PlattenkritikenPressfrisch

JOHN ARCH – Twist Of Fate

2003/2025 (Brutal Planet Records) - Stil: Prog Metal

Als ´A Twist Of Fate´ im Juni 2003 erschien, war das weit mehr als ein bloßes Comeback. Es war eine Sensation. John Arch, die prägende Stimme der frühen FATES WARNING, meldete sich nach siebzehn Jahren Stille zurück – mit zwei ausufernden Stücken, die keinerlei nostalgische Rückschau suchten. Statt vertraute Muster zu reproduzieren, präsentierte sich ein eigenständiges Werk, getragen von einer bemerkenswert klaren künstlerischen Vorstellung.

Schon die Besetzung setzte ein unmissverständliches Zeichen. Neben John Arch standen Jim Matheos an Gitarren und Keyboards, Joey Vera am Bass und Mike Portnoy am Schlagzeug. Vier Musiker mit Referenzstatus, deren Klasse nie zur Selbstinszenierung gereicht. Virtuosität ist dabei jederzeit spürbar, ordnet sich jedoch konsequent dem Song, seiner Dramaturgie und seinem erzählerischen Bogen unter.

´Relentless´ eröffnet die EP mit kontrollierter Spannung. Eine ruhige Bassfigur legt das Fundament, darüber setzt John Arch mit einem beinahe sanften, fokussierten Gesang ein, der Erinnerungen wachruft, ohne sich an ihnen festzuhalten. Der Song wächst stetig, kippt in vertrackte Progressive Metal-Passagen mit harten Riffs. Mike Portnoy treibt das Stück mit präzisem, komplexem Spiel voran, während Jim Matheos mühelos zwischen metallischer Schärfe und weitschweifigen Keyboardflächen wechselt. Über allem thront John Archs Stimme, hoch, klar, unverwechselbar, mit langen Melodiebögen und einem Gespür für Spannung, das selbst nach Jahren fernab des Musikgeschäfts ungebrochen wirkt. Wenn sich der Song in seinen ersten Höhepunkten öffnet, bettet sich die Seele des Hörers unweigerlich auf Wolken, und im finalen Gipfel schreit sie vor Freude, getragen von der unbestreitbaren Präsenz eines Sängers, der auch nach siebzehn Jahren Stille noch zu den Giganten des Progressive Metal zählt.

´Cheyenne´ schlägt bewusst leisere Töne an. Der balladeske Einstieg, getragen von akustischen Gitarren und sanften Harmonien, erzeugt eine melancholische Grundstimmung, die sich allmählich zu einem großen Prog-Epos entfaltet. Der Song pendelt zwischen stillen, emotionalen Passagen und kraftvollen, mitreißenden Steigerungen, die der Gesang in allen Gefühlslagen durchschreitet. John Arch liefert hier eine seiner eindrucksvollsten Leistungen ab, stellenweise verletzlich, dann wieder hymnisch und ausschweifend. Während Joey Vera mit geschmeidigem Bassspiel für Stabilität sorgt, bleibt Mike Portnoy bewusst songdienlich, setzt Akzente mit Bedacht und vermeidet jede Überzeichnung. In voller Pracht trägt John Arch im finalen Abschnitt nochmals wortlose Akrobatik vor, ehe die letzten Minuten von der Melodie wie auf Händen getragen werden und zum balladesken Auftakt zurückkehren.

Die Texte von ´A Twist Of Fate´ bilden das eigentliche Epizentrum dieser Veröffentlichung. John Arch nutzt Sprache als präzises Werkzeug, um innere Zustände offenzulegen, die sich über Jahre aufgebaut haben. In ´Relentless´ steht der Konflikt mit Herkunft und Erwartungshaltungen im Fokus, mit religiöser Doppelmoral und einer Kindheit, in der Anerkennung stets an Bedingungen geknüpft war. John Arch arbeitet mit klar umrissenen Bildern, wenn er von Träumen, Schuld und innerer Kontrolle spricht. Die Zeile über die hungrige Psyche des Kindes bündelt das Thema des Songs wie ein Brennpunkt.

Persönliche Erinnerung und Gegenwart überlagern sich dabei permanent. Kindliche Szenen, das Springen von Steinen über stilles Wasser oder das vergebliche Warten auf Nähe, stehen neben Momenten religiöser Heuchelei und moralischer Kontrolle. John Arch kommentiert diese Bilder nicht, ihre Wirkung entfaltet sich aus der bloßen Gegenüberstellung. Der Vogel im Käfig, der nur deshalb so schön singt, weil er gefangen ist, wird zu einem zentralen Motiv des gesamten Werks, als Sinnbild für Kreativität, die aus Begrenzung und innerem Widerstand entsteht. Der Text endet in einem bewussten Akt der Selbstbehauptung, im Entschluss, die Ketten des eigenen Elends zu sprengen, nicht durch Flucht, sondern durch Konfrontation.

´Cheyenne´ öffnet den Blick und verlagert den Schwerpunkt hin zu Verlust, Erinnerung und einer sehr persönlichen Spiritualität. Der Song wirkt wie ein langer Weg durch Trauer, auf dem Abschied und Hoffnung eng miteinander verwoben sind. Der Name wird zur Projektionsfläche für Nähe, die nicht mehr greifbar ist, für Gespräche, die nur noch im Inneren geführt werden. John Arch schreibt über Abwesenheit ohne Sentimentalität und über Glauben jenseits institutioneller Bindung. Wiederkehrende Bilder von Himmel, Wind und Weite verleihen dem Text eine zeitlose Qualität, die das Persönliche über das Private hinaushebt.

Besonders eindrucksvoll ist die Haltung, mit der religiöse Motive ausgearbeitet werden. Kreuze, Märtyrer und Erlösungsversprechen tauchen auf, werden jedoch konsequent hinterfragt. Statt auf jenseitige Antworten zu hoffen, bekennt sich der Text zum Leben im Hier und Jetzt, zu Verantwortung und Selbstbestimmung. Die Zeile, lieber mit den Wölfen zu tanzen als in Ehrfurcht zu erstarren, markiert einen klaren Bruch mit überlieferten Glaubensmustern und setzt ein starkes Zeichen für Eigenständigkeit.

Beide Texte wirken wie zwei Kapitel derselben Geschichte. ´Relentless´ beschreibt den Kampf, ´Cheyenne´ das Weitergehen. John Arch schreibt hier nicht als Mythos des Progressive Metal, sondern als Mensch, der seiner eigenen Vergangenheit standhält. Diese Offenheit verleiht ´A Twist Of Fate´ seine besondere Wirkung. Es bleibt ein Werk von seltener Aufrichtigkeit und bis heute ein Fixpunkt für all jene, die Progressive Metal als Ausdruck persönlicher Wahrhaftigkeit begreifen.

´A Twist Of Fate´ ist kein simpler Ableger, sondern eine geschlossene Botschaft. Die 28 Minuten wirken nicht knapp, sondern tragen in jedem Ton und Moment ihr Gewicht. Für viele Fans der frühen FATES WARNING war diese Veröffentlichung ein unerwartetes Geschenk, für andere eine späte Offenbarung.

Klassiker.

https://www.facebook.com/JohnArch111

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"