den glasklaren Pop-Sound der 1980er Jahre. Sie transportiert den Glanz der damaligen Produktion, wirkt im Vergleich jedoch etwas nüchterner.

Die „Rhino Reserve“-Edition verfolgt dagegen einen puristischeren Ansatz. Durch den direkten Zugriff auf die analogen Mixdown-Master gewinnt das Album an Substanz: Bass und Mitten sind voller, die Höhen angenehmer eingebunden. Gerade bei komplex arrangierten Stücken entsteht ein Eindruck von Tiefe, Staffelung und Plastizität, der das Hörerlebnis intensiviert.

So wird ´Tango In The Night´ in dieser Fassung zu mehr als einer nostalgischen Achtziger-Referenz. Die „Rhino Reserve“-Pressung legt die handwerkliche Raffinesse von Lindsey Buckingham und seinen Mitstreitern offen und zeigt, wie viel Detail und Substanz in dieser Produktion tatsächlich steckt. Für Sammler und audiophile Hörer ist sie eine der überzeugendsten Vinyl-Editionen dieses Albums überhaupt.

´Tango In The Night´, geschaffen unter enormem persönlichen Druck und inmitten von Drogenproblemen, ist das letzte große Studioalbum der “klassischen Buckingham-Nicks-Ära” und ein audiophiler Pop-Rock-Klassiker, der die 80er auf den Punkt bringt.

https://www.facebook.com/FleetwoodMac

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