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THUNDER – Live

1998/2026 (earMUSIC / Edel) - Stil: Rock/Hardrock

Wenn ein Livealbum den Anspruch erheben darf, von bleibender Relevanz zu sein, dann gehört ´Live´ von THUNDER genau in diese Kategorie. Die nun erstmals auf Vinyl erhältliche, 2025 neu gemasterte Edition dieses 1998 veröffentlichten Werkes zeigt eine Band auf dem Höhepunkt ihrer Ausdruckskraft, musikalisch geschlossen, spielerisch souverän und mit einer gelebten Selbstverständlichkeit vorgetragen.

Aufgenommen im November 1997 in Wolverhampton und London, fängt ´Live´ eine Phase ein, in der THUNDER längst über den Status des britischen Hardrock-Geheimtipps hinausgewachsen waren. Daniel Bowes führte die Band mit seiner unverwechselbaren Stimme und seinem Bühnencharisma, Luke Morley und Ben Matthews spielten ihre Gitarren mit einem druckvollen, oft bluesgetränkten Ton, Gary „Harry“ James trieb das Geschehen mit kernigem, präzisem Schlagzeugspiel voran, und mit Chris Childs hatte die Band endlich ihren dauerhaften Bassisten gefunden. Dieses Line-up war eine echte Einheit.

Der Auftakt mit ´Welcome To The Party´ ist programmatisch. Der Song marschiert mit breitem Riff und Selbstbewusstsein los, politisch gefärbt und unmissverständlich. ´Higher Ground´ zieht das Tempo an und setzt früh auf ein gewisses Mitsing-Potenzial, bevor ´Don’t Wait Up´ mit funkiger Schlagseite und federndem Groove zeigt, wie locker THUNDER auch abseits klassischer Hardrock-Pfade agieren können. ´Low Life In High Places´ baut sich langsam auf, live sogar voller Schärfe und steigert sich in einen massiven Refrain.

Mit dem Spencer-Davis-Group-Klassiker ´Gimme Some Lovin’´ verwandelt die Band die Halle endgültig in einen brodelnden Hexenkessel. Orgel und Gitarre treiben den Song nach vorne, Daniel Bowes animiert das Publikum mit sichtlicher Freude. ´Empty City´ folgt als düsterer, schleppender Rock-Song, dessen schwere Akkorde und eindringlicher Gesang eine fast bedrückende Intensität erzeugen. ´Until My Dying Day´ beginnt balladesk, wächst schrittweise und explodiert im Refrain zu einem dieser typischen THUNDER-Momente.

´A Better Man´ wirkt live direkter und rauer als auf dem Studioalbum, während ´Does It Feel Like Love?´ als melodischer Rock-Song mit großer Geste überzeugt. Der Sly-and-the-Family-Stone-Titel ´Dance To The Music´ wird zur ausgelassenen Jam-Nummer, äußerst verspielt und ganz bewusst als Kontrastpunkt im Set platziert. ´She’s So Fine´ bringt das Geschehen schnell wieder auf Hardrock-Kurs, bevor ´Backstreet Symphony´ als hymnisches Schwergewicht erscheint, getragen von mächtigen Akkorden und einem die ganze Halle vereinahmenden Refrain.

Mit ´An Englishman On Holiday´, einem flotten Rocker, zeigen THUNDER Humor und Beobachtungsgabe, während ´I’ll Be Waiting´ das Tempo herausnimmt und als melancholische Ballade Raum für Daniel Bowes’ stimmliche Qualitäten lässt. ´Laughing On Judgement Day´ gehört zu jenen Songs, die live noch eindrucksvoller wirken als auf Platte.

´Like A Satellite´ schwebt zunächst ruhig dahin, steigert sich allerdings zu einem dramatischen Finale, ´Moth To The Flame´ setzt auf eine kraftvolle Gitarrenarbeit. ´Living For Today´ ist hymnisch und fängt das damalige Selbstverständnis der Band perfekt ein. ´The Only One´ präsentiert sich als moderner Hardrock-Song jener Tage, und mit klarer Melodieführung.

Der Schlussblock ist ein Paradebeispiel für Dramaturgie. ´Love Walked In´ zeigt sich als große Ballade mit epischem Aufbau, ´River Of Pain´ steigert die Intensität mit treibendem Rhythmus und schneidenden Riffs, bevor ´Dirty Love´ als ausgelassener Rausschmeißer alles bündelt, wofür THUNDER stehen: Energie, Spielfreude und unmittelbare Nähe zum Publikum.

Das Remastering verleiht dem Album eindeutig mehr Klarheit und Durchsetzungskraft, ohne die rohe Direktheit der Originalaufnahmen zu glätten. Die neue Vinyl-Ausgabe macht hörbar, wie kraftvoll THUNDER in jener Phase waren. ´Live´ ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, warum diese Band ihren Platz in der Geschichte des britischen Hardrock verdient. Es ist ein Livealbum, das auch fast drei Jahrzehnte später nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat, sodass es nach wie vor zu den besten Livealben seiner Zeit zählt.

(9 Punkte)

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Pic: Ross Halfin

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